Kapitel 9

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KAPITEL 9

~ May's Sicht ~

Kaum stand ich von der Haustür von Yvonne, ging die Tür auf.
"May!", meinte Yvonne erfreut.
"Yvi", gab ich genauso erfreut zurück.
Nico verabschiedete sich von mir und flitzte nach drinnen zu seinem Vater, der ihn gerufen hatte.
"Komm her, lass dich drücken", meinte Yvonne und zog mich in eine Umarmung. Ich erwiderte die Umarmung und ließ mich von ihr fast erdrücken.
"Marco hat mir gar nicht gesagt, dass du hier auftauchst!", meinte sie völlig aus dem Häuschen und zog mich ins Haus. Die Tür knallte hinter mir zu und schon wurde ich von Yvonne in die Küche gezogen.
Sie drückte mich auf einen der drei Stühle und bat mir was zu trinken an.
"Ein Wasser", meinte ich. "Danke."
"Gern geschehen", sagte sie und stellte mir ein Glas mit Wasser hin. "Wie lange bleibt ihr."
"Sonntag morgen oder mittag sind wir weg. Caro soll am abend wieder kommen."
Yvonne setzte sich mit einem Kaffee gegenüber von mir und nickte nur. "Ja, hab gehört das Caro weg ist. Naja, wie auch immer Scheiß auf Caro."
"Du weißt, dass sie auf einer Fortbildung ist?"
"Weiß ich und ist mir so was von egal", meinte Yvonne und machte eine Handbewegung. "Wie geht's meinen Neffen?"
Ja, Yvonne redete viel und gerne und ja, sie wechselt im schnellen Tempo das Thema, dass man gar nicht hinter her kommt.
Aber das machte sie gerade sympathisch, wenn man nicht Kopfschmerzen bekam, oder dachte sie würde sich auf ein Battle mit Eminem einlassen.
"Kane geht's gut. Marco kümmert sich gerade um ihn."
"Er vermisst den kleinen Kerl so abgöttisch."
"Er ihn auch."
"Wieso ziehst du nicht einfach hier her? Hier hast du mehrere Möglichkeiten das jemand auf Kane aufpasst. Nicht nur deine Mutter und ein paar deiner Freunde."
"Genau genommen hat noch niemand meiner Freunde auf Kane aufgepasst. Und sie haben sich alle von mir zurück gezogen. Studenten eben. Haben keine Lust auf eine Freundin mit Balg und sind genug mit sich, den Studium und Partys beschäftigt."
"Das sind das keine wahren Freunde, Schätzchen", meinte Yvi. "Noch nicht mal ansatzweise darüber nachgedacht?"
"Schon. Aber ich will meine Mutter nicht alleine lassen."
"Deine Mutter ist doch alt genug. Und irgendwann muss ihr doch klar sein, dass du flügge wirst. Entweder du ziehst in dieselbe Stadt, oder dich verschlägt es woanders hin."
"Du hast keine Ahnung, was das alles für ein Papierkram ist. Von den Amt abmelden, hier anmelden, eine Wohnung suchen und all den Kram. Du meintest selber, hier eine Wohnung zu finden, vor allen Dingen Mieter die alleinerziehende Mütter-"
"Zieh zu Marco. Er hat genug Zimmer."
Ich zog eine Augenbraue hoch. "Nein. Und hast du Caro vergessen?"
"Nee, hab ich leider nicht", seufzte Yvi. "Aber ich glaube eben an eines Comebacks. Wir alle."
Den letzten Satz murmelte sie in die Kaffeetasse, auf der Hoffnung, dass ich das hören würde. Aber ich tat es und tat gleichzeitig so, als hätte ich das nicht verstanden.
"Was?", fragte ich sie.
"Nichts-nichts", winkte sie ab. "Hast du schon einen Kitaplatz?"
"Nein."
"Siehste und nen Job hast du auch nicht."
"Danke, das weiß ich", murmelte ich.
"Ich denke, deine Mutter kann damit leben, dass du weiter weg ziehst. Kane würde seinen Vater zwar nicht jeden Tag sehen, aber öfters. Und Marco würde auch in Ruhe sein Leben weiter führen. Was glaubst du, was mit meinen Eltern los ist. Papa vermisst Kane so sehr, dass er schon zu euch kommen und ihn entführen wollte."
"Ach echt?"
"Ja, aber wir wissen alle, das er das nicht gemacht hätte. Ist eben unsere haarlose und harmlose Dramaqueen."
Ich lachte leise. "Hm, so kennen wir ihn ja."
"Ja, und du hast hier wirklich alle. Du wirst eine Menge Leute glücklich machen. Mich, würde es total freuen, wenn wir endlich mal was machen. So ein Mutter-Kind-Tag", meinte Yvonne.
"Wenn, aber es sieht alles danach aus, dass Kane und ich da bleiben, wo wir uns auch wohlfühlen."
"Ich dreh das noch. Irgendwann wirst du flehend vor Dortmunds Pforten stehen und auf Knien betteln, dass du und dein Sohn, als neue Einwohner gezählt werden. Und bevor Kane Fußballstar bei Eintracht Braunschweig wird, bitte, er spielt mit Nico in fünfzehn Jahren, da wo der Papa und Onkel gespielt hat."
