19.- Nicht mehr Allein

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«but the blood on my hand scares me to death, maybe I'm waking up today»

"Und Aidan? Du liebst ihn, nicht wahr?", fragt Angus. Eine kühle Träne rollt meine Wange hinunter. "Aidan.", wiederhole ich. Ich liebe es seinen Namen auszusprechen, den Klang. "Ja, ich liebe ihn." Und dann bricht ein kurzes Schweigen herein. Die Worte liegen schwer in der Luft, scheinen die feinen Sommergräser auf den Feldern vor uns zu erdrücken und ich bekomme nur schlecht Luft. Am liebsten würde ich aufstehen und nach Schottland rennen, Aidan genau das sagen, was ich gerade auch Angus gesagt habe. Unsicher greife ich an die Kette, die um meinen Hals baumelt. "Ich soll mich ja nicht trauen zu vergessen, dass er mich auch liebt.", lache ich leise und wische mir die Tränen aus dem Gesicht. "Er hat dir diese Kette geschenkt, nicht wahr?", fragt Angus und ich nicke. "Das wusste ich sofort. Du beschützt sie ja mehr als dein Leben." Ein Lächeln huscht über meine Lippen. "Weil es mein Leben ist.", flüstere ich und folge den Sternen am dunklen Himmel. "Ich kenne natürlich nicht die ganze Geschichte zwischen dir und Aidan, aber wenn du möchtest, kannst du auch darüber mit mir reden." Angus schaut ebenfalls in den Himmel und ohne das jemand den Blick von den Sternen abwendet, beginne ich zu erzählen. Von dem Tag an, an dem ich Aidan das erste Mal getroffen habe. "Das ist circa ein Jahr her. Ich war mit Xenia im Krankenhaus, sie hatte einen Unfall gehabt und ihr Gedächtnis verloren. Und dann war da Aidan. Der beste Freund von Xenias Verlobtem, an den sie sich ja nicht erinnern konnte. Und irgendwie, zwischen dem ganzen Chaos und den Tränen, hab ich zu ihm gefunden. Und er auch zu mir, glaube ich." Ich erzähle Angus nichts von meinem Streit mit Xenia und damit auch nicht den wahren Grund, warum ich damals aus Wellington verschwunden bin und dabei alles hinter mir gelassen habe, das ich jemals hatte. "Und dann war ich wieder in Paris. Alleine. Ich meine mir ging es da gut und alles. Ich hatte eine schöne Altstadtwohnung und meine Chefin hat mir ein bisschen was vererbt, weil ich die einzige war, die sie hatte. Ich habe mir noch nie Gedanken darüber gedacht, wie sich Madame Moulian gefühlt hat. Sie hatte niemanden außer mir. Sie hat mir mal erzählt, dass sie vor vielen Jahren verheiratet gewesen ist, ihr Mann sie aber betrogen hat. Und seitdem ist sie ganz allein gewesen. Kannst du dir vorstellen, wie schrecklich das ist?", wende ich mich an Angus. "Ich schon.", beantworte ich selbst meine Frage, "Ich weiß genau, wie sie sich gefühlt hat."
Angus nickt. "Meine Jules ist noch nicht lange tot, aber ich weiß, was du meinst, Shay. Und ich kann mir auch gut vorstellen, was diese Madame Moulian gefühlt haben muss."
"Ich hatte ihr Modegeschäft übernommen, doch nachdem ich in Wellington war, war nichts mehr so, wie als ich Paris verlassen habe. Für kurze Zeit habe ich gedacht, ich hätte in Paris mein zuhause gefunden. Weit weg von allem, das mich früher bedrückt hat. Aber davor kann man nicht weg laufen. Ich glaube, die Vergangenheit holt einen immer ein. Sie findet einen, egal wie gut man sich versteckt hat. Und dann bin ich nach London."
"Was eine gute Entscheidung war, sonst hätten wir uns ja nicht getroffen", unterbricht Angus mich, als hätte er gemerkt, dass ich etwas negatives über diese Entscheidung sagen wollte. "Ja", lächle ich, "Das stimmt."
"Und dann hast du dich mit Aidan getroffen?"
