London, Teil 3

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An ihrem 21. Geburtstag schrieb Anne an ihre Eltern. Das hätte sie besser nicht getan, denn aus Deutschland kamen nur Vorwürfe, dass sie ihre Ehe beendet hatte und einfach sang- und klanglos verschwunden war. Ihr Mann hatte bei Gericht die Scheidung eingereicht und als Grund "Böswilliges Verlassen" angegeben. Anne war es Schnurzpiepegal, ob das Verlassen als "Böswillig" eingestuft wurde, oder nicht. Ihr war es auch egal, ob sie geschieden wurde, oder nicht. Die Ehe war für sie so oder so beendet.  Allerdings horchte sie auf, als ihr Vater ihr mitteilte, als "Schuldig Geschiedene" müsste sie ihrem Mann Unterhalt zahlen. Das wollte Anne nicht und so reiste sie für zwei Tage nach Deutschland zur Anhörung vor Gericht. Sechs Wochen später trudelte das Scheidungsurteil ein; ihr Mann war schuldig geschieden worden, wegen der Ohrfeige, die er ihr gegeben hatte. Unterhalt von ihrem Ex-Ehemann sah Anne nie und sie vermutete, dass ihr Vater das Geld einsackte, das für ihren Unterhalt bestimmt war.

Im Personal-Wohnheim von Sainsbury's hatte sich Anne gut eingelebt. Die Arbeit machte ihr Spaß und sie kam mit allen Leuten dort gut klar. Dreißig junge Männer lebten in dem Wohnheim; dazu noch vier Frauen, die einen abgetrennten Wohntrakt für sich hatten. Die vier Frauen waren für die gesamte Haushaltsführung im Wohnheim zuständig, während die Männer auf ihre Führungsaufgaben in den Sainsbury's -Läden vorbereitet wurden. Der große Fernsehraum war für Männer und Frauen gleichermaßen da; wurde aber überwiegend von den Männern genutzt. Die Frauen suchten ihr Vergnügen meist außerhalb des Wohnheims, was dazu führte, dass oft unerwünschte Verehrer vor der Tür standen und zu den Frauen wollten, aber nicht wussten, dass da oben 30 Männer waren, bereit, jede Belästigung im Keim zu ersticken.

An einem schönen Sommertag lief Anne gerade auf der Haupt-Geschäftsstraße im Londoner Stadtteil Fulham, als sie von hinten angesprochen wurde. "Was ist los mit dir? Warum kannst du nicht richtig laufen?" - Wütend drehte sich Anne um und hatte schon auf der Zunge: "Das geht dich überhaupt nichts an!" , als sie bemerkte, dass Derjenige, der sie angesprochen hatte, selbst nicht richtig laufen konnte. Er zog ein Bein nach und humpelte. Der Mann war nicht viel älter als Anne, rappeldürr und beileibe keine männliche Schönheit. Trotzdem strahlte er ein Selbstbewusstsein aus, das schon fast an Überheblichkeit grenzte. Anne und der Fremde kamen ins Gespräch. Er gab ihr wertvolle Tipps, wie sie ihr Selbstbewusstsein stärken könne. Nachdem sie sich eine gute Stunde miteinander unterhalten halten, fragte der Fremde Anne, ob sie Lust hätte, sich seinen neuen Song anzuhören. - Immer noch völlig ahnungslos ging sie mit dem Fremden mit. Seine Wohnung war ein einziges Chaos und auf seinem Bett musste er erst mal Platz schaffen, damit sie sich setzen konnte. Dann griff er zur Gitarre und sang  "Judy Teen".  Anne konnte es kaum glauben! - Der Typ war tatsächlich Steve Harley von "Cockney Rebel" und sie saß auf seinem Bett.

Im benachbarten Londoner Stadtteil Earl's Court lernte Anne in einer Disco einen Mann kennen, der ihr sehr gut gefiel. Sie traf ihn auch am nächsten Wochenende .... und am übernächsten.... und bevor sie sich's versah, hatte sie einen festen Freund, mit dem sie jedes Wochenende abhing. Zusammen gingen sie ins Kino und sahen sich indische oder englische Filme an, waren zu indischen Hochzeiten eingeladen, besuchten seine Freunde auf dem Land und reisten einmal sogar in Anne's Heimat, wo sie das Oktoberfest in München besuchten und ins Rheinland, wo Anne ihren Freund der ganzen Familie vorstellte. Bei dieser Gelegenheit wurde auch ein Termin im nächsten Frühjahr ausgemacht, wenn Anne's Vater Urlaub hatte und Anne in London besuchen wollte.

