17.- Paris & Blumenkronen

30 4 27

«came to you with a broken faith, gave me more than a hand to hold»

"Na siehste", macht Angus und klopft mir auf die Schulter, nachdem ich ihm von dem Tag im Zirkus erzählt habe (natürlich nicht so detailreich) und mittlerweile weine. "Ist doch ne schöne Geschichte." Ich nicke kraftlos. "Ja, schon." Angus nimmt das Fotoalbum und blättert um. "Dann ist das Xenia, nicht wahr?" "Ja. Ich frage mich nur, woher Aidan das Foto hat.", murmel ich und sehe mir das Bild genauer an. Eigentlich dürfte er das Foto gar nicht besitzen, es stammt immerhin aus einer Zeit in der wir beide ihn noch nicht kannten, geschweige denn noch gar nicht in London wohnten. Es ist eine Fotografie aus Hamburg, eine der schönsten Zeiten die ich mit meiner besten Freundin verbracht habe. Viele Erinnerungen stammen aus genau diesen Tagen. Semesterferien.

Es ist mitten in der Nacht, doch ich liege immer noch wach im Bett. Schon seit Tagen kann ich nicht gut schlafen, wälze mich von der einen Seite auf die andere und starre an die Decke in der Hoffnung dort würden Bilder erscheinen, sich Filme abspielen die mich in den Schlaf begleiten können. Doch da ist nur weiß mit ein wenig Stuck an der Seite. Ich schließe krampfhaft die Augen und habe eine Liedzeilen im Kopf, die ich schon seit ein Stunden immer und immer wiederhole. "Lets go to sleep with clear heads and hearts too big to fead our beds. And maybe we won't feel sorrow before we turn to stone." Meine Augen kann ich natürlich nicht lange geschlossen halten und mein Blick wendet sich dem Foto auf der Kommode zu, auf dem der Eiffelturm abgebildet ist. Ich seufze, schlage die Decke zur Seite und gehe entschlossen in das Zimmer von Xenia gegenüber. Sie liegt leise schnarchend vergraben in hundert Kissen und Decken und ihren alten Kuscheltieren versteckt. Ihr Handy spielt genauso leise This Love von Taylor Swift und ich muss lächeln. Das hört sie immer, wenn sie nicht einschlafen kann. Für einen kurzen Moment möchte ich sie nicht wecken, sie sieht so friedlich aus, träumt sehr wahrscheinlich von Jensen Ackles im Bademantel und das letzte was sie möchte ist aufzuwachen. Aber wenn ich es jetzt nicht tue, weiß ich, dass ich es nie wieder tun werde. Also setze ich mich neben sie auf das Bett und tippe sie sanft an. Sie rührt sich nicht. "Xenia?" Immer noch keine Regung. Ich sage ihren Namen ein wenig lauter und tippe sie erneut an. Langsam regt sie sich und schlägt verwundert die Augen auf. "Shay?", fragt sie und setzt sich etwas gereizt in ihrem Bett auf. "Was willst du denn? Was weckst du mich einfach mitten in der Nacht? Wir haben" Ein Blick auf die Uhr. "Vier Uhr."
"Ja, ich weiß, aber ich kann nicht schlafen und ich muss dir unbedingt was erzählen, weil wenn ich dir das jetzt nicht sage, tu ich das nie, verstehst du?" Sie nickt mit zusammen gekniffenen Augenbrauen, was heißt, dass sie mal so tut, als würde sie verstehen, was ich meine. "Also, ich hab mich gefragt, warum wir eigentlich noch nie in Paris waren."
"Ehm, weil wir entweder keine Zeit oder kein Geld hatten?", antwortet Xenia, als wäre das offensichtlich gewesen. "Ja, das weiß ich auch. Aber warum sind wir noch nie in Paris gewesen?" "Das hab ich doch grade gesagt. Weil wir", wiederholt sie. "Nein, das mein ich doch gar nicht. Ich meine das anders. Das ist wie wenn ich frage warum Zitronen sauer sind. Dann darfst du nicht sagen, weil die Zitronensäure und was weiß ich enthalten. Sondern einfach darüber nachdenken, warum die Zitronen eigentlich sauer sind." Xenia scheint wieder nicht zu verstehen. Gut, meine Erklärung ist auch wirklich etwas fragwürdig. Selbst ich verstehe nicht komplett was ich meine. Zu viel, das ich nicht in Worte fassen kann- was so oft mein Problem ist. "Du hast ziemlich bescheuerte Beispiele mit deinen Zitronen.", meint meine Freundin und fährt sich über die müden Augen. "Also, was willst du jetzt mit Paris? Hinfahren oder was." In ihrer Stimme liegt ein unterdrücktes Lachen. "Jap", mache ich. "Und zwar jetzt" Nun fängt sie an zu lachen und tippt sich an die Stirn. "Um vier Uhr nachts nach Paris fahren. Ich glaub auch. Geh lieber wieder schlafen, Shay. Ich glaube nämlich langsam das du schlafwandelst oder das hier ein schlechter Traum von mir ist. Gute Nacht." Damit lässt sich Xenia demonstrativ wieder in ihre Kissen fallen und nimmt Wolfi in ihre Arme. Ich ziehe ihr den Stoffhund barsch weg. So leicht lasse ich mich jetzt nicht abspeisen. "Nein. Du bleibst wach. Das ist kein Traum, Xenia. Und ich schlaf wandle auch nicht. Das ist mein kompletter Ernst. Bitte."
"Du bist echt bescheuert.", murmelt sie und reißt Wolfi zurück.
"Warum denn? Wir haben doch eh frei, nix zu tun. Lass uns mal was riskieren. Ein richtiges Abenteuer!" Bei den Gedanken daran werde ich ganz enthusiastisch und schwinge den Arm, wobei ich beinahe Xenias hundert Bücher auf dem Nachttisch runter geschmissen hätte. "Wir können mal nach Paris fahren. Aber nicht jetzt."
"Spielverderberin.", sage ich und stehe mit beleidigter Miene auf. Im Türrahmen bleibe ich nochmal kurz stehen und drehe mich zu ihr um. "Weißt du, von allen Leuten auf der Welt, die ich das fragen würde, hätte ich von dir am wenigsten erwartet, dass du Nein sagst." Und dann gehe ich wieder in mein Zimmer, lege mich jedoch nicht ins Bett sondern schnappe mir meine Kopfhörer und setze mich vors Fenster um den Nachthimmel sehen zu können, an dem jedoch kein einziger Stern zu finden ist. Fünf Minuten später klopft es an meiner Tür und Xenia kommt herein. In einem Arm hat sie Wolfi und in der anderen Luki, den sie mir schließlich um den Hals legt. "Ich fahre mit dir.", sagt sie leise. Ich drehe mich zu ihr um und grinse zu ihr hoch. "Aber können wir damit morgen weiter machen? Ich würde gerne noch bisschen schlafen." Xenia gähnt und ich nicke glücklich. "Natürlich. Schlaf so lang du willst." Es herrscht kurze Zeit Stille zwischen uns, in der wir zusammen nach draußen schauen. "Danke.", sage ich leise. "Für alles."

All I ever feel (Aidan Turner ff)Lies diese Geschichte KOSTENLOS!