London Teil 2

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"Übrigens heiße ich Mithu", stellte sich der Inder mit seinem Vornamen vor. Anne sagte ihm ihren Namen. Auf dem Weg zu Mithu's Zuhause erklärte er, dass außer ihm noch seine ältere Schwester mit ihrem Mann dort leben würden. Er selbst sei noch nicht verheiratet und studiere an den Vormittagen an der Technischen Hochschule für Ingenieure. Den Management-Job in der Wimpy-Bar hätte er, um sein Studium zu finanzieren.  Er könne ihr keinen Luxus bieten, sagte Mithu, aber genug Platz zum Schlafen gäbe es und zu Essen wäre auch genug da.

Wie es sich herausstellte, befand sich seine Wohnung in Clapham Junction und als er die Haustür aufschloss und Anne eintrat, fühlte sie sich in eine ganz andere Kultur versetzt; eine Kultur, die sie nicht kannte. Staunend blickte sie sich um. Da hingen bunte Saris im Flur und das Tapetenmuster an der Wand zeigte farbenprächtige Mosaike. 

Mithu führte Anne ins Wohnzimmer und sagte, sie solle Platz nehmen, während er in der Küche etwas zu Essen warm machte. Anne schaute sich im Zimmer nach einer Sitzgelegenheit um. Aber da war nichts! - Nur ein Teppich lag auf dem Boden, ansonsten war das Zimmer gähnend leer. Nur ein paar asiatische Poster hingen an der Wand und ein Kalender, dessen Zeitrechnung ihr ganz und gar fremd war. Die Jahreszahl auf dem Kalender betrug Vierzehnhundert-und-noch-was.

Als Mithu mit der Essensschüssel und einer Plastikplane in der Hand wiederkam, stand Anne immer noch da. - "Warum nimmst du nicht Platz?" , fragte Mithu verwundert. - "WO denn?" , gab Anne zurück. Mithu setzte sich auf den Boden, schlug die Beine im Schneidersitz untereinander und bedeutete Anne, das Gleiche zu tun. Schwerfällig ließ sich Anne auf dem Teppich nieder und versuchte, ihre Beine untereinander zu schlagen, während Mithu die mitgebrachte Plastikplane auf dem Teppich ausbreitete und die Essensschüssel in die Mitte stellte. Seine Schwester kam herein und brachte noch einen Teller mit Brotfladen, die sie eben erst frisch gebacken hatte und die noch warm waren und herrlich dufteten. 

Anne sah zu, wie ihre indischen Gastgeber kleine Stücke von ihrem Fladenbrot abrissen, damit einen Happen Essen aus der Schüssel fischten, die Brotstücke aufrollten und in den Mund steckten. Mithu sagte, Anne sollte es auch versuchen. Sie riss also ein kleines Stück von ihrem Brot ab, tauchte es in die Schüssel, um einen Happen Essen herauszuholen, doch auf dem Weg zu ihrem Mund fiel das Essen heraus und landete auf der Plastikplane. Mithu stand auf und holte ihr einen kleinen Löffel aus der Küche, mit dem sie das Essen von der Schüssel auf das Brot geben und dann in den Mund stecken sollte. Warum sie unbedingt das Brot mit dem Reis mitessen sollte, wurde ihr klar, als sie den Happen in den Mund steckte. Das Essen war höllisch scharf! - Anne schnappte angesichts der Schärfe nach Luft. Ihre Nase lief unaufhörlich und ihre Augen tränten. Aber ihre Gastgeber hatten ihren Spaß und lachten sich kaputt. Verzweifelt suchte sie ein Taschentuch. Als die Schärfe in ihrem Mund nachgelassen hatte, verkündete Anne, dass sie das nicht essen könne. Mithu antwortete lapidar, dass sie sich entweder daran gewöhnen, oder verhungern würde.  Verhungern wollte Anne nicht; also gewöhnte sie sich Schritt für Schritt an indisches Essen. 

