1947

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Kurz nach Kriegsende fanden sich zwei junge Menschen auf einem Rosenmontagsball. Er war 20 Jahre alt, groß, dunkelhaarig, gut aussehend,  hatte während des Krieges eine Schusswunde am Oberschenkel erlitten, war deshalb in amerikanische Gefangenschaft geraten. In den letzten Kriegstagen war ihm so das Kämpfen erspart geblieben. Nach seiner Entlassung aus dem Gefangenenlager ging er zur Bahn und wurde Fahrdienstleiter.

Sie war mit ihren 23 Jahren eigentlich schon eine "alte Jungfer" und es schmeichelte ihr ungemein, dass der große Dunkelhaarige sie zu jedem Tanz holte. Mit dem Rhythmus des Walzertaktes hatte sie ihre Schwierigkeiten. Sie war überhaupt tapsig auf den Beinen und niemand wusste, woher das kam. Ihr Tanzpartner tat so, als bemerkte er das nicht, führte sie "Eins-Zwei-Drei" schwungvoll und sicher über die Tanzfläche, dass ihr Rock nur so flog. Sie schloss die Augen und ließ sich führen...

"Mama, ich habe einen tollen Mann auf dem Ball kennen gelernt!" , rief sie, als sie weit nach Mitternacht die Haustür zu ihrer elterlichen Wohnung aufschloss und mit ihrem Geschrei das ganze Haus aufweckte. - "Er hat mich für nächste Woche ins Kino eingeladen. Darf ich...?" - Weiter kam sie nicht mit ihrer Frage. - "Untersteh' dich! Du gehst nicht mit einem Wildfremden ins Kino! Erst soll er herkommen, damit ich ihn begutachten kann."  - Sprach's und ließ ihre verdutzte Tochter im Flur stehen, um sich wieder ins Bett zu begeben. 

Sie musste ihrer Mutter Folge leisten, auch wenn sie längst erwachsen war; das wusste sie. Den Spruch: "So lange du deine Füße unter meinem Tisch hast....." , kannte sie allzu gut.

Währenddessen war auch der junge Mann nach Hause gekommen, wo seine alte Mutter krank im Bett lag.  - "Mama, ich habe heute eine junge Frau kennen gelernt, die dir bestimmt gefallen wird." -" Sooooo?" , sagte die zahnlose alte Frau gedehnt, "Na hoffentlich ist es nicht wieder so ein Flittchen wie letztes Mal!" - Mit Wehmut erinnerte sich der junge Mann an seine letzte Freundin, die er hatte ehelichen wollen. Sie aber wollte LEBEN. Als Altenpflegerin für seine kranke Mutter eigne sie sich nicht, sagte sie, drehte sich auf dem Absatz um und ging. Alles, was er von ihr noch besaß, war ein Schwarz-Weiß-Foto. Er hätte heulen können! Die langen Schichten bei der Bahn und die Pflege seiner alten Mutter konnte er allein nicht leisten. Eine Frau musste dringend her und die hatte er auf dem Rosenmontagsball gefunden. Die Tatsache, dass sie eine leichte Behinderung hatte, störte ihn in Anbetracht der Dringlichkeit nicht. Seine Mutter würde er überzeugen können, das wusste er. Und hatte ihn die Kleine nicht den ganzen Abend angeschmachtet. Er war sich sicher, dass sie seiner Einladung ins Kino folgen würde. Welcher Film wurde eigentlich dort gezeigt? - Um das herauszufinden, musste nach der Schicht einen Abstecher zum "Odeon" machen. - "Casablanca" mit Ingrid Bergman. - Ja, das passte. - Bester Laune ging er nach Hause und machte das Abendbrot. Seine mürrische Mutter überhörte er...


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