„Das ist gut so, genau so war es geplant", sagte Mom zwinkernd und stupste mich leicht an.
„Krass... okay,... ich muss jetzt erst einmal unter die Dusche", verkündete ich ein wenig neben der Spur und tapste mit einem Tunnelblick ins Badezimmer.
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„Oh Gott, ich steeeerbe vor Aufregung!!!"
Nein, falsch geraten, dieser Satz kam nicht von mir.
Sondern von meiner kleinen Cousine.
Sie saß – hibbelig wie eh und je – am anderen Ende meines Bettes und wartete darauf, dass wir endlich losfahren würden.
Was noch ein paar Stunden dauern wird, da es erst halb zwei nachmittags war und das Konzert um halb sieben losging.
Ich hörte Jana aber eigentlich eh gar nicht zu.
Ich lag bäuchlings mit dem Rücken zu ihr auf meinem Bett und starrte auf mein Handy, das vor mir auf meinem Kopfkissen lag. Ich hatte das Bild von Harry und mir geöffnet, während in mir gerade ein erbitterter Kampf stattfand, der mich schier noch mehr auseinanderriss.
Er liebt mich nicht, er ist ein Superstar!
Aber er hat das Bild von uns auf Instagram gepostet!
Na und, er hätte bei Mom anrufen können, um wieder Kontakt zu mir aufzunehmen! Hat er das gemacht? Nein!
Er ist noch nicht einmal seit 24 Stunden wieder in München! Außerdem hatte er bestimmt viel zu viel zu tun!!
Das ist gelogen, er hat es auch geschafft, zur Tiefgarage zu fahren und das H und S zu fotografieren!
Das ändert nichts an der Tatsache, dass er das Gleiche fühlt wie ich!
Und WAS bitteschön bestätigt dir das?! Er hat nur so ein paar blöde Sachen in ein paar sozialen Netzwerken gepostet und schon denkst du, du bist seine große Liebe! Wahrscheinlich macht er das in jeder Stadt! Das ist wahrscheinlich ein Nervenkitzel, ein kleiner Kick für ihn!
Das ist nicht wahr! Jeder konnte das zwischen uns spüren! Das war etwas Besonderes!
Sei nicht so naiv!
Ich bin nicht naiv, sei du nicht so stur und verschlossen!
Ich denke logisch und vorsichtig, davon kannst du nur träumen!
Ja schön, ich will etwas riskieren, na und! Wenn ich es nicht tue, dann werde ich mir mein Leben lang Vorwürfe machen, ob es vielleicht nicht doch zwischen uns geklappt hätte!
Es wird niemals klappen! Herrgott nochmal, sieh es endlich ein! Er ist ein Weltstar, er ist 360 Tage im Jahr unterwegs! Er wird keine Zeit für dich haben! Du bist ein Niemand in seinen Augen!
...
Das Schlimme war.... ich wusste nicht, auf welcher Seite ich stand. Beide Stimmen hatten irgendwie Recht.
Jede einzelne Silbe, die in diesem lautstarken Kampf in mir geschrien wurde, schlitzte mich noch mehr von innen auf und ich drohte langsam zu verbluten.
Ich sah immer noch auf Harrys Gesicht hinunter.
Es war wahr, wieso hatte er nicht bei Mom angerufen oder war dort aufgetaucht? Wieso hatte er sonst nicht versucht, mich zu finden?
Frustriert und verwirrt schloss ich die Augen. Ich wurde einfach nicht schlau aus der Sache. Ich konnte langsam nicht mehr.
„Sammy?", erklang Janas leise Stimme neben meinem Ohr und ich spürte, wie sich die Matratze neben mir ein wenig senkte, als sie sich ebenfalls auf den Bauch direkt neben mich plumpsen ließ.
„Ich bin verwirrt", erklärte ich ihr murmelnd und sie sah mich mit gerunzelter Stirn an.
„Was weiß ich, was er will... ob er es ernst meint... ob ich ihm wirklich etwas bedeute... oder ob ich nicht nur ein kleiner Zeitvertreib für ihn bin..."
„Das werden wir heute Abend herausfinden", meinte Jana, „...auch wenn ich dir so schon die Antwort geben kann."
Ich seufzte. Natürlich glaubte sie, dass Harry das Gleiche empfand wie ich, jeder hier dachte das irgendwie, aber es war verdammt noch mal keine Bestätigung dafür, dass es auch wirklich so war!
„Ja, wir werden es hoffentlich heute Abend herausfinden", antwortete ich matt und rollte mich auf den Rücken, damit ich weiter frustriert vor mich hinstarren konnte – diesmal aber an die Decke und nicht in das schönste Gesicht, das ich jemals gesehen hatte.
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„Oh mein Gott, oh mein Gott, ich frrrreeeuuu mich sooo!"
„Das ist mir ja ganz neu", gab Leo trocken zurück und verdrehte amüsiert die Augen über unsere Cousine, die wie verrückt durch mein Zimmer sprang, während ich im Badezimmer stand und mich fertig schminkte.
