Stillschweigend trotteten Ava und Jackson durch die Straßen Londons und dachten beide an das, was keiner sich auszusprechen traute. Die letzten Stunden hatten sie gemeinsam verbracht und den Palast beobachtet. In der Dunkelheit war noch eine weitere Formation Transporter angekommen und hatte Soldaten mit sich gebracht. Ava hatte sogar kurzzeitig den Verdacht gehabt, Adam unter ihnen entdeckt zu haben. Von Lauren fehlte offensichtlich jede Spur. Doch sie war sich ja auch nicht mal sicher, ob sie sich nicht auch geirrt hatte. Daher dachte sie nicht weiter groß darüber nach und da es jetzt unerträglich kalt draußen geworden war und beide fast eingeschlafen wären, waren sie aufgebrochen und nun an Haileys Elternhaus angelangt. Chloe und Hailey schliefen bereits und die letzten Stunden der Nacht wollten die beiden Nachzügler auch noch für ein wenig Ruhe nutzen. Der nächste Morgen ging da schon eher hektisch vonstatten, denn sie mussten aufbrechen und zurück zu ihrem Schauplatz. Nach einer dünnen Tasse Tee und ein wenig vertrocknetem Brot, zogen sie sich dicke Jacken und Schuhe an. Dabei fiel keinem auf, dass Jackson mit einem Schal den Hals gründlich verdeckte und auch kein einziges Stück Haut mehr zu sehen war. Der Weg zum Palast kam ihnen allen lang und mühsam vor, als wäre all ihre Kraft aus den Körpern gestohlen und in einer Kiste aufbewahrt. Gleichzeitig aber ging so etwas wie ein allgegenwärtiges Knistern durch die trockene Luft, als hätte jeder große Erwartungen an den Tag. Und so war es auch, denn sie mussten nicht lange in ihrem Versteck lauern, bis etwas geschah. Wieder fuhren Massen an Wagen an und parkten. Die erst so brummenden, aber vergleichsweise ruhigen Motoren verstummten und alsbald wurden Türen geöffnet. Sei es eine spontane Eingebung Haileys gewesen oder einfach Leichtsinn – sie entfernte sich aus ihrer Tarnung und bedeutete den anderen ihr zu folgen. Es war schon zu spät, um sie aufzuhalten, daher schlichen Jackson, Chloe und Ava ihr hinterher und vielleicht war es Schicksal, aber kein einziger Uniformierter bemerkte, wie sich auf einmal vier ihnen durchaus bekannte Gesichter unter ihre Schüler und künftigen Soldaten mischten.
Müde von der langen Fahrt und mit schmerzenden Gliedern stiegen Scarlett, Morgan und ihre verbündeten Ausbilder aus den Transportern. Lange waren sie gefahren und man hatte ihnen nur kurz und knapp angekündigt, dass der folgende Tag bereits der erste Tag der Ordensvollstreckung sein würde. Was das bedeuten würde, hatte man ihnen nicht gesagt aber es war sicher, dass sie noch früh genug erfahren würden, was ihre Schützlinge und letztendlich auch sie erwartete. Zunächst traten sie in den großen Palast ein und wärmten sich einen Augenblick in den Fluren auf. Viel Zeit dafür blieb allerdings nicht, sie wurden gleich darauf zum riesigen Innenhof mannövriert, wo Ausbilder, Offiziere und Krieger sich zu einer Besprechung versammelten, während den jungen Soldaten heißes Wasser in Tassen geschenkt und Brot rumgereicht wurde.
„Defensio wird in wenigen Minuten aufbauen und Pugno ausstatten. Das erste Ziel ist das ehemalige Altersheim“, kündigte Messelwave kurz und knapp an.
„Was ist die Aufgabe?“
„Alle, die sich nicht unterwerfen, werden getötet. Fluchtversuche unbedingt unterbinden.“ Ein stummer Schauer ging durch die Zuhörer und gerade die Ausbilder ließ diese Anweisung nicht kalt.
„Wir haben uns dazu entschieden, nicht auf die anderen Bezirke zu warten. Einige haben verlauten lassen, dass sie es erst die Tage schaffen würden und es wäre Zeitverschwendung, solange untätig zu bleiben.“ Scarlett überkam ein kalter Schauer bei dem Gedanken, unschuldigen Menschen das kostbarste der Welt zu nehmen. Es war absolut nicht richtig und alles in ihr sträubte sich dagegen. Am liebsten hätte sie genau das gesagt, aber Morgan schien das geahnt zu haben und ergriff ihre Hand. Sein Blick bohrte sich in ihren und er gab ihr stumm und unmissverständlich zu verstehen, die Klappe zu halten. Natürlich wusste Scar genau, dass sie sich ohnehin vom Orden abspalten würden, aber sie wusste nicht wann und das machte ihr Angst. Am liebsten wäre sie sofort davon gerannt, aber das wäre schlichtweg das selbe gewesen, als hätte sie laut geschrien, dass sie eine Gegenmacht aufbauten. Es wäre ihr sicherer Untergang und daher schwieg sie.
„Sie werden sich weigern, sich uns anzuschließen und mit allen Mitteln ihre Türen vor uns barrikadieren. Aber wir haben bessere Mittel als sie. Ich gehe davon aus, dass sie bewaffnet sein werden, aber wir sind besser. Wir sind schneller, schlauer und trainierter. Wir beginnen mit Stich- und Hiebwaffen. Pfeil und Bogen sind unnütz auf die Distanz.“ Eine Hand schnellte in die Höhe.