Ich lachte leise. "Du kannst beruhigt sein, ich hab Kane gut erzogen, was das mit dem BVB angeht. Er hat mich letztens gefragt, ob ich ihn nicht beim Fußball anmelden darf. Hier in Dortmund."
"Dann zieh hier her."
"Ich hab schon mit Trainer bei uns geredet. Kane muss dreieinhalb Jahre sein, dann darf er erst spielen."
"Ich hab schon mit den Trainer, war so ein wundervoller Satzanfang, bis auf einmal bei uns kam", seufzte Yvonne und trank wieder einen Schluck.
"Ich kann und will die Stadt nicht-"
"Wie oft hast du Marco, oder mir, oder sonst wen gesagt, dass du diese Stadt abgrundtief hasst. Das da nichts los ist und du mit Kane immer weit weg fahren musst, um etwas mit ihn zu erleben."
"Oft", meinte ich und drehte langsam das Glas hin und her.
"Ja, dann regel das, pack die Sachen und beweg deinen schottischen Arsch gen Westen. Kane wird positiv ausflippen, Marco wird positiv ausflippen, die ganzen noch lebenden und nicht dahinvegetierenden Familienmitglieder unsere Familie werden positiv ausflippen. Thomas würde zur Bestform auflaufen und einen mit Mama auf Dirty Dancing machen."
"Wir wissen beide, dass das nicht gut gehen wird. Dein Thomas hat's doch mit der Bandscheibe", meinte ich grinsend.
"Ja, und wir wissen alle, das Mama nicht gerade Victoria-Beckham-Leicht ist. So wie ich. Es wird Tote geben."
"Nicht, wenn sie die Hebefigur im Wasser machen."
"Glaub's mir. Martin und ich haben das schon versucht. Im Wasser und zu Lande, totales Desaster."
"Deshalb die zwei gebrochenen Rippen bei dir und die ausgekugelte Schulter bei ihm?"
"Genau deswegen. Sport ist Mord."
Ich seufzte.
"Süße, überlege dir das mit Dortmund noch mal. Hier hast du den Luxus, die Qual der Wahl, aussuchen zu können, wer auf Kane aufpasst, wenn du einen Tag für dich brauchst. Dort hast du nur deine Mom. Und die kann nie wirklich auf Kane aufpassen. Dein Dad lebt in den USA. Das geht schon mal gar nicht."
"Yvonne, ehrlich? Wieso sollte ich nach Dortmund kommen? Es wird sich nur für Kane lohnen. Für mich ist hier nichts."
"Okay. Du hast gerade nur an dich gedacht. Was dein Sohn will, ist dir egal."
"Ist es nicht. Er noch nicht mal drei und weiß nicht was er will. Ich denke nie an mich. Kane kommt immer an erster Stelle. Nur dieses eine Mal, denke ich an mich und ich will nicht hier her ziehen."
"Er will hier her. Das hat er dir mit der Fußballsache gesagt."
"Das kann er auch bei uns", meinte ich trotzig.
"Du hast einfach nur keinen Bock auf den ganzen Stress der kommt, oder?"
"Nein, ich hab einfach nur keinen Bock- ist egal."
"Nee ist es nicht. Sag's ruhig. Worauf hast du keinen Bock."
"Ich gehe jetzt auch lieber. Ist schon spät. Danke für das Wasser."
"Du hast noch nicht mal einen Schluck- im ernst, was spricht so dagegen, dass du hier her ziehst?", fragte Yvonne mich, als ich aufgestanden war und zur Küchentür ging.
An der Tür drehte ich mich noch mal zu Yvonne, die mich mit Sorgenfalten anblickte.
"Caro und Marco", meinte ich und verließ, dann schnell das Haus.
Ich ging die Auffahrt entlang und machte mich dann auf den Weg in Richtung Marcos Heim.
"Ich wusste doch, dass mir der kleine Flitzer vor Marcos Garage bekannt vor kommt!", hörte ich jemand lachen.
Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen und blickte direkt zu Nuri, der an seinem Auto lehnte. Er wohnte ja nur ein paar Häuser weiter von Yvonne.
"Nuri", meinte ich durcheinander.
"Okay, hab's am Kennzeichen erkannt. Die Buchstaben WF sind hier eine Rarität."
Ich schmunzelte. "Ja, mag sein."
"Warst du bei Yvi?"
Ich nickte. "Hab Nico abgeliefert. Marco hat ja massiven und explosiven-"
"Explosiven Durchfall", sprach Nuri mit und schnitt eine Grimasse. "Die Jungs haben es ihn nicht abgekauft."
"Warst du dabei?"
"Ja, bin aber danach zu Tuğba. Ömer liegt flach. Zu viel Schokolade von Opa Mustafa." Nuri blickte mich ernst an. "Alles okay bei dir? Siehst so aus, als wärst du voll durch den Wind?"
"Alles easy peasy", meinte ich.
