Kapitel 3

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Im Zug setzte ich mich auf meinem Platz und musste es mir dort drei Stunden lang gemütlich machen. Mein Koffer stellte ich einfach neben mir ab, weil oben kein Platz dafür war. Als ich da saß und anfangen wollte mich zu beschäftigen, bemerkte ich, dass ich etwas vergessen habe.

Mein Laptop.

Stöhnend ließ ich mein Kopf nach hinten fallen und starrte auf die Decke. Was soll ich jetzt drei Stunden lang machen? Ich nahm meine Tasche an mich und durchstöberte nach etwas, womit ich mich beschäftigen konnte. Ich hatte Glück. Ich hatte ein Buch dabei.

City of Fallen Angeles - Chroniken der Unterwelt. Wie ich es liebte Fantasy zu lesen! Von Lesen wurde es mir nie langweilig. Die drei Stunden würden wahrscheinlich schnell umgehen, wenn ich bis dahin nur lesen sollte, aber ich denke mal, dass ich schon früher fertig werden würde. Ich brauchte nicht lange, um ein Buch durch zu lesen.

Ich hatte ein Vierer-Platz für mich ganz alleine. Da konnte ich es mir so richtig gemütlich machen. Ich machte mich wirklich breit und zog zuerst meine Schuhe aus und tat dann meine Füße auf den gegenüber liegenden Sitz. Eine alte Frau, die an mir vorbei ging, starrte mich fassungslos an und schüttelte leicht den Kopf, aber sagte nichts. Sie sollte sich mal nicht so anstellen. Sie dachte auch, ich hätte etwas schlimmes getan. Ich habe keinen Menschen umgebracht, oder so. Außerdem saß ja keiner da und meine Füße stanken nicht. Also konnte ich damit keinen belästigen. Nun fing ich an mein Buch zu lesen und konzentrierte mich vollkommen darauf. Ich durfte mich durch die Gespräche von anderen Leuten im Zug nicht ablenken lassen. Ebenso von den Geräuschen des Zugs.

Langsam war ich mehr und mehr in diesem Buch vertieft, dass ich gar nicht bemerkt hatte, wie Leute an mir vorbei gingen und oder mich anstarrten, doch dann hörte ich ein Geräusch, wobei ich mich erschrak. Schnell zog ich meine Beine vom Sitz und legte mein Buch aufgeschlagen auf die Seite. Wieder hörte ich das Geräusch.

Mein Handy, schoss mir durch den Kopf. Verwundert starrte ich meine Tasche an und holte mein Handy heraus. Auf dem Display stand Verpasster Anruf (2).

Ich entsperrte mein Handy und guckte nach, wer mich angerufen hatte. Da stand irgend so eine Nummer. Es stand kein Unbekannt, aber ich kannte die Nummer auch nicht. Deshalb rief ich den Anrufer mal zurück an. Ich wartete eine Weile und dann hörte ich, wie jemand abhob und „Hallo Grace" sagte.

Am ganzen Körper entstand eine Gänsehaut. Es war eine tiefe männliche Stimme.

„Dad?", fragte ich.

Ich war mir nicht sicher, ob es mein Vater war. Seit fünf Jahren hatte ich überhaupt keinen Kontakt mehr zu ihm gehabt. Der Mann am Telefon bejahte meine Vermutung.

„Okay. Und wieso rufst du an?", sagte ich mit rauer Stimme und schluckte.

„Ich wollte nur nachfragen, ob du schon im Zug sitzt", meinte er und seine Stimme war immer gleich. Er hörte sich nicht glücklich, traurig, verwundert oder sonst etwas an. Immer gleich und so gefühllos einfach. Das habe ich wohl von ihm geerbt.

„Ja, tu ich", gab ich zurück.

„Ruf mich an, wenn du angekommen bist."

Ich gab von mir ein „Okay" und dann legten wir auf.

Als ich mein Handy wieder weg steckte, atmete ich zuerst tief ein und dann wieder aus. Das war für mich echt eine Überraschung. Mit meinem Vater am Telefon hatte ich nicht gerechnet. Nach den fünf Jahren klang er auch noch anders. Ich hatte immer mehr ein mulmiges Gefühl, wenn ich an unser Telefonat von gerade eben denken musste.

Wie würde mein Vater reagieren, wenn er mich sehen würde? Würde er mich immer noch als sein kleines Mädchen betrachten, oder als das Omen, wie meine Mutter mich nannte?

Ich vergaß viele Dinge über meinem Vater. Ich hatte vergessen, wie er lachte, wie er sprach, wie er sich verhielt. Sogar an sein Aussehen erinnerte ich mich nur noch sehr verschwommen. Ich konnte mich fast nur an die Sachen erinnern, als er sich mit meiner Mutter gestritten hat. Der Grund, wieso meine Eltern sich getrennt hatten, war, dass meine Mutter ihn mehrmals fremd gegangen war. So eine Schlampe! Ich schämte mich manchmal echt dafür, dass sie meine Mutter war, aber konnte ich das auch zu meinen Vater sagen?

Er verschwand einfach danach. Er hat sich nicht mal richtig von mir verabschiedet. Er war einfach weg und somit brach unser Kontakt ab. Ich wusste nie, ob ich auf meinem Vater sauer sein sollte. Er war derjenige, der verletzt wurde. Vielleicht brauchte er einfach Abstand von uns, oder mochte er mich nicht? Ihm war ich doch nicht egal, oder etwa doch?

Ich versuchte einfach nicht mehr an die Vergangenheit zu denken und wandte mich wieder meinem Buch zu.

Von dem ganzen Lesen bekam ich Durst. Aus meiner Tasche holte ich meine Wasserflasche und trank paar Schlücke daraus. Als ich sie wieder weg tat, holte ich mein Handy heraus, um zu sehen, wie spät wir hatten.

„11:34 Uhr", kam es über meine Lippen, als ich es in einer Flüsterstimme lies. Schließlich legte ich mein Handy weg und gerade dann hielt der Zug an.

Ich war schon im Birmingham. Gerade traten sehr viele Menschen in den Zug ein und welche, stiegen aus. Ich hoffte so sehr, dass keiner sich zu mich setzten musste und das tat auch keiner. Mehr Platz für mich! Ich wollte nicht mehr weiter lesen. Deshalb nahm ich mein Handy mit den Kopfhörern und stöpselte sie mir in die Ohren. Ich hörte den Song „Surrender" von Billy Talent und dabei schaute ich aus dem Fenster.

Draußen an den Gleisen, standen sehr viele Leute und warteten auf etwas. Auf jemanden oder auf den nächsten Zug? Draußen entdeckte ich schließlich ein Pommesstand und der Hunger in mir stieg. Ich schaute auf mein Handy und ich hatte vier Minuten Zeit, bevor der Zug weiter fahren würde. Schnell nahm ich mein Portemonnaie und beeilte mich. Ich lief aus dem Zug und flitzte rüber zum Pommesstand. Nur eine Person stand vor mir und dann bekam er auch schon seine Pommes und ging zur Seite, damit ich auch dran kommen konnte. Ich kaufte mir eine große Pommes ohne alles. Ich sah zu wie der Verkäufer eine große Schale in seiner Hand hielt und in seiner anderen Hand hielt er eine Schaufel ähnliches Ding, womit er die Pommes in die Schale tun konnte.

Ich erhielt meine Pommes und er bekam sein Geld. Als ich mich bedankte und mich umdrehte, sah ich wie die Türen vom Zug sich langsam zugingen und ich wusste, dass ich es nicht rechtzeitig schaffen würde.

Dark HeartWo Geschichten leben. Entdecke jetzt