Mukesh

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Im Frühjahr 1979 verließ Anne die Nachtfähre von Dover nach Ostende und stieg in den Zug Richtung Köln. Sie hatte einen Blitzbesuch bei Freunden in London gemacht um zu erkunden, ob es für sie und ihr ihren Sohn eine Rückkehrmöglichkeit gäbe. Während sie in London war, passte ihre jüngere Schwester zu Hause auf den Kleinen auf.

Auch nach dem Vater ihres Kindes hatte sie gefahndet, weil sie wusste, dass das Jugendamt nach seiner Anschrift fragen würde, wenn sie aus England zurückkam. Der Kontakt zum Kindesvater war abgebrochen, nachdem Anne ihm von ihrer Schwangerschaft erzählt hatte und er die Vaterschaft einfach abgestritten hatte. Dabei sah sein Sohn ihm ähnlich, wie aus dem Gesicht geschnitten.

Der Zug war brechend voll. Anne lief von Waggon zu Waggon und von Abteil zu Abteil, bis sie schließlich doch noch einen freien Sitzplatz fand. Höflich fragte sie ihre Mitreisenden, ob der Platz noch frei wäre und als sie bejahten, stellte sie ihre Reisetasche unter den Sitz ab und nahm Platz. Der Zug fuhr an und Anne versuchte, ein bisschen zu schlafen.

Gegenüber von Anne saß ein junger Mann, ein Brite indischer Abstammung, der ohne Unterbrechung quasselte und Anne kaum schlafen ließ. Es war sechs Uhr morgens und die meisten Leute im Abteil dösten, außer einem Mann am Fenster, der sich angeregt mit dem Briten unterhielt. Im Halbschlaf bekam Anne mit, dass ihr Gegenüber Mukesh hieß und in einem Londoner Arbeiterviertel lebte. Er habe gerade seine Ausbildung als Einzelhandelskaufmann beendet und wolle noch etwas von der Welt sehen, bevor er heiratete. Eben erst waren seine zwei älteren Schwestern verheiratet worden, was seine Eltern aufatmen ließ. Als Nächster wäre er an der Reihe, aber das hätte noch ein paar Jahre Zeit, meinte er. Sein Gesprächspartner am Fenster erkundigte sich, wo Mukesh's Reise denn hinginge. Er wisse es noch nicht,  antwortete Mukesh, er wolle sich Deutschland ansehen und schauen, was sich ergäbe. Ein bestimmtes Ziel hätte er noch nicht.  Bei diesem Satz horchte Anne auf und als sich der Zug dem Kölner Hauptbahnhof näherte und Anne ihre Reisetasche unter dem Sitz hervorholte und sich zum Aussteigen fertig machte, sagte sie beiläufig zu Mukesh: "Wenn du magst, kannst du mit kommen. Du bist mein Gast." - Mukesh war sprachlos und man konnte in seinem Gesicht ablesen, dass er sich fragte, ob Anne's Angebot ernst gemeint war oder nicht. Der Zug hielt. Anne öffnete die Abteiltür und bevor sie es verließ, drehte sie sich noch mal um und fragte Mukesh: "Kommst du?" ....

Natürlich folgte Mukesh der jungen Blondine. Billiger konnte man nicht an einen Schlafplatz kommen. Was er nicht wusste...., Anne hatte ihn im Zug genau beobachtet. Sie entschied, dass er der richtige Mann sein könnte, der ihr helfen würde, ihre Wohnung zu renovieren, ohne dass es viel kosten würde.

Gemeinsam stiegen sie in Köln in den Regionalzug, der sie in Anne's Heimatort brachte. Als sie ihre Wohnung betraten, war es erst zehn Uhr. Sie hatten noch zwei Stunden Zeit für sich alleine, bevor Anne ihren Sohn aus dem Kindergarten abholen musste und nutzten diese Gelegenheit, um sich besser kennenzulernen. Anschließend holten sie Rainer gemeinsam vom Kindergarten ab und obwohl Anne's Sohn kein Englisch sprach und Mukesh kein Deutsch, verstanden sich die beiden auf Anhieb.

Abends kam die Frage auf, wer das einzige Single-Bett in Anne's Wohnung belegen durfte. Anne überlegte nicht lange, bezog ihr Bett neu und überließ es ihrem Gast. Sie selber schlief auf dem Boden in der Küche.  Doch wie es so ist, wenn zwei junge Menschen verschiedenen Geschlechts auf engem Raum zusammenleben...., passierte es auch hier...., nachdem Anne einige Stunden auf den kalten Fliesen gelegen hatte und die Bodenkälte nicht mehr ertrug, kroch sie zu Mukesh ins Bett. Der machte ihr bereitwillig Platz...

Anne hatte Glück mit ihrem Gast, denn er machte sich nützlich, wo er nur konnte. Anne's Wohnung renovierte er quasi im Alleingang und arbeitete dabei sehr ordentlich, denn Johan hatte an seiner Arbeit nichts auszusetzen, als er zur Kontrolle herein schaute. 

In regelmäßigen Abständen fuhr Mukesh zurück nach England um seiner Familie zu berichten, was er in Deutschland machte und kam dann wieder zurück. Johan hatte ihm längst ein eigenes Zimmer in seinem Hinterhaus zur Verfügung gestellt, für das er Miete kassierte.

Mukesh arbeitete in einem Pizza-Restaurant, richtete einen Bügelservice ein, an dem er Anne Teil haben ließ, machte seinen Führerschein und kaufte sich einen gebrauchten VW Käfer, nachdem er ihn bestanden hatte. Und nachdem er mit Anne und Rainer die nähere Umgebung erkundet hatten, lud er Anne zu einem einwöchigen Urlaub nach Luxemburg ein. Anne's jüngere Schwester erklärte sich bereit, während dieser Zeit auf Rainer aufzupassen.

Die Fahrt nach Luxemburg führte durch das liebliche Moseltal, wo Anne und Mukesh Halt machten und köstlichen Weißwein probierten.  Hier legte der Brite den Grundstein für sein späteres Geschäft in England, indem er mit dem Winzer über Weinlieferungen in seine Heimat verhandelte.

Nachdem sie in Luxemburg angekommen waren und sich in ein Hotelzimmer eingemietet hatten, sah und hörte man tagelang nichts mehr von ihnen.... und sogar, als sie später die Kasematten besichtigten, machte Mukesh Anstalten, Anne in einer der vielen schummrigen Ecken zu vernaschen.

Als sie aus Luxemburg zurückkamen, wartete auf Anne ein Brief aus England mit einem Jobangebot, das sie nicht ablehnen konnte. Eine Gräfin aus dem Bezirk Yorkshire hatte ihr einen Job als Haushaltshilfe angeboten; mit freier Wohnung und einem Taschengeld. Ihren Sohn konnte sie mitbringen. Mukesh reagierte sauer, aber darauf konnte Anne keine Rücksicht nehmen. Die Beziehung der beiden würde zwangsläufig enden, sobald Mukesh's Eltern für ihn die passende Frau fanden und ihn nach England zurück beorderten. Niemand aus Mukesh's Familie wusste von Anne's Existenz und das sollte auch so bleiben.

Wenige Wochen blieben ihr noch zur Reise-Vorbereitung; dann meldete sie ihren Sohn aus dem Kindergarten ab, überließ Mukesh ihre Wohnung und fuhr mit ihrem Sohn nach Yorkshire, wo die Gräfin bereits auf sie wartete. Man schrieb das Jahr 1983 und das neue Schuljahr hatte gerade angefangen.....



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