London, Teil 1

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Nach einer langen Fahrt über Nacht mit Zug und Fähre am frühen Morgen in London angekommen, suchte sich Anne in der Nähe des Victoria-Stations ein Bed&Breakfast-Zimmer. Aber so einfach war das nicht! Alles war schon ausgebucht oder zu teuer. Anne musste also weiter entfernt suchen. Ihre Reisetasche wurde während des Fußmarsches durch die Stadt immer schwerer. Sie war hungrig und müde. Unterwegs kam sie an einem billigen Restaurant vorbei und bestellte sich etwas zu Essen, von dem sie nicht wusste, was es war. Die Kellnerin brachte ihr einen Teller mit Steak&Kidney Pie mit Erbsen und Kartoffeln. Sie probierte etwas von der Pie und schluckte das eklige Zeug brav hinunter. Die Erbsen und Kartoffeln waren nicht gewürzt und so aß sie nur soviel davon, dass ihr knurrender Magen Ruhe gab.

Während sie die Rechnung für das Essen beglich, fragte sie die Kellnerin nach Bed&Breakfast-Tipps. Die Kellnerin wusste, wo Anne suchen sollte und zeichnete auf einem Blatt Papier auf, wo sie sich befand und wo sie suchen sollte. Anne bedankte sich und ließ ihr ein Trinkgeld da. 

Frisch gestärkt und mit neuem Mut ging die Suche nach einer Unterkunft weiter. Die Kellnerin hatte nicht gelogen, denn in der kleinen Nebenstraße, wohin sie Anne dirigiert hatte, gab es noch genug freie Unterkünfte, die auch preislich ok waren. In der ganzen Straße reihte sich ein B&B an das andere. Anne klingelte an einer Tür. Ein Mann kam heraus und Anne fragte ihn, ob er ein Zimmer für sie hätte.  - "Sicher! - Tritt' ein, Schätzchen." - Der Mann hatte sie "Schätzchen" genannt, ein Wort, mit dem sie NOCH NIE bedacht worden war. Sie wusste nicht, was sie davon halten sollte und in ihrem Hirn ratterte es. Sie hatte Angst, dass sie in diesem Haus sexuell missbraucht werden würde, während sie schlief, erfand eine Ausrede und machte, dass sie weg kam.

Sie klingelte an anderen Häusern, aber jedes Mal lief es ähnlich ab. Die Hotelbesitzer nannten sie "Liebling" oder "Liebes" oder "Schätzchen". Sie wusste nicht, dass dies nur eine Floskel war, ohne jede Bedeutung. Als ihr schließlich in einem Haus eine Frau öffnete, ging sie rein, bezahlte ihr Zimmer für eine Woche im Voraus, fiel ins Bett und schlief sofort ein.

Als Anne am nächsten Morgen erwachte, war das Frühstück längst vorbei. Die Besitzerin des kleinen Hauses hatte sich schon Sorgen gemacht, da Anne ihren mehrmaligen Weckruf überhört hatte. Sie war sichtlich erleichtert, als sie Anne die Treppe herunterkommen sah. 

"Guten Morgen, Liebes", begrüßte sie die Hotelbesitzerin und lächelte Anne freundlich an.  "ich habe mir schon Sorgen gemacht, weil du auf meinen Aufruf zum Frühstück nicht geantwortet hast. Was möchtest du trinken, Tee oder Kaffee?" - "Kaffee bitte", antwortete Anne. - Setz' dich dort in den Frühstückraum" , sagte die Hotelbesitzerin, die Frühstückszeit ist zwar schon vorüber, aber ich bringe dir noch etwas zu Essen" - "Das ist sehr nett von Ihnen, vielen Dank!" - Anne mühte sich mit ihrem Schulenglisch ab, aber sie fand, dass bisher alles gut gelaufen wäre. 

Sie setzte sich in den Frühstücksraum und las einige der Prospekte über London, die sie sich von einem Prospektstand im Foyer herausgesucht hatte. Als die Hotelbesitzerin mit ihrem Frühstück erschien, studierte sie gerade die Linien der U-Bahn. Die Hotelbesitzerin, eine junge Frau mit langen, roten Locken, setzte sich zu Anne an den Tisch und durch geschicktes Fragen erfuhr sie nach und nach Anne's Geschichte. Sie hatte schon beim Einchecken geahnt, dass Anne keine Touristin war und in Schwierigkeiten steckte. Nun fand sie ihren Verdacht bestätigt und beschloss, die junge Deutsche unter ihre Fittiche zu nehmen. Eines war klar; Anne brauchte Arbeit und das schnell!

