Anne

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Das Wochenende kam und Johan wartete vor dem "Odeon" auf die junge Frau, die er beim Rosenmontagsball kennen gelernt hatte. Es war Anfang März und von Frühling war noch nichts zu spüren. Der Film würde bald anfangen und Käthe war immer noch nicht da. Dabei hatte sie doch bei ihm den Eindruck hinterlassen, dass sie sich auf das Kino-Date mit ihm freute. Er verstand die Weiber nicht. Als der Film schon längst angelaufen war und sie immer noch nicht auftauchte, ging er frustriert nach Hause und ließ seine schlechte Laune an seiner hilflosen Mutter aus.

Aber auch Katharina war es an diesem Tag nicht besser ergangen. Lustlos half sie ihrer Mutter beim Zubereiten des Mittagessens und beim Ausbessern der Kleidungsstücke, die so lange getragen wurden, bis sie auseinanderfielen. Kleiderstoffe waren schwer zu bekommen im Nachkriegs-Deutschland und nur wenige Geschäfte hatten geöffnet, um die Leute mit den lebenswichtigsten Gütern zu versorgen. Und neue Kleidung war Luxus, den sich damals kaum jemand leisten konnte. 

Nachdem sie mit Stopfen fertig war, fütterte sie noch die Hühner, sammelte deren Eier ein,  schaute nach dem alten Ackergaul, mit dessen Hilfe sie den Kartoffelacker umpflügten, trichterte dem Hofhund ein, er solle gut auf die Hühner aufpassen, ging zurück ins Haus, nach oben in ihr Schlafzimmer und legte sich zu Bett. Bevor sie einschlief, dachte sie noch, dass ihre Mutter ihre einzige Chance auf eine glückliche Beziehung vermasselt hatte.

Mit wenig Lust und Elan ging sie Montags zur Arbeit in dem katholischen Altersheim am Ort, wo sie unter der strengen Aufsicht der Nonnen die Haushaltsführung erlernte. Auf Grund ihrer Ungeschicklichkeit ließ man sie allerdings nur einfache Arbeiten erledigen. Sie war zuständig für's Wäsche waschen, Putzen und Taschentücher bügeln, während ihre geschicktere Kollegin anspruchsvollere Aufgaben erledigen durfte und auch besser entlohnt wurde als Käthe. Das frustrierte sie nur noch mehr.

Johan dachte nicht daran, die erlittene Schlappe auf sich beruhen zu lassen, sondern hörte sich in der Stadt um, ob irgend jemand die schwarzhaarige, kleine junge Dame vom Rosenmontagsball kannte. Er wusste nur, dass sie Käthe hieß, mehr nicht. Allzu lange musste er nicht suchen, denn in der kleinen Stadt, in der er wohnte, kannte praktisch Jeder jeden und so dauerte es nicht lange, bis er an der Tür des Altenheims klopfte unter dem Vorwand, dass seine pflegebedürftige Mutter Hilfe benötigte. Die ungeschickte Käthe war als einzige Hilfskraft abkömmlich und wurde zum Haus Johan's geschickt, damit sie ihm stundenweise bei der Pflege der kranken Mutter half.

"Warum bist du nicht zu unserer Verabredung gekommen?" , war die erste Frage, die Johan ihr stellte, als er sie wiedersah. - "Meine Mutter hat's verboten." , war ihre knappe Antwort. Johan verdrehte die Augen. Er verstand nicht, wie eine erwachsene Person sich noch von ihrer Mutter gängeln ließ. Sie musste in der Tat sehr unselbstständig sein. Er gab ihr Anweisungen, was sie zu tun hatte und fuhr zur Arbeit in der Hoffnung, dass sie alles richtig machte und mit seiner schwierigen Mutter klar kam.

Bald stellte sich heraus, dass Käthe den besseren Draht zu seiner Mutter hatte, als Johan selbst, denn Käthe nahm sich Zeit für die alte Dame, hörte ihr geduldig zu und spendete ihr Trost. Im Haushalt jedoch tat sie nur das Allernötigste, was Johan ab und zu dermaßen auf die Palme brachte, dass er ausrastete, wenn er sah, dass der Boden seit Tagen nicht geputzt war und das schmutzige Geschirr sich im Spülbecken stapelte.  Doch Käthe stand nicht auf Johan's Lohnliste und das wusste sie auch genau. Ihre Arbeitgeber hatten keine Zeit, einen unwichtigen Lehrling im Außendienst zu kontrollieren und falls Johan auf die Idee käme, sich über Käthe's Faulheit zu beschweren, dann würde das Altenheim ihre Mitarbeiterin abziehen. Dann hätte Johan GAR KEINE Hilfe mehr. Das durfte nicht passieren!

