21.- Blau

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«And meet me there tonight and let me know that it's not all in my mind»

Am nächsten Morgen öffne ich meine Augen und das nächste, was ich mir wünsche, ist nicht aufgewacht zu sein. Denn als ich ein paar mal geblinzelt habe, bemerke ich den stechenden Schmerz in meiner Brust, dieses Loch. Für einen kurzen Moment bilde ich mir ein, ein Messer würde in meiner Brust stecken. Doch das ist kein Messer, das ist Einsamkeit. Ich drehe mich rum und lege die Hand auf die Stelle, wo Aidan eigentlich liegen sollte. Doch er ist nicht da. Kein Wunder. Wie sollte es anders sein. Ich bin immer allein. Keks wacht nun auch auf und gähnt. Eigentlich hätte ich heute wieder arbeiten gehen müssen, doch ich entscheide einen weiteren Tag nicht zu gehen. Als würde das irgenjemanden interessieren. Also laufe ich in die Küche und mache mir einen Tee. Mit der Tasse stehe ich an der offenen Tür zum Garten. Das Gras ist nass und der Himmel grau und trotzdem blitzt ein wenig blau durch die dicken Wolken. Ich weiß nicht genau, wieso ich gerade jetzt daran denken muss, doch die kleinen Perlen auf den grünen Halmen erinnern mich an die Nacht mit ihm in Wellington. Also eigentlich der Tag, an dem wir uns das erste Mal getroffen haben.
~
Ich hatte gerade das Krankenhaus verlassen mit einem beklemmenden Gefühl in der Brust. Xenia schien so hilflos und zerbrechlich, als wäre sie zehn Jahre jünger. Vielleicht machte ein Jahr Erinnerungen so viel aus, dass man sich ohne sie nicht mehr selbst finden konnte.
Und ich belog sie. Jetzt. Gerade jetzt, wo sie so hilflos war. Aber ich konnte nicht anders - ich brauchte sie doch. Denn wenn ich eins in dem Jahr ohne sie gelernt hatte, dann dass ich sie brauchte. Vielleicht war ich egoistisch, doch ich konnte nichts dagegen tun.

