Prolog

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I feel it, therefore it must be true

Camila

Was für ein Scheiß,

Meine Augen waren trockener als der Mathestoff, den ich versuchte mir reinzuwürgen.

Ein Gähnen entwich meinem Hals, als ich zur nächsten Seite umblätterte, ohne die letzte verstanden zu haben. Ich konnte gestern nicht einschlafen und das machte sich jetzt sichtbar. Meine Augen brannten und jede Bewegung war eine Bewegung zu viel. 

Ich check das nie.

Ich war ein ganz normaler Teenager - ich verbrachte wahrscheinlich zu viel Zeit an meinem Handy und zu wenig an meinen Hausaufgaben und ich hasste Mathe. Natürlich hatte ich erst gestern mit dem Lernen für die morgige Arbeit angefangen und bereute es jetzt zutiefst. Ich hatte mich einfach nicht zum Lernen bringen können. War das nicht verständlich? Ich bekam einfach keine Aufgabe hin.  Jedes mal, wenn ich bei den Lösungen nach schaute, lag ich komplett falsch. Es war ein beschissenes Gefühl zu wissen, dass man nicht klug genug war. 

Gähnend lehnte ich mich gegen mein Bett. Ich zog das Buch ganz nah an mein Gesicht. Ich musste das verstehen. Ich musste einfach.

Meine Nackenhaare stellten sich auf, als ich an meine letzte Arbeit dachte. Oder eher an die Reaktion meiner Eltern. Es war eine Fünf Minus gewesen. Mum und Dad waren so enttäuscht gewesen.

Ich schüttelte leicht meinen Kopf. Jetzt musste ich mich auf die nächste Arbeit konzentrieren. Ich wollte niemanden wieder so enttäuschen. Ich verrengte meine Augen auf eine bestimmte Textstelle im Buch und versuchte sie zu verstehen.

Meine verrengten Augen wurden immer schmaller, bis sie schließlich ganz zu fielen.

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Mein Kopf war nach vorne gekippt, sodass mein Gesicht auf meinem Mathebuch lag. Sabber hing mir aus dem Mund heraus. Meine Haare glichen einem Vogelnest und auf die Verrenkung meiner Beine konnte selbst ein Olympia-Gymnast neidisch sein. Es war echt kein schöner Anblick.

Das erste, das ich wahrnahm, als ich wach wurde, war mein schriller Alarm. Dann extreme Nackenschmerzen und Verwirrung. Als meine Augen durch meinen Raum schweiften, begriff ich, was passiert sein musste.

"Fuck." Ich ließ meinen Kopf gegen die Wand hinter mir fallen. Wieder diese Nackenschmerzen.

Als ich mir die Decke ansah, musste ich darüber schmunzeln, wie unterschiedlich die Dinge waren, die ich sah, und die, die ich dachte. Die Decke war schlicht in weiß gehalten und glatt. Meine Gedanken waren unorganisiert und schlugen Krater in mein Selbstbewusstsein.

Die Realität der Situation traf mich. Mein Schmunzeln verschwand. Ich war eingeschlafen, beherschte den Stoff nicht und würde daher meine Eltern und mich selbst - wieder einmal - enttäuschen. Ich wollte schreien, heulen, oder wenigstens weinen. Stattdessen ging ich außergewöhnlich langsam aus meinem Bett und machte mich fertig. 

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Alle Augen drehten sich zu mir um, als ich das Schulgebäude betrat. Manche schauten nach wenigen Sekunden weg, einige Blicke blieben an mir haften, bis ich meine Freunde erreicht hatte.

Ja, ich war ein ganz normaler Teenager. Mit der Ausnahme, dass ich beliebt war. Sehr beliebt sogar.

"Hi, Leute!"

Ich begrüßte meine besten Freundinnen Dinah und Normani mit einer Umarmung und die anderen mit einem Lächeln. Die anderen waren die restlichen Freunde von Normani und Dinah. Zwar mochte ich die meisten Menschen und kam mit fast jedem klar, aber trotzdem waren meine einzigen wahren Freunde Dinah und Normani. Sie mochten mich für mich.

Trotzdem konnte und wollte ich mich heute morgen nicht an ihrem Gespräch beteiligen. Ich war froh über die ganzen anderen Leute, die von meiner Schweigsamkeit ablenkten. Meine Gedanken galten einzig und allein der Mathearbeit.

Ich werde verkacken so wie immer.

