Kapitel 3

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Von fern bahnten sich die wispernden Stimmen aus den Katakomben die steinernen Stufen hinauf ihren Weg an Alestras Ohr. Alestra stand in dem Kreuzgang, der zwischen den Mauern, die die Kräutergärten von der Außenwelt trennten, verlief. Still lag der Innenhof da, in dessen Beeten die seltensten Kräuter gediehen. Schweigend als würde er mit dieser Stille die Nacht herbeirufen wollen und selbst die sich um die Säulen rankenden Wildrosen und Glyzinen schienen ihre Köpfe in die Höhe zu recken, um sie vom Mondlicht überfluten zu lassen. Doch noch stand die Sonne am Himmel und so sehr sie sich es auch wünschte, die Nacht konnte Alestra nicht früher hereinbrechen lassen. Im Schatten einer Säule richtete sie sich auf, ließ die Ausdruckslosigkeit auf ihr Gesicht wandern und trat auf die Stufen zu, die vor ihr steil in die Tiefe führte. Mit jedem Schritt wurde es um sie herum kälter und das Wispern wanderte über die feuchten Wände, schien sie sich einverleiben zu wollen. Wie viele von ihnen mochten wohl dort unten sein? Alestra wusste nicht, wie vielen Frauen sie gleich gegenüberstehen würde, wie viele ihr nur einen misstrauischen Blick schenken würden.

Die Stufen wurden mit jedem ihrer Schritte glitschiger, doch wie gewohnt traten ihre Füße auf die Stellen, die sie sicher nach unten führten. Alestras Hand schloss sich um den steinernen Tiegel, in dem sich die kostbare Pflanze befand. Aus dem Wispern wurden plötzlich Stimmen. Die niedrige Decke tat sich auf und wurde zu einem hohen Gewölbe, das von steinernen Säulen getragen wurde. Die Luft war schwer von den Gerüchen der verschiedensten Kräuter und lag drückend auf Alestras Brust. Eine jede Pflanze hinterließ hier unten die Spur ihrer Wirkung und so waberten Betäubung, Betörung und Halluzination durch einen einzigen Raum, sodass sich immer wieder ein Flimmern in Alestras Blickfeld stahl. Sie ging zwischen einigen Tischen hindurch, auf denen sich Schalen, Mörser und zahlreiche gläserne Gefäße stapelten, die sich auch in den Nischen in den Wänden mit Flüssigkeiten, Pulvern und Salben darin wiederfanden. Alestra versuchte so gut wie möglich die Heilerinnen hinter den Tischen, die bis jetzt in ihre Arbeit vertieft waren, auszublenden, genauso wie die jüngeren Heilerinnen, die sich entweder für Aufträge ausrüsteten oder ebenso von solchen zurückkamen. Es waren zu viele und die meisten hatten wegen des Neuankömmlings den Blick gehoben und sie angestarrt, wenn auch nur kurz. Wäre es Angst in ihren Augen gewesen, hätte sie damit leben können, aber Missbilligung war eine völlig andere Sache. Sie war verletzend. Doch keiner von ihnen hatte die leiseste Ahnung, was sie wirklich war. Sie wussten nur, dass die einzige Freundin der Frau, die der Außenwelt entfloh, tot war.

„Ich bringe die Kräuter zurück, die Ihr mir für meinen Auftrag zugesprochen habt." Es war ein seltsames Gefühl wieder ihre eigene Stimme zu hören nach so vielen Tagen des Alleingangs. Die Frau, zu der Alestra sprach war eine der älteren Heilerinnen, eine Hüterin, die fast alles über die Wirkungen und Geheimnisse einer jeden Pflanze wusste. Es war über Jahrhunderte bewahrtes Wissen, das die Hüterinnen in sich trugen und die Frau, die nun ihren Blick gehoben hatte, war eine der weisesten, wenn es um den Umgang mit den Schätzen des Waldes ging. Sie strich sich das rotblonde Haar, in das sich schon einige graue Strähnen geschlichen hatten, aus dem Gesicht, als sie Alestra endlich registrierte.