Es war 1974 und die Fußball-Weltmeisterschaft ging ihrem Ende entgegen. Anne interessierte sich nicht für Fußball und wusste nicht mal, wann das Endspiel war und wer gegen wen spielen sollte. Im Wohnheim stand sie eines Sonntagnachmittags im Flur am öffentlichen Fernsprecher und telefonierte mit ihrem Freund, als die Jungs aus dem Wohnheim einen Stuhl brachten. Sie fand das sehr aufmerksam, dankte ihnen und setzte sich. Doch kaum hatte sie sich niedergelassen, holte einer der Jungs einen Strick aus seiner Hosentasche und machte sich an Anne's Beinen zu schaffen. Ein anderer band ihr die Hände zusammen. Ihrem Freund, der noch am Telefon wartete, sagten sie, dass Anne jetzt unabkömmlich sei. Dann trugen sie die an den Stuhl fixierte Anne ins Wohnzimmer und setzten sie ganz hinten ab, wo auch schon ihre Zimmer-Kollegin festgebunden auf einem Stuhl saß.

"Was soll der Unsinn?" , fragte Anne ungehalten. Die Jungs schalteten den Fernseher an und sagten, dass jetzt das Endspiel Niederlande - Deutschland angepfiffen würde und dass Anne jetzt live verfolgen könne, wie Deutschland verlor. Anne's Zimmer-Kollegin, die von den Seychellen stammte, moserte, was sie denn eigentlich mit dem Sch***-Endspiel zu tun hätte... - Die Jungs drehten sich zu uns. - "Ihr wisst ganz genau, dass ihr beide kleine Teufel seid! Wir brauchen euch nur an die Wäschekörbe zu erinnern....!" - In den Augen von Anne's Zimmer-Kollegin blitzte der Schalk und auch Anne konnte sich das Grinsen nicht verkneifen, wenn sie daran dachte, wie sie den Jungs nach ihrem Bad aufgelauert und große Wäschekörbe vor die Badezimmertür platziert hatten. Wenn dann der Frischgebadete herauskam, stießen sie ihn in den Wäschekorb, machten den Deckel zu und schoben ihn zum Ausgang, wo er vom Wäschedienst abgeholt werden sollte.

Als das Endspiel angepfiffen wurden, schauten alle wieder nach vorne. In der ersten Halbzeit sah es wirklich so aus, als ob Deutschland verlieren würde. Jedes Tor der Niederländer quittierte Anne mit einem lauten "BÄÄÄÄH!!!" - Die Jungs äfften sie nach und lachten sich dabei kaputt. "Da hinten sitzt ein Schaf auf dem Stuhl" , lachten sie.

In der zweiten Halbzeit wendete sich das Blatt. Die deutschen Spieler holten auf und Anne rutschte vor lauter Aufregung auf ihrem Stuhl Zentimeter um Zentimeter vorwärts, bis sie ihrem Vordermann auf der Pelle saß. Der beschwerte sich angewidert, als Anne ihm ihre durchgekaute Chipsmasse, getränkt in Bier, in den Hemdkragen spie, als sie laut "TOOOOOR!!!" rief.  - "KANNST DU NICHT MAL VERNÜNFTIG ESSEN??!!"

Jedenfalls gewann Deutschland das Endspiel. Die Jungs wurden immer stiller und verließen mit hängenden Köpfen das Fernsehzimmer. Der Letzte band die Mädels schließlich los. Und die Mädels feierten, als gäb's kein Morgen mehr, während sich die Jungs an diesem Abend nicht mehr blicken ließen.

Johan besuchte seine Tochter einige Male in London. Aber bei Johan's letztem Besuch ging es Anne schlecht. Sie hatte furchtbare Schmerzen in der Nierengegend, die einfach nicht abklingen wollten. Besorgt ging Anne zum Arzt. Nach eingehender Untersuchung hatte der Doktor zwei Neuigkeiten für sie. Anne hatte Nierensteine und Anne war schwanger. Die letzte Nachricht war wie ein Hammerschlag auf den Kopf. - "Das kann nicht sein! Wir haben doch immer verhütet!" - Der Arzt nahm Anne's Hand und legte sie auf ihren Bauch, dorthin, wo sie eine Beule fühlte. - "Das ist der Kopf des Kindes" , sagte der Doktor. Anne befand sich schon im vierten Schwangerschaftsmonat und hatte nichts bemerkt. 

Gemeinsam mit dem Personalmanager von Sainsbury's und Anne's Vater wurde beschlossen, dass es das Beste war, wenn Anne wieder nach Deutschland zurückkehren könne, da es in London keine Möglichkeit für sie gäbe, mit Kind zur Arbeit zu gehen. Während ihr Vater für sie im Hinterhaus eine winzige Wohnung herrichtete, blieb Anne noch bis zum 8. Schwangerschaftsmonat in England und siedelte erst kurz vor dem errechneten Geburtstermin nach Deutschland über. Man schrieb das Jahr 1976 und es war Hochsommer.

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