„Saaaam, jetzt komm endlich!" Sie fegte zu mir ins Badezimmer und sprang weiter auf und ab mit glühenden Wangen und leuchtenden Augen.
Unwillkürlich musste ich lachen.
„Jana, es ist gerade einmal viertel nach vier! Wir haben noch ewig Zeit!"
„Aber wir müssen früh genug da sein!", entgegnete sie laut.
„Wozu denn?", fragte ich grinsend, „wir haben Platzkarten, also müssen wir uns keine Sorgen machen, ob wir etwas sehen oder nicht."
„Ach ja, stimmt...", gab sie zurück, „das ist ja nicht nach dem ‚Wer-zuerst-kommt-kriegt-den-besten-Stehplatz-in-der-Arena'-Motto..." Sie zuckte mit den Schultern und grinste wie ein Honigkuchenpferd. „Naja, wenn man mit dir auf ein Konzert geht, kriegt man eh immer die besten Plätze, egal wie früh oder spät man kommt, weil du eine Weltmeisterin im Unauffällig-nach-vorne-Drängeln bist."
„Ja, das habe ich schon öfter zu hören gekriegt", gab ich lachend zu und verließ mit Jana im Schlepptau das Badezimmer.
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Endlich war ich wieder hier.
Direkt vor der Olympiahalle, wo alles angefangen hatte.
Es war schon ein wenig komisch. Das letzte Mal, als ich hier gewesen bin, war dies für mich der Ort des Grauens gewesen. Damals war es noch der Ort, an dem mein Schicksal angefangen hat, mich zu hassen, und mir das Leben zur Hölle machte.
Damals – es hörte sich an, als wäre es schon Monate oder sogar Jahre her, aber eigentlich waren es nur ein paar Tage, die dazwischen verstrichen waren.
Wahnsinn.
Jetzt war es irgendwie der Ort, an dem alles angefangen hatte, aber als ich daran dachte, stahl sich ein ehrliches, kleines Lächeln auf meine Lippen. Es war der Ort, der mich zu Harry Styles geführt hatte.
Klar, die eine Stimme in meinem Kopf von vorhin rief weiter hartnäckig in voller Lautstärke, dass ich nicht wusste, ob er es ernst mit mir meinte, aber ich konnte ja auch nichts gegen meine Gefühle tun! Sie überrannten mich jedes Mal wieder aufs Neue, wenn ich auch nur an Harry dachte.
Seht ihr, und schon wieder.
Mein Herz klopft wie verrückt und mein Magen fährt Achterbahn, meine Knie werden weich und meine Atmung verschnellerte sich.
Es war wirklich unglaublich, was Liebe mit einem Menschen anstellen konnte.
„Wir sind echt hier", flüsterte Jana ehrfürchtig, als wir unsere Eintrittskarten vorgezeigt und unsere Taschen durchsucht hatten lassen (klar, ich nehme immer Pistolen, Bomben und Messer mit auf One-Direction-Konzerte, ihr nicht?) und jetzt an den Securities vorbei in die Halle gingen.
„Wir sind hier", wiederholte sie atemlos, als wir von ganz oben hinunter in die Arena blickten. Ich würde mich nie an dieses Bild gewöhnen. Ich war schon oft hier gewesen, aber es war jedes Mal aufs Neue wieder erschlagend, wenn man sah, wie viele Leute hier reinpassten.
Ich zog sie am Ärmel hinter mir her zu den Treppen, die unter den Sitzrängen zur Arenafläche hinunterführten.
Als wir unten ankamen, drohte ich zu hyperventilieren. Okay, keep cool, Sam. Alles wird gut.
Wir setzten uns auf unsere Plätze und ich versuchte, so gut es ging, die kreischenden Mädels um mich herum zu ignorieren.
Ich war eindeutig ziemlich kilometerweit über dem Durchschnittsalter, ich kam mir vor wie eine alte Oma.
Aber eigentlich verstehe ich dieses Phänomen nicht.
Ich verstehe es wirklich nicht, wieso die meisten One-Direction-Fans eigentlich so jung, also zwischen 13 und 15, waren! Ich meine, hallo, die Jungs sind zwischen 19 und 21 Jahre (Anm.: Ja, ich weiß, dass Louis inzwischen 22 und Harry 20 ist, aber die Geschichte spielt im Herbst 2013 ;) ) und sind keine kleinen Bubis mehr – und außerdem sind sie megaheiß?! Was hatten die ganzen Mädels in meinem Alter immer, dass sie jedes Mal die Nase rümpften, wenn sie „One Direction" hörten?!
Naja, mir egal, so kann ich einen von ihnen wenigstens ungestört haben, dachte ich grinsend und hätte beinahe laut losgelacht.
Oh man, das Adrenalin in meinen Adern ließ mich – beziehungsweise mein Hirn – total verrückt spielen.
Weiter kam ich allerdings mit meinen Gedanken nicht, denn jetzt wurde das Licht gedimmt und das Konzert begann.