Bürgerkrieg, Teil 3

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Nach der Bombenexplosion '93 änderte sich das Leben für viele Leute in Portadown radikal; so auch für Anne. Der Bügel-Service brachte ihr kaum noch etwas ein; sie musste umschulen. In einem Gründerkurs, der aus Europäischen Fördertöpfen finanziert wurde, lernte Anne etwas über Betriebsführung, Auftrags-Generierung, Werbung, Kundenservice, Steuer- und Sozialwesen, Abrechnung, Buchhaltung und vieles mehr.  Nach Abschluss des Kurses schaffte sich Anne von ihrem letzten Geld einen Computer an, mit dessen Hilfe sie Steinschmuck und Möbelstoffe aus Deutschland importierte. Bekleidungsstücke aus Schafwolle exportierte sie. Das Geschäft lief schleppend an.

Zu allem Übel wurde Anne auch noch krank. Eine Blase am Fuß, die nicht heilen wollte, entzündete sich. Der Fuß schwoll auf Elefantenfußgröße an. Sie musste ins Krankenhaus, wo sie mit Höchstdosen Antibiotika behandelt wurde. Nach einer Woche wurde sie aus dem Krankenhaus entlassen, aber der Fuß war immer noch dick. In der Folgezeit wurde sie immer mal wieder ins Krankenhaus eingeliefert, weil die Entzündung immer wieder aufflammte. Mit der Zeit entwickelte Anne eine Resistenz gegen Antibiotika. Nichts half mehr. Sie musste sich auf ihr Immunsystem verlassen, das die fiesen Bakterien bekämpfte, die in ihren Körper eingedrungen waren.

Trotz allen Schwierigkeiten fühlte Anne sich in Nordirland wohl. Dies lag vor allem an den Menschen, die ihr ausnahmslos freundlich begegneten; ganz anders, als sie von Deutschland her gewohnt war. Vom Staat erhielt sie die Hilfen, die sie brauchte; war bei den Behörden als Gehandicapte mit Hirnlähmung registriert, was ihr zusätzlich etwas Geld einbrachte. Eine Sozialarbeiterin schaute in regelmäßigen Abständen vorbei. Niemand gängelte sie. Niemand mobbte sie. Niemand demütigte sie. Das war eine neue Erfahrung für Anne, die sie als sehr angenehm empfand.

Mit ihrer Ehescheidung gab es anfangs ein Problem. Noch nie war in Nordirland eine Ehe geschieden worden, bei der BEIDE Ehepartner Ausländer waren. Anne's Anwalt war skeptisch, ob das Gericht in Belfast ihren Antrag auf Scheidung annehmen würde. Briefe zwischen nordirischen und deutschen Behörden gingen hin und her und lange sah es so aus, als ob Anne nach Deutschland zurückkehren müsste, um geschieden zu werden. Doch dann machten die deutschen Behörden einen Fehler, der die Nordiren schäumen ließ vor Wut... und so nahmen sie den Anne's Antrag an und die Ehe wurde auf Grund von "häuslicher Gewalt" in Belfast geschieden. So geschehen im Herbst 1997.

Ein halbes Jahr später, im Februar 1998 wurde Portadown abermals von einer Bombenexplosion erschüttert. Wieder verlor Anne ihre Existenzgrundlage, denn ihr Computer war durch die Druckwelle zerstört worden. Zur gleichen Zeit kamen Unterhaltsforderungen ihres ältesten Sohnes, der mit seinem Jura-Studium begonnen und Bafög-Leistungen vom Staat beantragt hatte.  Anne schäumte vor Wut! - Hatte ihr Sohn keine zwei gesunde Hände und Füße und konnte ARBEITEN, um sein Studium zu finanzieren? - Offensichtlich nicht! - Mit allen juristischen Mitteln und Finessen versuchte er, seine Unterhaltsforderungen durchzusetzen. Als er mit einem internationalen Haftbefehl drohte, kehrte Anne nach Deutschland zurück und stellte sich dem Kampf, den am Ende NIEMAND gewann; ihr Sohn nicht, denn Anne hatte kein Einkommen und Anne nicht, denn sie verlor ihren Sohn durch diese unschöne Episode. Das Letzte, was sie von ihm hörte war, dass er sein Jura-Studium erfolgreich abgeschlossen und kurz darauf geheiratet hatte.



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