Eine ganze Zeit lang ging dieses Arrangement einigermaßen gut, doch dann forderten die Nonnen des Altersheims aus heiterem Himmel ihre Mitarbeiterin zurück. Sie würde im Altersheim dringender gebraucht, da eine ihrer Kolleginnen ausgefallen war, so die Begründung.  Johan fiel aus allen Wolken, denn er war fest davon ausgegangen, dass Käthe's Hilfe von Dauer wäre. Wieder auf sich allein gestellt, ging er alle Möglichkeiten durch, die er hatte. Es waren nicht viele, denn er hatte kein Geld, um eine Pflegekraft zu bezahlen. Außerdem hatten die Menschen genug mit der Bewältigung ihrer eigenen Kriegs-Traumata zu tun, ohne sich auch noch um fremde Leute kümmern zu müssen. Weibliche Arbeitskräfte waren nach Heimkehr der Kriegsgefangenen rar, denn die meisten Frauen mussten nach ihrer Heirat ihren Arbeitsplatz aufgeben, weil ihre Ehemänner das so wollten. Die Zeit drängte und so beschloss Johan, bei Käthe's Mutter um die Hand ihrer Tochter anzuhalten. Also zog er eines Sonntags seinen besten Anzug an, schwang sich auf sein Motorrad, das er sich von seinen ersten Gehältern bei der Bahn mühsam vom Mund abgespart hatte und sein ganzer Stolz war und fuhr zu Käthe's Mutter.  Käthe war nicht da, aber das machte nichts, denn so konnte er sein gut vorbereitetes Sprüchlein aufsagen, ohne von ihr abgelenkt oder unterbrochen zu werden.

Käthe's Mutter war eine Frau, die praktisch veranlagt war und realistisch dachte. So fragte sie denn auch ohne Umschweife, aus welchem Grund er denn ihre Tochter heiraten wolle, obwohl er doch auch jedes andere Mädchen zur Frau haben könnte, als ausgerechnet ihre Tochter, die keine besonderen Fähigkeiten hätte und an deren Haushaltsführung einiges auszusetzen war.

Johan erklärte seine Lage zu Hause und die Tatsache, dass seine Mutter seit längerer Zeit krank sei und seine zwei Schwestern mit ihren Ehemännern zu weit weg waren, um ihn zu unterstützen.

Nachdem Johan alle Fragen von Käthe's Mutter zufriedenstellend beantwortet hatte, fragte sie ihn, ob er ihre Tochter lieben würde. Johan antwortete ausweichend, dass seine Mutter das Mädchen gern habe und er auch. Da sie wusste, dass ihre Tochter sich in den jungen Mann verliebt hatte, beschloss sie, ihre Zustimmung zur Hochzeit zu geben. Das Paar durfte sich verloben. Die Hochzeit erfolgte ein halbes Jahr später. 

Das Leben als verheirateter Mann gefiel Johann. Von nun an kam das Essen regelmäßig auf den Tisch, die Wäsche gewaschen und die Wohnung geputzt. Außerdem war immer jemand da, der sich um seine Mutter kümmerte, so dass er sich ganz seinen beruflichen Aufgaben widmen konnte. Zeitgleich mit Käthe's erstem Kind erhielt Johan eine Beförderung und damit auch mehr Geld. Das Leben hätte nicht besser laufen können, fand Johan.

Als seine Tochter gut ein Jahr alt war, wurde Käthe erneut schwanger. Nach Johan's Wünschen hätte das gar nicht so schnell sein müssen, aber wenn's ein Stammhalter wäre, dann würde es ihm schon recht sein. 

Doch die zweite Geburt stand unter keinem guten Stern. Es gab Komplikationen bei der Geburt und als das Mädchen endlich das Licht der Welt erblickt hatte, war nicht nur die Enttäuschung der Eltern groß, dass das Kind wieder kein Junge war, sondern sie hatten auch den Eindruck, dass mit diesem Kind, das sie "Anne" nannten, etwas nicht stimmte. Der Hausarzt, dem sie das Kind vorstellten, wiegelte ab. Es sei alles in Ordnung, sagte er. Doch die Eltern wurden ein ungutes Gefühl nicht los....



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