6.- Wiedersehen

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«I can't live with myself so stay with me tonight»

Die Nacht habe ich so gut geschlafen wie schon lange nicht mehr. Das hat bestimmt damit zu tun, dass Aidan die ganze Zeit bei mir war. Dass ich mich langsam daran gewöhnt habe, dass er bei mir ist. Und umso schlimmer ist es, aufzustehen und sein Haus zu verlassen. Er hat so fest geschlafen, dass er nicht gemerkt hat, dass ich aufgestanden bin. Ich wollte ihn nicht wecken und deswegen habe ich ihm einen Zettel in die Küche geklebt. So einen wollte ich auch schon immer haben. Einen "Wir sehen uns heute Abend. Fahr vorsichtig. Ich liebe dich."-Zettel. So einen hat jetzt Aidan von mir bekommen. Mit anderem Text.

Auf der Arbeit kann auch Karleen mich nur schwer aufmuntern. Sie singt die ganze Zeit, wenn sie an mir vorbei läuft, weil ich dann normalerweise mitsinge. Heute nicht. Heute versuche ich so gut es geht sie anzulächeln. Ich möchte ihr aus dem Weg gehen. Ich möchte allen aus den Weg gehen. Karleen ist generell die einzige mit guter Laune. Jack scheint ziemlich übermüdet zu sein, weil sein Hund ihn die ganze Nacht wach gehalten hat. Und mit den anderen Mitarbeitern habe ich nicht sonderlich viel zu tun. Die meisten kennen sehr wahrscheinlich noch nicht meinen Namen, weil ich nie mit ihnen spreche. So kann ich es kaum erwarten, endlich Feierabend zu haben. Es ist heute wieder so warm wie gestern und ich bin auf dem Weg nach hause. Ich laufe zu Fuß, weil ich Lust hatte. Dabei tun meine Füße vom ganzen Stehen im Laden weh. Der Penner sitzt immer noch- oder mal wieder- vor dem McDonalds. Aber heute gebe ich ihm nichts. Ich laufe einfach nachhause. Gerade bleibe ich an einer Ampel stehen und freue mich, gleich meine Tür aufmachen zu können, damit mir Keks entgegen springen kann und Aidan mich umarmt. Als die Ampel auf grün schaltet und ich angeremeplt werde, bemerke ich, dass wenn ich die Tür aufmache, kein Keks und auch kein Aidan da sein wird. Mein Herz zieht sich bei dieser Erkenntnis schmerzhaft zusammen und ich schließe die Augen. Beinahe wäre ich mit einem Mann zusammen gestoßen. Aber ich lasse die Augen weiterhin geschlossen. Ich möchte nichts sehen. Wenn ich jetzt die Tür aufmache, werde ich allein sein., denke ich mir, während ich den Schlüssel umdrehe. Und tatsächlich befindet sich vor mir nur mein langweiliger, gähnend leerer Flur. Ich schließe die Tür hinter mir und trete den leeren Regenschirmstander gegen die Wand. Er fällt scheppernd zu Boden. Wieso ist alles leer? Wieso muss bei mir alles leer sein? Verzweifelt rutsche ich mit dem Rücken an der Wand entlang, zu schwach mich alleine zu tragen und breche schließlich zusammen. Meine Beine können mich keinen Meter mehr tragen. Die Last, die von meinem Herzen ausgeht, ist einfach zu groß, als dass ich Widerstand leisten könnte. Ich war schon immer so schwach gewesen, ich war schon immer allein gewesen. Bei einem Blick auf den Schirmständer erinnere ich mich an ein Gespräch mit Xenia vor ein paar Jahren. Wir waren zusammen im Urlaub gewesen und standen an so einem Teich im Park. Es war Sommer, aber nicht warm.
Ich habe gesagt: "Ist dir schon mal aufgefallen, dass wir komplett allein sind?" Sie sagte: "Nein, warum sind wir allein?"
"Ich weiß nicht. Ich weiß nur, dass ich ganz allein bin, weißt du."
"Ich verstehe dich nicht.", hat sie daraufhin geantwortet.
Es war komisch, ihr das zu sagen. Ihr, Xenia, meiner besten Freundin, meiner Schwester, das nach all den Jahren zu sagen, obwohl sie keinen Meter von mir entfernt gestanden hat. Und ich habe bemerkt, dass ich allein war.

Ich schlage mit meinen Händen auf den Boden, vergrabe meinen Kopf in meinen Knien und wünsche, ich muss meine Augen nie wieder aufmachen. Dass ich jetzt einfach einschlafen kann und nie wieder aufwachen muss. Wieso muss das alles so kompliziert sein? Es ist ein grausames Leben und ich bekomme einfach kein besseres. Das ist alles, was ich habe. Eine beste Freundin, die mir nicht sagen will, dass sie in der Stadt ist. Ich habe jemanden den ich liebe, mit dem ich trotzdem nicht zusammen bin, obwohl es keinen Grund gibt. Ich habe eine Familie, die mich verabscheut und einen leeren Regenschirmständer.
Gott, wie sehr ich mich hasse.

All I ever feel (Aidan Turner ff)Lies diese Geschichte KOSTENLOS!