Bürgerkrieg, Teil 1

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Sehr schnell hatte sich Anne an die Bürgerkriegs-Zustände in Nordirland gewöhnt; an die täglichen Terror-Warnungen und an die Präsenz des britischen Militärs, das in regelmäßigen Abständen in der Stadt patroullierte. Die Polizisten in Nordirland waren bis an die Zähne bewaffnet und an öffentlichen Plätzen gab es Kontrollen. Ladenketten, die ihren Sitz im Freistaat Irland hatten, wurden von irischstämmigen Katholiken besucht, während jene, die in britischer Hand waren, von der protestantischen Bevölkerung frequentiert wurden, deren Vorfahren vor Jahrhunderten aus Schottland und England eingewandert waren und die Wert darauf lagen, zum britischen Mutterland zu gehören.

Anne war egal, ob sie die Hemden von Katholiken oder Protestanten auf ihrem Bügeltisch hatte. Dankbar nahm sie jeden Kunden, der für ihren Service bezahlte.

Nach einem Jahr hatte sie sich gut eingelebt und die tägliche Bombenbedrohungen waren schon längst Alltag geworden, als Anne eines Samstagmorgens zum Einkaufen in die Stadt ging. Der Samstag war in Nordirland traditionell der Familien-Einkaufstag und Stadt rappelvoll. Doch als sie an diesem Samstag in die Stadt ging, waren die Straßen gähnend leer. Irgend etwas stimmte nicht. Als sie näher ging um zu sehen, WAS nicht stimmte, erschien eine Polizistin aus einer Seitenstraße und schrie: "ZURÜCK!!!" - Anne reagierte nicht sofort. - "Z U R Ü C K!!!!" Die Polizistin wurde hysterisch. Diesmal reagierte Anne und bog in die Thomas Street ein, wo schon viele Menschen an Absperrgittern warteten. Es hatte eine Bombendrohung gegeben; wieder einmal. Noch während Anne mit den anderen Wartenden diskutierte, wann die Sperrung aufgehoben werden würde, ging die Bombe hoch. Es gab einen ohrenbetäubenden Knall. Die darauf folgende Druckwelle riss Anne zu Boden. Über der Innenstadt, dort wo Anne ihre Einkäufe hatte tätigen wollen, war eine riesige, schwarze Rauchwolke zu sehen. Rechts und links  regnete es Glasscherben auf die Straße; von der Druckwelle aus den Fensterrahmen gedrückt. Wie durch ein Wunder wurde niemand durch das herabfallende Glas verletzt.

Anne rappelte sich auf und ging nach Hause. Sie hatte sich beim Fallen die Knie aufgeschlagen und auch aus ihrem Ohr blutete es, was sie aber nicht sogleich bemerkte. Als sie ihre Wohnung in der Carleton Street erreicht hatte, erkannte sie diese fast nicht wieder. Alle Fensterscheiben waren zu Bruch gegangen und drinnen sah es aus, wie es eben nach einem Bombenanschlag aussah...... Anne setzt sich auf ihr Bett und heulte. Von oben kam ihre Mitbewohnerin herunter und fragte, ob Anne noch etwas zu Essen ergattert hatte, bevor die Bombe hochging. Anne verneinte. Da die ganze Stadt zerstört war, würden sie nun hungern müssen, bis Hilfe von außen kam, dachten sie. Doch eine andere Mitbewohnerin, eine alte, krisenerprobte Frau in ihren 80ern, hatte für eben diesen Notfall vorgesorgt und lud die ganze Hausgemeinschaft zum Dinner ein. Bei ausreichend Frischluft durch kaputte Fenster tafelten sie an einem prächtig gedeckten Tisch mit blütenweißem Damast-Tischtuch und Kristallgläsern, die in ihrer Verpackung heil geblieben waren. Es gab Lammbraten und Ofenkartoffen mit Spinat und Cherry-Tomaten. Dazu einen passenden Rotwein. Unten auf der Straße fuhren die Panzerwagen des Militärs im Minutentakt vorbei. Die ganze Szenerie war grotesk.

Am nächsten Morgen entdeckte Anne beim Aufwachen Blut auf ihrem Kopfkissen. Da sie aber tausend andere Sorgen hatte, kümmerte sie sich nicht weiter darum. Als auch in den folgenden Tagen die Blutung nicht aufhörte, wählte sie die Nummer ihres Hausarztes. Gewohnheitsmäßig hielt sie den Telefonhörer ans linke Ohr; das Ohr, aus dem es blutete. Sie hörte .....NICHTS. Erst als sie den Hörer ans andere Ohr hielt, hörte sie die Stimme der Sprechstundenhilfe. Im linken Ohr war durch die Bombenexplosion das Trommelfell geplatzt und in Folge war das Ohr stocktaub.

Dies war aber noch nicht alles! - Immer wieder "hörte" sie die Bombenexplosion. Anfangs dachte Anne noch, es wären erneut Bomben hochgegangen, aber als sie aus dem Fenster blickte, war alles ruhig. Es dauerte viele Wochen, bis sie den "Trojaner" in ihrem Kopf davon überzeugt hatte, dass KEINE neue Bombe explodiert war. Der "Trojaner" verstand und änderte seine Taktik. Nun hörte Anne Wecker- und Türklingel, zu allen Tages- und Nachtzeiten, obwohl es überhaupt nicht geklingelt hatte. Den "Trojaner" in ihrem Kopf wurde Anne Zeit ihres Lebens nicht mehr los.....

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