Lucky

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Bei ihrer Rückkehr nach Deutschland stellte sie fest, dass Mukesh wieder nach England zurück gekehrt war; dieses Mal für immer. Anne musste sich wieder neu orientieren und dachte, dass es nicht schlecht wäre, auch für ihren Sohn, wenn sie ihr Leben in ruhigere Bahnen lenken würde. Es wäre vielleicht nicht schlecht, wenn sie sich einen Mann zum Heiraten suchen würde. Sie wusste, dass sie bei einheimischen Männern keine Chance hatte. Ihr Sohn hatte einen indischen familiären Hintergrund; was lag also näher, als dort einen Mann für's  Leben zu suchen?  Aufmerksam studierte sie die Heiratsanzeigen und wurde bald fündig.  Die Anzeige eines 28-jährigen Inders interessierte Anne. Sogar ein Foto war dabei. Aufgeregt schrieb sie an die angegebene Adresse. Die Antwort des Inders traf wenig später aus dem Süden des Landes ein. 

Nachdem einige Briefe hin und her gegangen waren, verabredeten sie sich zu einem Treffen bei Anne zu Hause. Es war riskant, denn der Inder war als Asylbewerber in Deutschland, hatte nur einen Duldungs-Status und durfte seinen Landkreis nicht verlassen.  Lucky, so hieß der Inder, machte bei seinem Besuch einen wohlerzogenen Eindruck. Er erzählte von seinem älteren Bruder, der im Norden lebte und von einer deutschen Familie adoptiert worden war. Eine Schwester von ihm lebte in England und eine andere in Kanada. Nur ein Bruder lebte noch in Indien, wo er den elterlichen Bauernhof bewirtschaftete. Seine Eltern waren beide schon tot. Anne fragte ihn, weshalb seine Verwandten ihm keine Frau suchten. Er antwortete mit einer Gegenfrage: "Welche Frau würde einen Mann heiraten, der nichts besitzt?" Das leuchtete Anne ein. Die Besuche bei Anne wurden fortgesetzt.

Beim vierten Besuch, - Lucky hatte seine Reisetasche kaum abgestellt, klingelte es an der Haustür. Die Polizei stand draußen. Anne's Herz fiel fast in die Hose und sie gab Lucky ein Zeichen, dass er schnellstens auf die Toilette im Hof verschwinden solle. Lucky schnappte sich seine Reisetasche und verschwand wie der Blitz. Dann öffnete Anne den Polizisten die Tür...

Die Beamten waren freundlich. Sie sagten, dass ihnen Hinweise auf einen Asylbewerber eingegangen seien, die zu dieser Adresse führten. Anne ließ die Beamten in ihre Wohnung. - "Sehen Sie hier irgend jemanden?" , fragte sie. Mit einem Blick hatten die Beamten Anne's winzige Wohnung sondiert und nichts Verdächtiges entdecken können. Auf das Versteck im Hof kamen sie nicht.  

Nachdem sich Anne und Lucky von diesem Schreck erholt hatten, beschlossen sie, Nägel mit Köpfen zu machen. Sie verlobten sich am gleichen Tag und im Schutze der Dunkelheit fuhr Lucky wieder nach Süddeutschland in seinen eigenen Landkreis. Dort unterrichtete er die Behörden von seinem neuen Beziehungsstatus. 

Mit der Heiratsgenehmigung war es nicht so einfach! - Die Behörden forderten endlose Dokumente aus Indien, die alle ins Deutsche übersetzt und bei der indischen Botschaft beglaubigt werden mussten. Die hinduistischen Botschaftsangehörigen, die auf Sikhs nicht gut zu Sprechen waren, auf Grund des Mordes an Indira Gandhi, wollten nichts beglaubigen. Anne wurde zur indischen Botschaft zitiert und das nicht nur einmal! Es dauerte Monate, bis diese Schwierigkeiten überwunden waren. Dann stand der Hochzeitstermin fest. Es war der 8. November 1985 . Die Trauung war schlicht gehalten und am nächsten Tag holte sich Lucky seine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis auf dem Amt ab. Lucky's Bruder hatte ihm zwischenzeitlich in Norddeutschland eine Arbeitsstelle in der Getränkefabrik besorgt, in der auch selbst arbeitete. Auch eine Wohnung hatte er schon für seinen Bruder gefunden, die aber noch renoviert werden musste, bevor Lucky mit seiner neuen Familie dort einziehen konnte.

