Rebellion

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Kurz nach ihrem 14. Geburtstag kam es zur ersten offenen Rebellion Anne's gegen ihre Eltern. Sie wollte unbedingt einen modischen Kurzhaarschnitt und ihre Eltern hatten ihr versprochen, ihr einen Friseurbesuch zu ihrem 14. Geburtstag zu schenken. Doch der 14. Geburtstag kam und ging, ohne dass etwas passiert wäre. In der Annahme, sie hätten es vergessen, erinnerte Anne ihre Mutter an den versprochenen Friseurbesuch.  Ihre Mutter, - Käthe - versprach, mit ihrem Vater zu reden.  - Ohne Erfolg! - Johan verbot seiner Tochter, sich von ihren langen, blonden Haaren zu trennen. 

Außer sich vor Wut und Enttäuschung griff Anne zur Schere, nachdem Johan gegangen war und schnitt sich den langen Zopf ab. Nun sah sie noch schlimmer aus als vorher, denn der Schnitt war krumm und schief und die Haare hingen in Zotteln herunter. Enttäuscht ging sie zu Bett und heulte sich in den Schlaf.

Als sie am nächsten Morgen mit ihren Zottelhaaren am Frühstückstisch erschien, traf die Eltern fast der Schlag! - Anne's Vater fasste sich als Erster. Ohne ein Wort zu verlieren, stand er auf, ging zu Anne hinüber und prügelte sie grün und blau. Dann schickte er sie ohne Essen in ihr Zimmer und meldete sie in der Schule krank, denn so wie sie jetzt aussah, mit schief geschnittenen Haaren, konnte sie sich unmöglich draußen blicken lassen. Am Nachmittag durfte sie endlich zum Friseur und kam mit einer schicken Kurzhaarfrisur zurück. 

"Geht doch" , dachte sich Anne, als sie sich zu Hause im Spiegel betrachtete, "Warum nicht gleich so?"

Von nun an wurde die Rebellion zu ihrer zweiten Natur. Mit ihren extremen Ansichten brachte sie Eltern und Lehrer gegen sich auf. Ihre Schulleistungen wurden so schlecht, dass sie die achte Klasse wiederholen musste. Ihre Eltern waren mit ihrer Weisheit am Ende und kamen nicht mehr mit ihr klar. Aber komischerweise zeigte sie bei ihren Verwandten und Freunden untadeliges Benehmen und DIE konnten nicht verstehen, was Johan und Käthe an ihrer Tochter auszusetzen hatten. Sie versuchten zu vermitteln. Rainer, mit dem sie eine enge Freundschaft verband, versuchte zu vermitteln. Es war zwecklos.

Anne kündigte an, aus der katholischen Kirche austreten zu wollen, - und bezog Prügel von ihrem Vater.

Von ihrem gesparten Taschengeld kaufte sie sich ausrangierte Militärhosen aus Bundeswehrbestand, - und kassierte Ohrfeigen von ihrer Mutter, sowie ein Taschengeld-Verbot für drei Monate von ihrem Vater. Die Hosen hätte sie eigentlich nicht tragen dürfen, tat es aber trotzdem. Mit einem Kleid ging sie zur Schule und zog sich noch vor Unterrichtsbeginn auf der Toilette um. Nach Unterrichtsende steckte sie die Hose wieder in ihre Schultasche und zog das Kleid an. Ihre Eltern merkten lange nichts, bis sie eines Tages nach Schulende das Umziehen vergaß und mit der Hose heimkam. - Natürlich setzte es wieder Prügel! Die Hosen wurden aussortiert und landeten im Müll. 

Nachdem sie ihren Realschulabschluss in der Tasche hatte, besorgte ihr Vater ihr einen Job bei der Bahn. Dort wurde sie überall eingesetzt, wo Not am Mann war; in der Güterabfertigung, wo sie oft schnell über die Bahngleise rennen musste, um dem Lokführer die Frachtpapiere mitzugeben, in der Fahrkartenausgabe, wo es auf Schnelligkeit bei der Kundenbedienung ankam, denn die Leute wollten den Zug nicht verpassen,  in der Lohnbuchhaltung gab man ihr eine vorsintliche Buchungsmaschine und mokierte sich darüber, dass sie nicht rechtzeitig mit ihrer Arbeit fertig wurde. Nur im Büro und ohne Zeitdruck arbeitete sie gut. Im Klartext hieß das; man konnte sie bei der Bahn nicht gebrauchen. Als ihr Vater das Kündigungsschreiben in der Hand hatte und vorlas  ".... ist körperlich nicht in der Lage und wird es vermutlich auch niemals sein, die gestellten Aufgaben zu voller Zufriedenheit zu erfüllen..." rastete er aus und bedachte Anne mit sämtlichen Schimpfwörtern, die ihm gerade einfielen. Das Leben zu Hause wurde unerträglich; vor allem auch deswegen, weil Johan sich während einer Urlaubsreise nach Finnland seiner Tochter unsittlich genähert  und Anne in Folge auch noch den allerletzten Rest an Respekt für ihn verloren hatte. 

Um ihrem ungeliebten Elternhaus zu entkommen, heiratete sie mit 19 Jahren einen Fahrladeschaffner, den sie während ihrer Zeit bei der Bahn kennengelernt hatte.  Doch die Ehe stand unter keinem guten Stern, hielt nur ein Jahr und endete damit, dass Anne ihre Reisetasche packte, nachdem ihr Mann sie grundlos geohrfeigt hatte und mit 500 DM Reisegeld ein Zugticket nach London kaufte. OHNE Rückfahrt, OHNE Lebenserfahrung und OHNE Anlaufadresse in London.  Sie musste eine ganze Horde Schutzengel gehabt haben, die aufpassten, dass sie in London nicht unter die Räder kam, denn dieses Abenteuer hätte auch ganz anders ausgehen können...



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