"Anne." bringt er nur raus und blickt mich verwundert an.
"Was tust du hier?" fragt er und nimmt seine Mütze ab, legt sie auf einen Tisch neben sich und lehnt sich dagegen.
"Du fragst, was ich hier mache?" hauche ich und Tränen steigen mir in die Augen.
"Schatz." Henry legt seine Hände auf meine Schulter und versucht mich zu beruhigen, doch ich fühle ein Chaos in mir drin. Ich bin durcheinander und verstehe nicht was hier vor sich geht.
"Wir setzen uns am besten erst einmal." schlägt mein Mann vor und deutet auf das Sofa.
"Wo soll ich anfangen..."
"Am Besten von Anfang an." murmele ich und starre in seine Augen.
"Anne, erst einmal tut es mir so leid. Ich... ich hätte dich nicht mit so etwas allein lassen sollen."
Ich schüttele den Kopf und seufze. "Sie ist ein Geschenk. Keine Last."
Er nickt und blickt auf den Boden.
"Warum bist du nie gekommen?"
"Ich durfte nicht. Einmal in Fensia und ich wäre gehängt worden. Ich durfte keinen Kontakt zu dir. Nichts. Du solltest in dem Glauben leben, dass ich tot wäre."
Mir steigen wieder Tränen in die Augen und ich fange an zu Schluchzen. "Du lebst." bringe ich nur noch raus und lasse mich von ihm hochziehen. Er umarmt mich und hält mich fest. Wie früher.
"Es tut mir so leid." flüstert er und küsst mein Haar. "Ich hätte bei dir sein sollen. Aber ich wusste, dass du irgendwann kommst. Du hättest mich gefunden. Ich wusste es einfach."
"Dein Vater hat es so gedreht, dass ich zurück nach Hause durfte um verschont zu bleiben. Dann, nach einigen Monaten hat er mir alles erzählt."
"Und wie geht es dir hier?"
"Gut." er nickt lächelnd und schaut uns an. "Ihr seid so erwachsen."
Henry lacht und schüttelt den Kopf. "Dann musst du erst mal die Kinder sehen."
Am Abend habe ich ihm alles von Sophie Isabelle erzählt.
"Wirst du ihr sagen, dass ich ihr Vater bin?"
"Ich weiß es nicht. Möchtest du das?" erwidere ich und blicke ihn fragend an.
"Natürlich möchte ich das. Aber es würde ihr nur Schaden. Ich bleibe ihr Onkel." lächelnd nimmt er meine Hand. "Du bist meine Schwester. Ich fasse es nicht. Also wir haben es immer gespürt. Diese Bindung zwischen uns. Aber dass wir wirklich verwandt sind ist unglaublich."
"Vater hätte uns vorwarnen sollen." lache ich und lege meinen Kopf auf seine Schulter. "Du sollst das Reich übernehmen." sage ich und runzele die Stirn. "Möchtest du das?"
Er schweigt, bis ich meinen Kopf hebe. "Sag etwas."
"Ich weiß nicht. Das Reich weiß nicht, dass ich sein Sohn bin." er stützt seinen Kopf in seine Hände und stöhnt auf. "Warum muss unser Leben so kompliziert sein?"
Ich zucke mit den Schultern. "Du könntest als Regent eingesetzt werden, wenn ich auf meinen Anspruch verzichte und der Königsrat für dich stimmt."