Rückblick

10 0 0
                                    


Ein Jahr hatte Anne inzwischen in ihrer neuen Wohnung verbracht. Die Jobcenter und Sozialämter, die bisher bei Ihren Fluchten in Frauenhäuser ihren Ex-Mann direkt angeschrieben hatten und Einkommensnachweise von ihm forderten, hatten ihm so den jeweiligen Aufenthaltsort unfreiwillig verraten, so dass er sie ausfindig machen und stalken konnte. 

Ihren jetzigen Aufenthaltsort kannte ihr Ex-Mann nicht, denn das Sozialamt hatte sich bereit erklärt, den Kontakt mit ihrem Ex-Mann über Anne's Anwalt laufen zu lassen, der seine Kanzlei am Wohnort ihres Ex-Mannes hatte. Seit sie mit Hilfe der Polizei aus der Wohnung ihres Ex-Mannes befreit worden war, hatte sie nichts mehr von ihm gehört, noch gesehen. Anne war dem Himmel dankbar dafür.

Auch an der neuen Wohnung, die barrierefrei gestaltet war und die Anne von einer Sozialeinrichtung gemietet hatte, gab es diesmal nichts auszusetzen. Anne konnte ihr Glück kaum fassen. 

An ihrem 65. Geburtstag blickte Anne zurück und sann darüber nach, was in ihrem Leben schief gelaufen war und was man hätte besser machen können.

Sie dachte an die Situation von anderen Frauen mit leichten oder mittelschweren Behinderungen, die niemand haben wollte und die weit öfter sexuellem Missbrauch und häuslicher Gewalt ausgesetzt waren als gesunde Frauen. Allerdings wurde dieses Problem immer noch weitgehend unter den Tisch gekehrt. Die Frauenhäuser, die Anne gesehen hatte, waren in der Regel nicht für Frauen mit Behinderungen ausgelegt und nur wenige Häuser verfügten über Zimmer mit barrierefreiem Zugang und genug Personal, um diese Frauen angemessen unterstützen zu können. 

Sie dachte an die vielen Male, als sie sich hinlegen und unfreiwillig die Beine breitmachen musste, damit sie ihre Wohnungen renoviert bekam. 

Sie dachte daran, dass sie in ihrem Heimatland als Arbeitnehmerin nicht akzeptiert worden war auf Grund ihrer Behinderung und dass sie ihre Altersrente in Großbritannien hatte erarbeiten müssen, da sie die skandalösen Zustände in den heimischen Werkstätten für Menschen mit Behinderungen nicht hinnehmen und schon gar nicht dort arbeiten wollte.

Sie dachte an ihren Vater, der sie als Baby an die Wand geknallt hatte und an ihre Mutter, die ihr dies nach Jahrzehnten unter Tränen  eingestand, nachdem Anne an eine besonders gründliche Ärztin geraten war, die ihre alte Rückenverletzung hinterfragt hatte und den Ursachen auf den Grund gegangen war. 

Sie dachte daran, wie sie von ihrer Familie ausgestoßen und um ihr Erbe betrogen worden war.

Mit ihrer Familie hatte Anne längst abgeschlossen und wollte nichts mehr von ihr wissen. 

Ihre letzten Jahre, so schwor sie sich, würde sie weder Missbrauch noch Gewalt dulden, sondern ihr neues Leben verteidigen bis zum letzten Atemzug.

Die Liebe, nach der sie ein ganzes Leben lang gesucht hatte, gab es für Anne nicht. Dieser Realität würde sie sich noch stellen müssen. Aber auch das würde sie schaffen!

Sie war wie das Unkraut, das sich jedem Versuch der Beseitigung widersetzte und sich nur noch stärker ausbreitete.

Suche nach LiebeWo Geschichten leben. Entdecke jetzt