16.- Tanzen

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«I don't know what I'm supposed to do, haunted by the ghost of you»

In der Nacht träume ich von Aidan. Es ist ein seltsamer Traum. Ich kann ihn genau sehen. Seine Augen, seine Haare, seine Hände. Ich sehe alles so genau, dass ich denke, er ist wirklich hier bei mir. Und um so schlimmer ist es, als ich aufwache und feststelle, dass er nicht hier ist. Zuerst bin ich erschrocken, liege in einem fremden Bett, nicht mehr in seinem Schlafzimmer. Doch dann fällt mir ein, dass ich in Oldham bin mit einem alten Mann von dem ich nur den Vornamen kenne und einem Hund, der nicht mir gehört. Ich lache, bis das Lachen langsam verebbt und in den Wellen von Tränen schließlich ertrinkt. Ich greife nach meinem Handy in der Handtasche und möchte Musik hören um mich ein wenig zu beruhigen, als meine Hand noch etwas anderes ertastet. Ein Buch. Aidans Fotobuch, dass ich schnell eingepackt habe. Also knipse ich die alte, schmuddelige Nachttischlampe an und schlage das Buch auf.
Das erste Foto ist eines, dass ich ihm mal auf WhatsApp geschickt habe, weil es mich irgendwie an ihn erinnert hat.
«My dearest friend, if you don't mind, I'd like to join you by your side. Where we can gaze into the stars, and sit together, now and forever. For it is as plain as anyone can see, we are simply meant to be.
- The Nightmare before Christmas»

Eine Träne tropft auf das bräunliche Papier. Ich muss nicht noch eine Seite umschlagen. Ich muss etwas erzählen. Ohne länger zu überlegen, nehme ich das Buch in meine Hand und klopfe an die Tür des gegenüberliegenden Zimmers. Überraschender Weise macht Angus wirklich auf. Ich habe eigentlich gedacht, er würde tief und fest schlafen, immerhin sind es vier Uhr morgens. Doch auch in seinem Zimmer brennt noch Licht und sein Bett ist unberührt. Er hat also noch gar nicht geschlafen. "Tut mir leid, dass ich einfach so reinkomme. Ich meine, es ist ja auch mitten in der Nacht und so.", entschuldige ich mich schnell und bereue bereits, so rigoros bei ihm geklopft zu haben. "Ach was Shay, komm rein. Ich kann eh nicht schlafen."
"Warum?"
Angus deutet auf das offene Fenster und den dunklen Himmel dahinter, an dem ein großer Mond prangt. "Vollmond. Man könnte meinen, ich bin n Werwolf." Ich lache kurz und nehme wieder auf dem Sessel von vorhin Platz. "Fänd ich auf jeden Fall cool. Solange du ein richtiger Werwolf wärst und nicht nur son halber, weißt du?"
"Ein halber Werwolf? Was soll das denn sein?" Nun ist es Angus, der lacht. Er lässt sich ebenfalls in den Sessel fallen. "Naja, so einer der nur spitze Zähne, Krallen und drei Haare auf der Brust bekommt. Das ist ein halber Werwolf. Aber ein richtiger, der ist halt ein ganzer Werwolf.", erkläre ich und versuche diese simple Erläuterung mit Handgestiken zu untermalen. Angus lacht so laut, dass ich denke die Leute aus dem Zimmer neben ihm müssen aufgewacht sein. Doch es bleibt alles still. Naja, bis auf das schallende und dennoch sehr herzliche Lachen meines Gegenübers. "Aber ich seh, du bist nicht allein zu mir rüber gekommen. Wat hastn du da fürn Buch mitgebracht?" Damit kommt Angus auf das zu sprechen, weswegen ich ja eigentlich da bin. "Geschichten.", sage ich mit einem kleinen Lächlen auf den Lippen. "Ich habe Geschichten zu erzählen."

"Na siehste, ich hab dir doch gesagt, früher oder später, da fällt jedem was ein. Schieß los, ich hör dir uff jeden Fall gespannt zu." "Okay, also das hier hab ich zuhause bei einem Freund gefunden. Dem, der auch der Hund gehört. Es ist ein wenig... Kompliziert mit ihm. Echt komisch.", fange ich an zu erzählen und bin überrascht, wie einfach ich über mich und Aidan mit Angus reden kann. Normalerweise fällt es mir schwer, nur an ihn zu denken. Doch jetzt kann ich ihn Freund nennen, ohne fast in Tränen auszubrechen. "Also wirklich komisch. Und ich weiß auch gar nicht richtig, wie ich das zwischen uns beschrieben soll." Angus gluckst ein wenig und lehnt sich zurück. "Lass dir Zeit. Es ist wichtig, die richtigen Worte zu finden, wenn du deine Seele erklären möchtest."
"Es ist, als ob, naja, kennst du das, wenn du jemanden siehst und plötzlich gibt es alles andere gar nicht mehr? Er ist deine Welt und alles was er sagt, was er tut, die Luft die er atmet und der Boden auf dem er geht, das ist alles was du hast und alles was du brauchst." Angus nickt verständnisvoll. "Glaub mir Shay, jeder der einmal wahrhaftig geliebt hat, weiß, wie du dich fühlst." Ich lächle kurz. "Aber jedes mal wenn ich ihm zu nahe komme, dann ist es, als würde mich etwas von ihm weg reißen. Was dunkles. Und das ist immer so. Und ich kann nichts dagegen machen. Irgendwie." Ich mache eine kurze Pause und schlucke. "Total komisch.", sage ich leise und eher zu mir selbst. Angus legt wieder seine Hand auf meine. "Ist schon in Ordnung, Shay. Wir dürfen alle mal weinen." Und dann fange ich auch an zu weinen. Zum ersten Mal in meinem Leben vor einem fast kompletten Fremden. Es fühlt sich gut an, besser als vorhin. Der Schmerz in meiner Brust brennt höllisch, doch es ist gut, ihn zu fühlen. Ich weiß, dass es Aidan gibt, dass er da ist. Irgendwo, weit weg.

All I ever feel (Aidan Turner ff)Lies diese Geschichte KOSTENLOS!