„Natürlich, es war die Samolus, die ich dir vor über zwei Wochen gab. Ich hoffe sie hat Anwendung finden und ein weiteres Leben retten können. Wo ist sie?" Da war mal wieder keine Frage, wie es ihr tatsächlich ergangen war, sondern nur ein höfliches Hoffen ohne das Interesse einer Antwort. Die Katakomben waren ihre Welt, hier unten war ihr Reich, in dem sie die Mächtigen waren und allen anderen ihre Unwissenheit vor Augen hielten. Scheinbar hatten sie auch verlernt, was es hieß, sich für das Leben eines anderen aus der Außenwelt zu interessieren. Und wie Alestra es hasste von ihnen nur ein herabwertendes „du" zu erhalten. „Ich habe sie wohlbehütet bei mir, Hüterin. Sie hat gewiss ein Leben retten können."

„Gut, denn die Meisterin erwartet deine Berichterstattung. Du sollst dich bei der Schamanin einfinden. Sie wird es unserer Meisterin weitergeben. Ich hoffe für dich, Alestra, dass du keine unangenehmen Verkündigungen zu machen hast. In einer Woche ist Vollmond und für dieses Mal hat sie ein größeres Ritual geplant als sonst und die Vorbereitungen verlangen ihr so einiges ab. Ich würde dir also raten, nur das Beste zu erzählen."

Alestra spürte stechende Blicke in ihrem Rücken und sie musste die Fassung bewahren, um nicht preiszugeben, wie sehr sie die Aussage der Hüterin aus dem Konzept gebracht hatte. Während ihrer Reise hatte sie zwar stets ihr Zeitgefühl behalten, doch das Große und Ganze aus den Augen verloren. Trotz allem war die Zeit dennoch an ihr vorbeigerast und lachte sie nun hämisch aus. Vollmond. Natürlich, wie hatte sie das nur vergessen können. Lediglich ein kaltes „gewiss" stahl sich über ihre Lippen, bevor sie dem Tisch und der Heilerin dahinter mit einem höflichen Nicken den Rücken kehrte. Zwei Schritte tat Alestra, dann stieß jemand so schmerzhaft gegen sie, dass sie das Gleichgewicht verlor und sich krampfhaft am nächstgelegenen Tisch festkrallen musste, um nicht zu Boden zu stürzen. Kurz blieb ihr die Luft weg, dann drehte sie sich mit einer weiteren ausdruckslosen Miene um und starrte ihn das sorgenerfüllte Gesicht einer jungen Frau, deren Augen schreckgeweitet waren. Alestra erkannte sie unter ihren braunen Locken. Es war Melissa, eines der Mädchen, die im Gemeinschaftsschlafraum im Erdgeschoss ihrer Hütte untergebracht waren, und Alestra entspannte sich wieder ein wenig im Gegensatz zu Melissa.

„Bei Zelene, das tut mir schrecklich leid! Geht es dir gut? Das wollte ich wirklich nicht!" Alestra rappelte sich auf und strich sich das Kleid wieder glatt. „Beruhige dich, es ist alles in Ordnung. Mach dir keine Sorgen, es ist doch nichts Schlimmes passiert!" Sie konnte nicht verhindern, dass die gewohnte Kälte in ihre Stimme zurückkroch.

„Verzeih mir bitte! Ich bin so ungeschickt", flehte sie. Alestras Blick wanderte zu der Hand, mit der sich Melissa die Seite hielt. „Nicht die beste Eigenschaft für eine Heilerin, oder? Aber ich an deiner Stelle würde mir lieber Sorgen um dich machen. Was hast du gemacht?" Der Blick des Mädchens huschte zu der Stelle, doch im selben Moment schulterte sie wieder ihre Tasche, die zu Boden gefallen war und verwehrte Alestra den Blick. Doch in einem winzigen Augenblick hatte sie gesehen, wie Blut aus einer unsichtbaren Wunde durch ihr Kleid sickerte.

Alestra - SchattennebelWo Geschichten leben. Entdecke jetzt