Die Luft in Wellington war so kalt, dass ich meine Hände in den viel zu dünnen Mantel für die Jahreszeit steckte und den Kiesweg runter zum Parkplatz und der Bushaltestelle ging. "Hey!", rief plötzlich jemand hinter mir. Ich fühlte mich nicht angesprochen und lief weiter, bis der jemand ein weiteres Mal rief und ich ihn auf den Kieselsteinen hinter mir rennen hörte. Als ich mich umdrehte, sah ich ihn. Es war Aidan, der angebliche Freund von Xenia und diesem Dean. Kurz vor mir blieb er stehen und lächelte. Er war etwas rot auf den Wangen von der Kälte und dem Laufen und auch ich begann zu lächeln. "Hi", sagte ich, "Du bist Aidan, oder?" "Ja und du Shay. Ich hab dich grade aus dem Krankenhaus kommen sehen. Ich hab da hinten auf der Bank gesessen" Aidan zeigte auf eine grüne Parkbank auf der Rasenfläche. "Oh", machte ich, "Und warum sitzt du draußen und nicht drinnen? Es ist doch kalt wie Sau", fragte ich bevor ich überhaupt über die Frage nachgedacht hatte. Aidan lachte kurz und ich konnte nichts dafür, aber mein Herz machte einen kleinen Sprung. Er hatte ein wirklich schönes Lachen. "Um ehrlich zu sein wollte ich Xenia besuchen, aber ich war mir nicht sicher, ob sie mich sehen will. Ich war ja gestern erst da und ich möchte nicht so aufdringlich sein... Sie kennt mich ja gar nicht"
"Das stimmt nicht", unterbrach ich ihn, "Sie kennt dich. Sie erinnert sich nur nicht" "Ist das nicht das selbe?", fragte er und schaute etwas unbehaglich aus. Ich schüttelte mit dem Kopf. "Nein, das eine hat mit dem Kopf zu tun und das andere mit dem Herzen. Nur ihr Kopf erinnert sich nicht mehr"
"Willst du mit mir Kaffee trinken kommen?" Seine Frage kam so plötzlich, das ich mich fast an meiner eigenen Spucke verschluckt hatte. "Was? Also ich meine, ja klar. Gerne. Jetzt?" Er nickte. "Aber nicht hier. Der Kaffee, den die alte Kuh in der Cafeteria macht, ist schrecklich. Ich kenne ein schöneres Cafe." "Dann lass uns dahin gehen", lächelte ich. Wir liefen nebeneinander runter zur Bushaltestelle. Aidan hatte die Hände ebenfalls in seiner dunkelgrünen Jacke vergraben und schaute mit mir auf den Boden und unsere Schuhe. "Wie geht es Xenia?", fragte er. Ich zuckte mit den Schultern. "Schwer zu sagen. Die ganze Situation ist sehr schwer für sie zu ertragen. Ich weiß, dass sie mir nicht die ganze Wahrheit erzählt. Sie konnte noch nie ihre Gefühle ausdrücken oder wirklich darüber sprechen. So war sie schon immer." "Ich wünschte, ich könnte mit ihr reden.", seufzte Aidan leise. "Vielleicht ist es besser so, Aidan. Gib ihr ein wenig Zeit, sie erinnert sich bestimmt bald wieder" Es fühlte sich falsch an, ihm so etwas zum Trost zu geben, wenn ich doch selbst gar nicht wollte, dass es so weit kam. Wenn Xenia sich erinnern würde, wäre alles aus und vorbei. Dann wäre es umsonst und ich könnte wieder zurück nach Paris. Allein.
Doch daran konnte ich zum Glück nicht lange denken, da der Bus mit einem beeindruckenden Tempo um die Ecke gebogen kam und Aidan und ich einstiegen. Auch auf der Fahrt schien der Fahrer das Tempo kein einziges Mal zu drosseln und mit Mühe und Not klammerte ich mich an die Stange über den Sitzen. Aidan und ich mussten stehen, da alle Plätze belegt waren, doch ihm schien das ständige Hin und Her und Kurvenfahren nichts auszumachen. "Du fährst nicht so oft Bus?", fragte er schließlich und grinste schief. Ich lächelte. "Warum?" "Naja, du bist eben fast auf die arme Frau mit dem Kinderwagen gefallen, nur weil wir gebremst haben." "Vielleicht liegt das ja auch einfach nur an meinem unausgeprägtem Gleichgewichtssinn?", meinte ich zwinkernd, "Und in Paris fahre ich tatsächlich öfter mit der Metro oder mit dem Fahrrad." "Stimmt ja, du kommst ja aus Paris" Ich nickte und schaute wieder aus dem Fenster. "Xenia hat mal erzählt, ihr wolltet zusammen nach London ziehen.", erzählt Aidan nach einer Weile. Mein Herz setzte einen Schlag aus und ich schluckte. "Hm, ja. Lange her", antwortete ich knapp und fuhr mir nervös durch die Haare - was definitiv ein Fehler gewesen war. Denn, wie hätte es anders kommen können, hielt der Bus ein weiteres Mal an und ich knallte gegen einen kleinen Jungen mit Rucksack hinter mir, der sicherlich auf dem Weg nachhause war und fiel prompt mit ihm um. "Oh mein Gott, das tut mir leid", sagte ich schnell, rollte mich von dem kleinen Jungen runter und schaute zu ihm. Er lag flach auf dem Boden und mittlerweile hatte auch der Rest des Busses mitbekommen, dass hier etwas schief gelaufen war. "Ist schon okay, Ma'am" Der Junge setzte sich auf und Aidan half uns auf, wobei ich den verschmitzten Gesichtsausdruck von ihm nicht übersah. Ich musste so rot wie mein Mantel gewesen sein und war unglaublich froh, als wir endlich aussteigen konnten.

All I ever feel (Aidan Turner ff)Lies diese Geschichte KOSTENLOS!