Nachdem sie gegessen hatten, wurde die Schüssel abgetragen und die Plastikplane gesäubert und zusammengefaltet. Mithu holte Decken, damit Anne im Wohnzimmer schlafen konnte. Mithu wünschte "Gute Nacht" und Anne machte es sich auf dem Boden bequem. Sie hatte eine unruhige Nacht, wälzte sich auf dem harten Boden von einer Seite auf die andere und schlief gegen Morgen endlich ein.

Als sie aufwachte, war Mithu längst in der Schule. Nur seine Schwester war da.  Anne könne sich in der Küche Tee kochen und sich etwas zu Essen machen, sagte sie. Die Küche war winzig und unaufgeräumt. Anne suchte sich in dem Durcheinander eine Tasse, fand auch die Teebeutel, den Zucker und die Milch und setzte den Wasserkessel auf. In einem Plastikbeutel fand sie Toastbrotschnitten und im Kühlschrank stand noch etwas Curry vom Vortag. Sie nahm sich etwas von dem Curry, erhitzte es auf dem Gasherd und aß es mit dem Toastbrot. Das Ganze spülte sie mit Tee hinunter.  Nachmittags ging sie zur Arbeit bei Sainsbury's und als sie am Abend zurückkam, hatte Mithu's Schwester frisches Essen gekocht, das alsbald im Wohnzimmer serviert wurde. Diesmal gab es Lammcurry, gut gewürzt, aber lange nicht so scharf wie am Vortag. Offensichtlich hatte man auf seinen europäischen Gast Rücksicht genommen.

Etwa vier Wochen verbrachte Anne bei der indischen Familie und lernte dabei viel Neues kennen. Sonntags gingen sie alle zusammen ins Kino und schauten den neuesten indischen Film, der gewöhnlich vier Stunden dauerte und viele Musiktitel enthielt, die auch auf der Straße gesungen wurden. Der Aufbau der indischen Filme war immer gleich.  Da war ein Liebespaar; meist kam sie aus einer reichen Familie, während er nichts hatte und sich eine Heirat mit der Dame seines Herzens abschminken konnte. Dann gab es da noch einen Bösewicht, der Unruhe ins Geschehen brachte und Eltern, die für ihre Tochter einen reichen Mann suchten, den sie nicht liebte. Nach allerlei Verwirrungen gab es dann am Schluss entweder ein Happy-End, oder beide starben gemeinsam. Die Filme waren einfach gestrickt und konnte man auch dann verstehen, wenn man kein Wort von dem verstand, was  gesprochen wurde. Sie lernte, dass indische Frauen zu Hause blieben, mit keinem fremden Mann redeten und auch Männern nicht die Hand zur Begrüßung geben durften. Ehen wurden ausschließlich von den Eltern arrangiert und vorehelichen Sex durfte es nicht geben. Die Verwandten passten auf, dass diese ungeschriebenen Gesetze auch peinlich genau eingehalten wurden. Anne gefiel der liebevolle Umgang innerhalb der indischen Familie und wünschte sich sehnlichst, dass ihre eigene Familie auch so wäre. Aber sie wusste natürlich, dass sie die Gastfreundschaft, die sie genoss, nicht über Gebühr strapazieren durfte.

Bei der Personalabteilung von Sainsbury's ließ sie durchblicken, dass sie mehr Arbeit suchte und auch eine Wohnung brauchte. Sie hatte Glück, denn bald darauf rief die Personalleiterin Anne in ihr Büro und fragte sie, ob sie Betten machen und Englisches Frühstück kochen könne. Natürlich konnte Anne das, denn das hatte sie ja schon in ihrer Bed&Breakfast-Unterkunft gelernt. "Sehr gut!" , sagte die Personalleiterin, "dann kannst du am kommenden Montag in unserem Personal-Wohnheim anfangen. Du bekommst ein Zimmer, das du dir mit einer Kollegin teilen musst und bist für die Sauberkeit und Ordnung im Wohnheim zuständig. Außerdem wird erwartet, dass du, im Wechsel mit deiner Zimmer-Kollegin, beim Frühstück und beim Abendessen hilfst. Kannst du das?" - Klar, konnte Anne das und schon am folgenden Wochenende zog Anne mit Sack und Pack erneut um; diesmal nach Fulham. 


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