Eines Abends, es war schon stockdunkel, kam Anne von einem Erkundungstrip durch die Stadt zurück und passierte gerade ein großes Kino, das auf der anderen Straßenseite lag. Gerade als sie auf der Höhe des Kinos ging, hörte sie einen lauten Knall und die Glasscheiben des Kinos gegenüber wurden aus ihrer Fassung geschleudert und fielen auf die Straße. Instinktiv nahm Anne die Beine in die Hand und rannte. Außer Atem erreichte sie ihre Unterkunft und schaltete in ihrem Zimmer das Radio ein. Sie hörte noch, wie der Radiosprecher meldete, es sei im Stadtteil Chelsea eine Bombe der IRA explodiert. Und aus eben diesem Stadtteil kam Anne gerade her...

Als Anne in der folgenden Woche ihre Hotelzimmerrechnung erneut bezahlen wollte, machte ihr die Hotelbesitzerin den Vorschlag, bei ihr zu arbeiten,  zwar nur vier Stunden am Tag, aber ihr Zimmer, das sie im Dachgeschoss bewohnte, wäre damit bezahlt. Anne konnte ihr Glück kaum fassen und sagte natürlich zu. Von nun an betätigte sie sich vormittags als Frühstücksköchin und als Zimmermädchen und suchte sich nachmittags einen weiteren Job, um ihre Mahlzeiten zu finanzieren und auch sonst alles, was sie zum Leben benötigte.

Sie brauchte nicht lange zu suchen, denn als die Chelsea Road entlang spazierte, entdeckte sie an einem Sainsbury's Lebensmittel-Markt ein Schild: "Personal zur Warenauffüllung gesucht." Anne ging rein in den Laden, stellte sich vor und wurde genommen. - BINGO! - Zur Feier des Tages ging Anne in eine Wimpy-Bar in der Nähe und bestellte sich eine Riesen-Mahlzeit, bestehend aus Spiegeleiern, Würstchen, gebackenen Bohnen und Pommes frites. Der indische Manager, der die Wimpy-Bar leitete, wunderte sich über den riesigen Appetit der zierlichen Anne. Aber er wusste ja auch nicht, dass Anne bis dahin nur von dem gelebt hatte, was sie als Frühstück in ihrer Unterkunft bekommen hatte, um ihre Reisekasse zu schonen.

Von nun an aß sie jeden Tag in der Wimpy-Bar, denn das Essen war gut und preiswert und der gutaussehende, glutäugige Manager hatte es ihr angetan. Die Sympathie beruhte auf Gegenseitigkeit; der Manager fand an der jungen Blondine Gefallen und freute sich immer, wenn sie kam.

Zwei Monate lang arbeitete sie morgens im B&B und nachmittags bei Sainsbury's, bis sie eines Tages im Laden umkippte. Im Krankenhaus wachte Anne wieder auf. Sie hatte einen Schwächeanfall gehabt, was weiter nicht schlimm war. Aber die Ärzte, die sie gründlich untersucht hatten, stellten ihr nun Fragen, die sie nicht beantworten konnte; etwa, wo sie ihre Wirbelsäulenverletzung her hätte und was mit ihrem Bewegungsapparat nicht stimmte. Als sie auch noch nach der Telefonnummer ihrer Eltern in Deutschland fragten, fand Anne, dass es höchste Zeit wäre, das Krankenhaus unauffällig zu verlassen. Und da sie im Krankenhaus  ihre Anschrift im B&B angegeben hatte, fand sie es besser, wenn sie auch von dort zeitnah  verschwand. Probleme mit ihren Eltern konnte sie überhaupt nicht gebrauchen!

Also fuhr sie mit der U-Bahn schnurstracks zu dem Stadtteil, in dem sie lebte und ging von dort aus gleich zur Wimpy-Bar. Der Manager dort hatte sie schon vermisst und fragte, wo sie die letzten zwei Tage abgeblieben war. Anne erzählte es ihm. Sie berichtete ihm auch von den Schwierigkeiten mit ihren Eltern, was er als Familienmensch gar nicht gut fand. Allerdings wusste er auch, dass Europäer in dieser Beziehung anders waren als Asiaten und bot Anne an, bei ihm zu wohnen, bis sich eine andere Lösung für Anne ergab. Nach Dienstschluss ging sie mit dem Manager mit und am nächsten Tag holten sie Anne's Gepäck aus ihrer bisherigen Unterkunft. 

Ein neuer Lebensabschnitt begann....



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