Elias
Es war die Art, wie sie sich nicht wehrte.
Nicht im klassischen Sinn. Der Körper wehrte sich, ja – die Muskeln zuckten, die Lunge rang um Luft, das Herz schlug in panischer Unordnung. Aber da war kein Blick, kein Aufbegehren in den Augen. Nur Akzeptanz. Ein Zucken des Kiefers. Eine Träne. Dann Ruhe.
Ich betrachtete ihn lange, bevor ich das Messer ansetzte.
Nicht aus Sadismus. Ich bin kein Sadist. Ich habe kein Interesse an Schmerz. Schmerz ist chaotisch, laut, überflüssig. Was mich interessiert, ist Struktur. Ordnung. Zerlegung.
Die Haut gab wie nasses Papier nach. Ein warmer Strom rann mir über die Hand, färbte die Gummihandschuhe rot. Ich atmete flach. Nicht vor Erregung. Vor Konzentration.
Ich nannte ihn Nummer 17. Kein Name, keine Biografie. Nur Gewebe. Muskel. Fett. Nervenbahnen, die sich wie feine Linien durch das Fleisch zogen, als wären sie von einem Künstler gezogen worden. Es war ein perfekter Körper, fast zu perfekt. Ich hatte ihn in einem Fitnessstudio kennengelernt. Er roch nach Proteinriegeln und Eitelkeit.
Ich sammelte die Zunge. Die Form faszinierte mich: so weich, so nutzlos ohne Kontext. Sie war stumm jetzt, in einem Glas mit Formalin, zwischen der rechten Niere von Nummer 11 und einem fragmentierten Herzlappen von Nummer 3.
Ich sprach währenddessen nie. Ich dachte auch nicht viel. Nur manchmal... überlegte ich, ob sie in ihren letzten Momenten wussten, dass es keinen Ausweg gab. Ob sie ihn suchten – oder ob sie froh waren, dass endlich jemand kam, der entschied.
Später duschte ich gründlich. Dreißig Minuten. Ich konnte nie sicher sein, ob der Geruch nicht irgendwo in mir blieb. Es ist nicht nur Blut, es ist... Haut. Angst.
In meinem Bad stand ein Spiegel, aber ich mied ihn. Nicht aus Schuld. Ich wollte mich nur nicht daran erinnern, dass ich menschlich war. Die Menschlichkeit ist wie Schimmel: Sie breitet sich aus, wenn man nicht aufpasst.
Als ich an jenem Abend auf der Couch saß, die Hände gefaltet, das Licht gedimmt, öffnete ich mein Notizbuch. Ich notierte:
Nr. 17.
männlich, ca. 25.
attraktiv, aber stumpf. keine besonderen Reflexe.
keine Tränen bis zum Schluss. bemerkenswert.
siehe Muskelstruktur – hervorragend definiert, trotz hypertrophierter Eitelkeit.
Zunge konserviert. Haut unbrauchbar (Tätowierungen).
keine besonderen Gefühle.
Ich setzte den Stift ab, als es an der Tür klingelte.
Ich zuckte nicht zusammen. Niemand klingelte bei mir – nicht ohne Einladung. Ich hatte keine Freunde, keine Nachbarn, keine neugierigen Verbindungen.
Ich öffnete nicht. Stattdessen trat ich ans Fenster.
Draußen auf der Straße stand sie.
Zierlich, dunkle Kleidung, ein Skizzenblock in der Hand. Sie sah nicht hoch. Sie zeichnete. Irgendetwas. Wahrscheinlich das Haus. Oder das Fenster. Oder mich.
Ich wusste es nicht.
Aber ich wusste: Sie war anders.
Und sie würde mich entweder retten –
– oder mich zerstören.
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Blutmond
Mystery / ThrillerEr zerlegt Menschen in vollkommener Stille. Sie zeichnet den Tod mit der Hingabe einer Liebenden. Elias Moritz lebt ein Doppelleben: tagsüber unscheinbarer Pathologe, nachts ein kaltblütiger Serienkiller mit chirurgischer Präzision. Seine Welt ist k...