"Das war mehr ein Zufall. Ich habe drei Monate mit keinen von meinen Freunden Kontakt gehabt. Auch mit Aidan nicht. Und dann an Weihnachten hab ich in diesem Café am Piccadilly Circus gesessen, weil ich wusste, dass Aidan irgendwo in der Nähe wohnt. Aber manchmal denke ich, es war Schicksal, dass er auch in dem Café war. London ist so eine große Stadt, aber ich treffe den einen, den ich treffen wollte. Das muss Magie gewesen sein." Ich schwelge kurz in Erinnerungen an den Heiligabend letztes Jahr zurück, an dem Aidan mir vom Tisch gegenüber überrascht zugegrinst hat und aufgestanden ist, um mich schnell zu umarmen. Als hätte er mich genauso vermisst, wie ich ihn. "Und dann haben wir uns immer öfter getroffen" Ich denke an die vielen Erinnerungen mit ihm und die schwachsinnigen Dinge, die wir unternommen hatten. "Und irgendwie besonders in letzter Zeit habe ich mich so verbunden mit ihm gefühlt. Viel stärker als sonst. Mir ging es zwar immer schlechter, aber mit Aidan, da... Da war es besser, erträglicher. Er macht alles immer besser. Und deswegen tut es so weh, dass er jetzt nicht mehr da ist. Er weiß gar nicht, wie sehr ich ihn brauche."
"Hast du es ihm denn nie gesagt?" Ich schüttel mit dem Kopf. "Ich konnte nicht. Das konnte ich noch nie. Das einzige was ich zur Zeit hoffen kann, ist, dass ich noch da bin, wenn er irgendwann wiederkommt. Irgendwas sagt mir, dass er der einzige ist, der mich retten kann." Angus nimmt meine Hand in seine wärmende. Zum ersten Mal seit langem weiß ich, dass ich nicht allein bin.
"Shay, liebe Shay, Der einzige, der ich retten kann, das bist du selbst. Manchmal müssen wir alles allein durchstehen. Manche Menschen sind geboren, um allein stark zu sein. Ich weiß, dass es unfair ist. Aber weißt du noch was? Diese Menschen- das sind die stärksten und besten von allen."
"Aber was bringt das mir? Warum soll ich stark sein, wenn ich nicht mehr kann? Ich habe keinen Grund."
"Es gibt immer einen Grund.", sagt er und sieht mich fest an. Auch seine Augen glitzern. "Und wenn es nur ein einziger, kleiner ist. Für irgendwas lohnt es sich immer. Und wenn du nur die Sterne sehen willst oder am nächsten Morgen deine Lieblingscornflakes essen möchtest."
"Soll ich jetzt für Cornflakes leben?", frage ich lachend, doch weine dabei immer noch. Angus streicht mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. "Nein, so meine ich das nicht. Ich möchte sagen, dass du immer an etwas glauben kannst. Aber das wichtigste ist, dass du an dich glaubst."
"Angus, das versuche ich schon viel zu lange. Es klappt einfach nicht. Ich weiß nicht, was mit mir falsch ist, aber ich kann nicht an mich glauben. Egal wie sehr ich es versuche, ich bin dafür nicht stark genug. Ich hasse mich zu sehr. Und das kann sich auch nicht ändern. Das kann ich alleine nicht schaffen. Mein Leben ist ohne Aidan nichts wert. Das habe ich gemerkt, glaub mir. Ich allein bin wertlos." "Woher willst du das wissen? Hat dir das schon mal jemand gesagt?", hakt er nach.
"Weiß nicht. Vielleicht.", schluchze ich, dabei kenne ich die Antwort auf seine Frage nur zu gut. Wie oft wurde ich schon wertlos, unnütz, dumm, hässlich, unwichtig, komisch genannt. Zu oft. Und das von den Menschen, die ich liebte und die mich auch hätten lieben sollen.
"Shay, Shay. Dann waren das sehr dumme Leute. Kein Mensch auf dieser Welt ist wertlos. Jeder hat seinen eigenen Wert. Jeder ist das, was er aus sich macht. Jules hat immer gesagt, du bist der, der du sein willst. Du bist nicht deine Größe, deine Ergebnisse, du bist nicht wo du lebst, wie viel Geld du hast oder dein Gewicht. Du bist was du liebst, was du hasst, welche Musik du hörst und deine Lieblingsfarbe. Du bist dein Lieblingswetter, der aufbrausende Sturm oder der beruhigende Sommerwind. Du bist nicht wertlos." Angus tippt mich dabei an.
"Dann bist du der Erste , der mich so sieht. Ich weiß ja selbst nicht, wer ich bin. Ich hab mich verloren zwischen all dem. Alles was ich sehe, ist schwarz, dunkel. Kälte. Und das schlimmste ist, irgendwie gefällt es mir." Und dann weiß ich nicht mehr, was ich sagen soll. Angus nimmt mich in den Arm. "Ist okay, Shay."
"Nein, ist es nicht. Ich habe gerade zugegeben, dass ich es mag, dass ich so schrecklich bin. Dass ich es mag, Leute um mich zu verletzen. Du solltest schreiend weg rennen, anstatt mich in den Arm zu nehmen." Doch Angus antwortet darauf nichts, sondern hält mich einfach weiter fest.

All I ever feel (Aidan Turner ff)Lies diese Geschichte KOSTENLOS!