Schönreden hatte keinen Zweck. Ich würde verkacken. Versagen. Jeden enttäuschen. 

Mein Herz schlug nahezu brutal gegen meine Brust und das Dröhnen meines Blutes war das einzige, was ich hören konnte. Mir wurde wärmer und meine Atmung war flach. Das war nicht gut. Ich kannte dieses Gefühl.

Ich biss auf meine Unterlippe und ließ meinen Blick schweifen. Ich musste mich ablenken.

Meine Augen landeten auf einem Mädchen mit dunklem Haar und blasser Haut. Sie war mit ihrem Rücken zu mir gedreht und holte ihre Sachen aus ihrem Spind. Kaum merklich ging mein Herschlag runter.

Irgendein Schüler stieß ihr absichtlich in die Schulter und ihre Bücher fielen hin. "Sorry,", schrie er höhnisch zurück, als sie ihm den Mittelfinger zeigte und sich danach zu ihren Büchern bückte.

Meine Augen bohrten Löcher in den Kopf des Idioten. Als ich wieder zum Spind blickte, sah ich ihr Gesicht. 

Lauren Jauregui

Ich wusste nicht viel über Lauren. Nur, dass wir im selben Jahrgang waren, sie immer Einsen bekam und sie eine Art "Schulnerd" war. Trotzdem beruhigte mich ihre Präsenz. Lauren war vielleicht der Nerd, aber sie ließ nicht zu, dass sie das als Person definierte. Sie zog einfach ihr Ding durch. Das bewunderte ich an ihr. Ich hatte oft das Gefühl, ich konnte dieses und jenes nicht tun, weil Menschen es nicht von mir erwarteten. Aber ihr war es egal, Lauren machte das, was sie wollte. Sie war anders. 

Ich riss meinen Blick von ihr los, als mir jemand auf die Schulter tippte.

"Kommst du, Mila?", fragte Normani. "Es hat geklingelt."

"Echt?", lachte ich. "Hab' ich gar nicht gemerkt."

Normani lächelte mich an und drehte sich wieder um.

Schnell schaute ich über meine Schulter. Lauren war weg. Mit einem lautlosem Seufzer folgte ich Normani. Meine Fünf konnte kommen.

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~ eine Woche später ~

"Karla Camila Estrabao Cabello," Ich zuckte zusammen, als mein Vater meinen vollen Namen benuzte. Das war nie gut. "Ich dachte, wir hatten deutlich gemacht, dass wir besseres von dir erwarten."

Ich biss auf ihre Lippe und schaute zum Boden. Ich hasste diese Gespräche. Ich wusste doch, dass ich die Mathearbeit verhauen hatte, ich wusste doch, dass meine Eltern bessere Leistungen erwarteten, aber verdammt - ich gab mir doch Mühe. Es war nur Mathe. Meine anderen Noten waren gut. Warum achteten Eltern immer nur auf das schlechte? Ich wollte argumentieren, mich verteidigen, sagen, dass eine Fünf Plus immer noch besser als eine Fünf Minus war, doch alles, was meinem Mund verließ, war ein schwaches:

"Ich weiß."

Ich hörte das schwere Seufzen meines Vaters. "Lern mehr, mija. So geht es nicht weiter."

Wieder einmal nickte ich nur. Diskutieren brachte nichts. Er verstand mich einfach nicht. Als ich endlich in mein Zimmer durfte, schloss ich sofort die Tür zu und holte meine Gitarre und meinen Notizblock raus. Musik beruhigte mich immer.

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"Kommst du mit zum Strand, Walz?"

Seufzend schüttelte ich den Kopf. "Sorry, ich hab' was zu tun."

Ich meinte gesehen zu haben, wie Dinahs Mundwinkel nach unten gingen, aber im nächsten Moment grinste sie mich breit an. Ich muss mich wohl getäuscht haben. 

"Kein Problem, wir sehen uns morgen."

Ich zwang mir ein Lächeln auf die Lippen. "Bis morgen."

Nachdem Dinah weg war, ging ich mit hängenden Schultern zur Schulbücherei. Ich wollte mit meinen Freunden abhängen. Ich hatte keine Lust für Mathe zu büffeln, aber noch weniger Lust hatte ich, meine Eltern zu enttäuschen. Ich wollte sie einfach nur stolz machen.

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Hey und willkommen zu einer neuen Story! Neue Kapitel kommen immer wöchentlich :)

Nachhilfe beim NerdDonde viven las historias. Descúbrelo ahora