10 ◄ Der neue Nachhilfelehrer

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Verdammte Schule! Wie habe ich das damals nur auf die Reihe bekommen? Im Unterricht ging es ja noch. Ein paar weniger Meldungen, kaum einer bemerkte, dass ich überhaupt keine Ahnung hatte, wovon der Lehrer da vorne überhaupt redete. Aber dann...

»Und vergesst nicht: Am Mittwoch steht der Mathetest an.«

Es waren ja nicht viele Worte, die er da benutzte, aber sie bereiteten mir unglaubliche Angst. Was nun? Früher stand ich in Mathe auf was? Keine Ahnung, aber ich war nie schlechter als ein C. Was sollte Mr. Greyson von mir denken, wenn da plötzlich ein F stehen würde. Langsam erhob ich mich von meinem Stuhl, um den Unterricht zu verlassen, als plötzlich...

»Ach und Jamie! Hast du noch eine Minute?« Mist, Mr. Greyson. Was wollte er nur von mir?
»Ich nehme an, dass deine abnehmende mündliche Mitarbeit kein Zeichen der Ahnungslosigkeit bei dir ist. Ich bin eigentlich davon ausgegangen, dass du das Thema ziemlich gut verstanden hast.« Mist, er hatte es doch bemerkt.

Am liebsten hätte ich ihm an den Kopf geworfen: Ja, aber Kurvendiskussion brauchte ich in meinem Job nie! Anders als sie es ja immer behaupten... Aber ich konnte mich noch gerade so zurückhalten.

»Keine Sorge, Mr. Greyson. Ich werde die Arbeit am Mittwoch schon nicht verhauen.«
»Gut. Aber was halten Sie davon, wenn sie sich mal wieder öfters melden würden? Sie können es doch.« Und wie ich es konnte... Hahaha.
»Ich werde mich bemühen.« Und mit diesen Worten verließ ich schnell die Klasse.

Oh, oh. Was sollte ich jetzt nur machen? Das erste was mir in den Sinn kam war Nachhilfe. Aber würden die Schüler dann nicht skeptisch werden und wissen wollen, warum jemand wie ich Nachhilfe brauchte?

»Na, was beschäftigt dich so?«, fragte mich plötzlich jemand, der nur Marlon sein konnte. Ob als Geist oder reale Person konnte ich nicht sagen. Wobei ich aber eher auf ersteres tippte.

Da wir sowieso alleine waren, war es eigentlich auch egal.
»Ich falle wahrscheinlich in Mathe durch. Und nicht nur da, sondern auch in den restlichen Fächern. Aber in Mathe ist es momentan besonders problematisch, weil die Klausur schon am Mittwoch ist.«

»Wie wäre es mit Nachhilfe?«, fragte er. Als ob ich da noch nie dran gedacht habe...

Okay. Ich musste jetzt einfach wissen welcher Marlon da vor mir stand. Aus diesem Grund streckte ich meine Hand nach seiner Schulter aus... und sie glitt so durch. Gut, dann brauchte ich also keine Rücksicht nehmen: »Denkst du mir ist der Gedanke nicht auch schon gekommen? Aber jeder Nachhilfelehrer wird sich wundern, warum ich denn Nachhilfe nötig habe und plötzlich so schlecht bin.«
»Naja. Ich würde mich nicht wundern.«

Ich schaute ihn mit zusammengekniffenen Augen an. »Ach? Du konntest dir also noch alles merken, was wir gerade im Unterricht machen? Du Superhirn.«
Er begann zu lachen. »Natürlich nicht. Ich rede ja auch nicht von meinem Geist-Ich. Mein reales Ich könnte dir auch helfen, weil es noch nicht lange hier zur Schule geht und somit nichts von deinem plötzlichen Leistungswechsel ahnt.«

Ich gab es ja nur ungern zu, aber Marlon hatte Recht. Zurzeit war er der einzige neue Schüler an dieser Schule, der zudem auch noch in meine Klasse ging. Eigentlich perfekt.

»Okay. Ich werde dich fragen. Aber wehe du stimmst nicht zu.«
»Dann ist das aber nicht meine Schuld.«
»Aber natürlich ist es das«, antwortete ich grinsend. Ich hätte an dieser Stelle jetzt mit einer spitzen Antwort gerechnet, doch er war doch tatsächlich einfach verschwunden.

Das musste er sein. Geist-Marlon würde sich nämlich nicht mit anderen Schülern, außer mir, unterhalten. Konnte er ja auch gar nicht. Mit wem unterhielt er sich gerade noch mal? Ich kannte den Namen mal. Er ging auch in unsere Klasse, allerdings war er mir nach all dieser Zeit einfach entfallen.

»Hi«, sagte ich einfach zu Marlon und Mr. Name-entfallen. Beide antworteten mir mit den gleichen Worten.

»Ah, noch ein bekanntes Gesicht. Vom Glücksrad, richtig?« Ich nickte nur. »Ich zeige dem Neuen gerade ein wenig die Schule. Wenn du möchtest kannst du das aber auch gerne übernehmen, Jamie. Ich habe nämlich sowieso gleich Fußballtraining.«

»Natürlich. Kein Problem«, antwortete ich ihm. Froh, dass er von selbst verschwand. Er brauchte das mit der Nachhilfe ja nicht mitbekommen.
»Und danke nochmal, Zach!«, rief Marlon ihm nach. Ah, genau. Stimmt... Zach hieß er.

»Du bist meine Nachbarin Jamie, oder?«, fragte mich Marlon nun.
»Ja, die bin ich wohl.«

Ein Lächeln tauchte auf seinem Gesicht auf, das ich bei Geist-Marlon noch nie gesehen habe. Klar lachte er auch, aber nie wirklich so, dass man es ihm abkaufen konnte. Irgendwie verständlich. Sollte man sich darüber freuen ein Geisthandlanger zu sein? Vielleicht war er ja deswegen immer so ätzend drauf.

Während wir durch die Schule gingen, überlegte ich wie ich ihn am besten wegen der Nachhilfe ansprechen sollte. Als wir gerade die Sporthalle erreicht hatten, sagte ich einfach: »Bist du eigentlich gut in der Schule?«

Meine Frage schien ihn etwas zu verwirren. »Äh, geht. Wieso?«
»Naja. Also... Ich könnte im Moment wirklich gut Nachhilfe gebrauchen. Ich würde dich auch gut bezahlen... Bitte­-« Vermutlich klangen meine Worte ziemlich verzweifelt. Aber das war ich auch. Er war immerhin meine einzige Chance.

Lachend unterbrach Marlon mich. »Schon gut. Du hast es wohl ziemlich nötig, was?«
»Also... Mittwoch ist ja schon die Matheklausur und...«
»Ich mach's. Habe sowieso nichts Besseres zu tun. Bin ja gerade erst hier hergezogen. Da hat man noch nicht so wirklich Cliquen, mit denen man sich treffen könnte.«

Hm... dieser Marlon war ja ganz schnuckelig. Also... um einiges sympathischer als der andere. Wie konnte ein und dieselbe Person nur so verschieden sein?

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