10.- Dämon

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«so tell me when you hear my heart stop, you're the only one that knows»

Die Nacht schlafe ich nur schlecht bis gar nicht. Stundenlang wälze ich mich hin und her, meine Hand sucht im Bett nach Aidan. Tastet ständig nach ihm, findet jedoch nichts. Ich bin allein. Am nächsten Morgen liege ich immer noch wach im Bett und warte, dass der Wecker klingelt. Mir ist schlecht. Ich möchte mich übergeben. Durch das Fenster scheint schon Licht, dabei hätte ich es lieber, wenn es noch dunkel wäre. Das Licht macht es nur schlimmer. So sehe ich ja, dass Aidan wirklich nicht da ist. Da ist nur gähnende Leere.
Die drei müssten jetzt schon die Grenze zu Schottland überquert haben. Ich wette, dass Dean den Merida-Soundtrack abspielt oder das Outlander-Intro singt und Xenia ist genervt, weil sie beides nicht leiden kann. Und Aidan, der sitzt vorm Steuer und versucht Deans Gesang zu ignorieren. Schaut nach draußen auf die Hügel und Bäume und Flüsse und Wasserfälle. Leere, endlos lange Straßen. Das gefällt ihm.

Endlich klingelt mein Handy. Aber irgendwie hat es nicht den Effekt, den ich mir erhofft habe. Jetzt auf einmal will ich gar nicht aufstehen. Wofür denn auch? Es gibt keinen Grund für mich, aufzustehen. Der einzige Grund, für den ich morgens meine Augen aufmache, ist gestern Nacht weggefahren.
Stattdessen schließe ich wieder die Augen und hoffe, dass alles nur ein böser Traum ist. Dass ich gleich wirklich aufwache, in Xenias und meiner Wohnung, drei Jahre zuvor. Dass ich Aidan noch gar nicht kennen gelernt habe, es diesen Streit nie gegeben hat und ich niemals alleine nach Paris gegangen bin. Dass ich alles ändern kann. Dass ich mein ganzes Leben ändern kann, mein Leben retten.
Doch als ich ein paar Minuten später die Augen aufmache, ist alles so wie vorher. Ich bin nicht in Deutschland mit Xenia. Ich bin allein in London und muss gleich auf die Arbeit. Keks hat auf meinem Sofa im Wohnzimmer geschlafen und freut sich, gleich mit mir rauszugehen.

Heute sehe ich besonders schlimm aus, finde ich. Da es kalt ist(ist es nicht, aber es kommt mir so vor), trage ich einen grauen Pullover, den ich seit Ewigkeiten habe. Außerdem habe ich heute auch ein schwarzes Bandana an, so wie Karleen immer, und höre Lana Del Reys Album Honeymoon auf dem Weg zum Urban Outfitters. Zum Frühstück habe ich nur einen gekühlten Cappuccino getrunken und habe jetzt das Gefühl, dass sogar der mir die nächsten Minuten hoch kommt. Draußen rauche ich, um mich ein wenig zu beruhigen und halte meine Augen länger zu, wenn ich blinzle. Meine Schritte sind langsamer als sonst und ich fahre mir durch die Haare. Die Sonne scheint in mein Gesicht und ich drehe mich zu ihr. Immer wenn ich Lana Del Rey höre verändert sich meine Körperhaltung. Als wäre ich in Hypnose. Vielleicht mag ich sie deswegen so gerne.

Doch irgendwann ist meine Zigarette zu Ende geraucht und ich stehe vor dem Eingang.
Karleen ist heute nicht da, wie mir Jack erzählt. Sie hat sich krank gemeldet. Resigniert fange ich an zu arbeiten.

"Möchtest du heute abend vielleicht zu mir kommen?", fragt Jack in der Mittagspause. Ich lasse den Löffel in meinen Kartoffelbrei fallen und sehe ihn verwundert an. "Ehm, ja, klar."
"Also nur, wenn du Sparrow immer noch sehen willst.", führt er lachend aus, da er anscheinend gemerkt hat, dass ich über seine Einladung überrascht bin. Sparrow habe ich ganz vergessen. Um erhlich zu sein, interessiert mich sein Hund auch nicht wirklich. Es gibt größere Probleme in meinem Leben. Zum Beispiel, dass ich allein bin und... ja, ich allein bin.
"Ich kann uns was kochen. Meine chinesische Gemüsepfanne ist wirklich unschlagbar.", sagt Jack. Möchte mich damit wohl beeindrucken. "Hört sich doch super an. Ich liebe chinesisches Essen.", antworte ich zwinge mich zu lächeln. Jack grinst zurück. "Alles klar. Um Acht bei mir?" Ich nicke. "Musst mir nur deine Adresse geben. Ich bin dann da." Begeistert schickt mir Jack eine WhatsApp und geht dann wieder arbeiten.

Nach Feierabend kaufe ich mir in der Stadt ein neues Oberteil. Es ist schwarz.
Damit ich wenigstens etwas habe, indem ich mich für heute Abend halbwegs gut fühle. Zuhause gehe ich nochmal mit Keks raus und mache ich mich fertig. Ich stehe vor meinem Spiegel im Badezimmer, die Schminkutensilien vor mir ausgebreitet. Doch ich benutze nicht viel davon, frische lediglich mein Makeup auf und binde meine Haare in einen Zopf. Ich sollte zum Friseur gehen. Auf dem Weg zu Jack höre ich wieder Lana Del Rey und ich bemerke, dass mir schwindlig ist. Das habe ich immer, wenn es mir überhaupt nicht gut geht. Also von der Stimmung her nicht gut- nicht der Gesundheit. Naja, auch von der Gesundheit, aber nicht so richtig.

All I ever feel (Aidan Turner ff)Lies diese Geschichte KOSTENLOS!