"Hm, Marcel hat mal erwähnt, wenn du das sagst, dass nicht alles easy peasy ist."
"Yvonne liegt mir auf den Ohren, dass ich mit Kane hier her ziehen soll."
"Okay, wir sind alle dafür, dass Kane und du, aber ist ja auch egal, was spricht dagegen nach Dortmund zu ziehen?"
"Meine Mom", meinte ich.
"Lässt sie euch nicht ziehen?"
"Kane und ich sind die einzigen ihrer Familie, die dort leben. Die anderen Leben unten in München. Und sie hasst München."
"Wie du", bemerkte Nuri. "Noch was, was dagegen spricht?"
"Nein, nicht das ich auf der schnelle sagen kann."
"Das andere was dagegen spricht, ist nicht zufällig blond, deren Name fängt mit C an und endet mit aro?"
Ich verdrehte ganz leicht die Augen.
"Caro also", meinte Nuri. "Soso."
"Was?", platzte es aus mir heraus.
"Du wirst mich vermutlich mit Haggis vollstopfen, wenn ich das sage, aber ich denke, du hast noch etwas für Marco übrig."
"Quatsch", meinte ich. "Ich will nur nicht, dass alles rauskommt und das das denn das ende der Beziehung wird."
"Och, May. Wenn du nur wüsstest", meinte Nuri.
"Was meinst du?"
"Nichts-nichts. Ich muss auch rein. Tuğba hasst es, wenn ich zu spät bin."
Nuri winkte mir nur zu und ging zu seinem Wohnhaus.
Irritiert blickte ich hinter her und runzelte die Stirn, als die Haustür zuging.
"Okay, verwirrend", meinte ich und machte mich dann mit schnellen Schritten auf den Weg zu Marcos Haus.
Ich hasste es in der Dunkelheit alleine durch die Straßen zu irren. Also lief ich schon fast zurück.
Ich schloss außer Puste die Tür auf und trat ins Haus. Das Licht im Wohnzimmer und Flur brannte noch. Ich drückte die Tür zu und schloss ab, ehe ich an unseren Koffern vorbei ins Wohnzimmer ging.
Was ich da sah, erwärmte mein Herz und brachte mich zum Grinsen.
Kane und Marco lagen angekuschelt auf der Couch, unter der Batman-Decke und schliefen wie die Weltmeister.
Ich hob Kane hoch und trug ihn nach oben ins Gästezimmer, wo ich ihn ins Bett legte. Emma legte ich neben ihn, ehe ich noch mal nach unten ging, um die Koffer zu holen. Als ich die letzte Stufe runtersprang, stolperte ich erschrocken zurück, als Marco wie aus dem Nichts aus dem Wohnzimmer geschlürft kam. Seine Haare waren durcheinander und er erschrak sich ebenfalls, rutschte auf der Batman-Decke aus, die er hinter sich her zog und knallte zu Boden.
"Woah. Nailed it", rief ich und kam von den zweiten Schock wieder runter, als ich auf Marco zu ging, der auf dem Boden lag.
"Alles in Ordnung?", fragte ich ihn und kniete mich neben ihn.
"Holst du mir 'nen Kissen?", murmelte er und deckte sich mit der Batman-Decke zu.
"Nein, steh auf und leg dich wie jeder normaler Mensch in ein Bett", sagte ich.
"Ist hier aber so gemütlich", seufzte er.
"Ich zieh dich zur Treppe und du gehst die alleine nach oben", schlug ich vor. Ich stand auf und schnappte mir Marcos Knöchel, ehe ich ihn mit aller Kraft mit zur Treppe zog.
"Aufstehen, Faulpelz", meinte ich und ließ seine Beine auf dem Boden knallen.
"Au!", knurrte er.
"Dann bleib liegen", meinte ich. "Ich hol dir kein Kissen."
Ich schnappte mir die Koffer und ging nach oben.
Im Gästezimmer, zog ich mich schnell um und ging noch mal ins Badezimmer um mir die Zähne zu putzen.
Als ich wieder aus dem Bad kam, sah ich Marco wie er sich mutwillig die Treppen hochzog.
Der war schon so ein merkwürdiger Kautz, wenn er müde oder schlaftrunken war.
Ich blieb stehen und beobachtete Marco, der sich, als er oben ankam, müde auf den Boden legte.
"Keinen Meter neben dir ist dein Schlafzimmer", meinte ich.
"Hm", machte Marco nur. Ich ging ins Schlafzimmer und schnappte mir eines der Kopfkissen.
"Hier", meinte ich und schmiss ihn das Kissen auf den Kopf.
Er zuckte vor Schreck zusammen. "Danke, Mama", murmelte er.
Irritiert blickte ich zu Marco und lief gegen den Türrahmen.
"Au!", murrte ich und rieb mir die Stirn, ehe ich im Gästezimmer verschwand und mich aufs frischbezogene Bett legte. Ich war froh, dass ich endlich schlafen konnte, da der Tag schon ziemlich anstrengend ist war.

{1} This Is Us  [Marco Reus FF] ✔️Where stories live. Discover now