Drei Monate später war es soweit. Lucky's Bruder, der ein Auto hatte, holte Anne und ihren Sohn aus dem Rheinland ab. Lucky führte seine Frau durch die neue Wohnung und als sie beim Schlafzimmer ankamen, schloss er die Tür ab, warf sie brutal auf's Bett und vergewaltigte sie mit Hilfe eines Messers, das er ihr auf die Brust setzte  .... Hinterher lachte er und sagte: "Jetzt weißt du, wer hier der Boss ist."  Von diesem schrecklichen Erlebnis erholte sie Anne nie mehr richtig und von diesem Zeitpunkt sah sie auch ihre Ehe als Beendet an. Da aber ihr Vater gesagt hatte, er nähme sie dieses Mal nicht mehr zurück und die Polizisten ihr gesagt hatten, dass es keinen Straftatbestand für "Vergewaltigung in der Ehe" gab, fügte sie sich in ihr Schicksal ein, so gut es eben ging.

Allerdings lernte sie in den folgenden zwei Jahren fast sämtliche Frauenhäuser im Norden von Innen kennen, denn sie floh jedes Mal in ein anderes, wenn er sie geschlagen hatte. Doch er fand sie immer wieder, heulte zum Steinerweichen und versprach ihr Besserung. 

Um sie unter Kontrolle zu halten, nahm er ihr den Personalausweis ab, ( den sie brauchte, um Sozialhilfe beantragen zu können, wenn sie ins Frauenhaus floh). Er begleitete sie zum Arzt, zum Einkaufen und zu Behördengängen und tätigte Kontrollanrufe von seinem Arbeitsplatz aus. Er verbot ihr, mit den Nachbarn zu reden und als er sie einmal erwischte, wie sie dem Postboten "Guten Morgen" wünschte, setzte es Prügel. 

Er hatte seine Aggressionen nicht unter Kontrolle, warf das Fleisch an die Wand, wenn er wütend war; oder es flog auch schon mal ein Möbelstück durch die Gegend, oder ein Hammer.

Nach einem Jahr Ehe, oder besser gesagt, erzwungenem Geschlechtsverkehr, wurde Anne erneut schwanger. Lucky schien sich zu freuen, doch im 8.Schwangerschaftsmonat prügelte er Anne so sehr, dass sie in der Küche zu Boden ging. Natürlich flüchtete sie erneut in ein Frauenhaus, wo ihr zweiter Sohn geboren wurde.

Als er Anne und das Kind in der Klinik besuchte, nahmen ihn die Ärzte beiseite und warnten ihn eindringlich, mit der Gewalt aufzuhören, da er als Vater Verantwortung für das Wohlergehen seiner Familie trage. Es nutzte nur in der ersten Zeit nach der Geburt etwas. 

Es stellte sich heraus, dass der zweite Sohn Anne's Behinderung geerbt hatte. Nun fing die Rennerei von Arztpraxis zu Arztpraxis wieder an. Das Kind musste zur Krankengymnastik und auch eine Star-Operation musste das Baby über sich ergehen lassen. Da Lucky nun keine weiteren Kinder mehr wollte, durfte Anne aus dem gemeinsamen Schlafzimmer ausziehen. Im Wohnzimmer richtete sie sich die Couch als Schlafplatz her und machte einen Bügel-Service auf, um etwas Geld zu verdienen. Ihrem Mann passte das nicht, aber diesmal setzte Anne ihren Willen durch. Zum Eklat kam es erst wieder, als Anne eine Vorladung als Zeugin vom Amtsgericht bekam. Ihr Mann hatte vor einiger Zeit einen Unfall mit dem Auto gebaut und Anne sollte aussagen. Als er das hörte, baute sich Lucky vor Anne auf und sagte: "Wenn du gegen mich aussagst, hat deine letzte Stunde geschlagen!"

Anne wusste, dass die Drohung bitterernst gemeint war. Als Lucky am nächsten Tag zur Arbeit ging, brachte sie ihre Kinder bei einer Bekannten unter und schärfte ihrem älteren Sohn Rainer ein, gut auf seinen jüngeren Bruder aufzupassen und nicht zuzulassen, dass er zu seinem Vater zurückkam. Rainer versprach es hoch und heilig und Anne verschwand nach Nordirland. Dort herrschte Bürgerkrieg und dort würde er sie nicht finden, glaubte sie....

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