„Was ist mit den Schutzanzügen?“, fragte Alec.
„Oh bitte, die werden wir doch noch nicht jetzt verschwenden. Das ist doch erst der Anfang“, lächelte Rosehill durch spitze Zähne.
„Was ist, wenn unsere Leute verletzt werden?“
„Wozu haben wir Regeneratonis? Alle verwundeten werden in Sicherheit gebracht, die Toten liegen gelassen.“ Und das war der Moment, wo kein einziger der Anwesenden mehr an der absoluten Grausamkeit des Resistentia Ordens zweifelte.
Eilig und dennoch vorsichtig huschten Morgan, Scarlett und Alec durch den breiten Flur und suchten den Schlafraum von Haus Pugno. Die meisten Türen bargen leere Räume und Stuben und es dauerte eine Weile, bis sie den Saal gefunden hatten. Die meisten Kinder, ja, es waren unbestreitbar noch Kinder, saßen auf ihren Matratzen und unterhielten sich oder starrten einfach stumm auf ihre Hände. Sie wussten, was da kommen würde. Und es dauerte nicht lange, bis Morgan Adam in der Menge entdeckt hatte. Der sprang sofort auf und schlängelte sich durch die Lager hindurch.
„Wo ist Lauren?“, war das erste, was Morgan erfragte.
„Zurück geblieben.“ Adam war schrecklich blass und angespannt, man sah ihm seine Angst an.
„Wann verschwinden wir?“, fragte er schon fast flehend.
„Den ersten Angriff müssen wir mitmachen. Wenn alle wieder in den Palast gehen, kapseln wir uns ab. Niemand geht alleine. Mindestens zu zweit. Such dir am besten einen der Ausbilder, den du kennst. Sie gehören alle zu uns.“ Adam schien augenblicklich etwas erleichtert und nickte. Zur gleichen Zeit bauten draußen die Verteidigungskrieger ihre Baustätten und Versorgungszelte auf. Regenerationis bereitete sich ebenso vor, indem sie ein Lazarett im Innenhof errichteten. Keiner zweifelte an, dass es Verletzte geben würde. Kein einziger. Morgan stellte Adam noch Alec vor, bevor sie wieder verschwanden und gerade noch rechtzeitig draußen waren, um nicht von den Uniformierten gesehen zu werden. Gemeinsam gingen sie in die Kälte und ließen sich ein blaues R an die Brust stecken. Das Zeichen, das so viel Lüge und Verrat barg. Nach und nach kamen auch die jungen Soldaten hinaus und ließen sich zu einer Einheit machen. Als alle beisammen waren, händigte man jedem einzelnen eine Axt, ein Schwert oder andere Todbringer aus. Die frierenden Finger ergriffen das baldige Blut und die Wolken ihres Atems stiegen in den Himmel.
„Der Tag ist gekommen“, rief Rosehill aus und bekam sofort die Aufmerksamkeit, die er sich erwünscht hatte. Ausnahmslos alle Augenpaare lagen auf ihm.
„Es ist Zeit, den König zu finden und sein Reich zu reformieren. Unser erster Angriffspunkt ist das frühere Altersheim. Wir vermuten darin Gegner der Monarchie. Also auch unsere Gegner.“ Er machte eine kurze Pause, in der jeder den Atem anhielt.
„Wendet an, was man euch gelehrt und denkt stets daran: Jeder in diesem Haus ist euer Feind. Und eure Feinde müsst ihr aus dem Weg schaffen. Jeder, der sich ergibt und uns anschließt wird vorerst verschont, den Rest...“ Er ließ den Satz offen und das passte so gar nicht zu ihm. Er war sonst nicht wortkarg oder verhalten, er war ein kaltblütiger Offizier. Doch egal ob er es nun aussprach oder nicht, alle wussten, was gemeint war und erzitterten.
„Wir müssen Opfer bringen, um Friede zu erlangen also macht unseren König wieder zum Herrscher, indem ihr seine Opponenten ausschaltet.“ Tod. Die gesamte Rede beinhaltete nur diesen einen Befehl. Tod. Es gab keine Formation, keine Aufstellung. Sie alle folgten einander und auch die Ausbilder wurden mit dem Strom hinausgeschwemmt. Über den großen Platz hinweg flogen sie schon beinahe, so riesig war die Masse an Menschen. Scarlett sah sich mehrmals nach Adam oder einem anderen bekannten Gesicht um, aber außer einigen ihrer Schüler, fand sie niemanden. Nur Morgan blieb stets an ihrer Seite. Sie waren ziemlich mittig in der Menge an Soldaten platziert und hatten daher auch nicht die Aufgabe, die verriegelten Tore des mächtigen Hauses zu öffnen. Die Offiziere erledigten dies mit Mühe, aber Erfolg und dann, dann begann der Krieg.
Adam wurde regelrecht von den anderen Soldaten ins Haus gezogen, obgleich die kreischenden Geräusche einer schießenden Pistole zu hören waren oder nicht. Sie waren jung, entschlossen und bereit zu kämpfen. Alle außer Adam. Denn er wusste, dass jedes einzelne Wort von Rosehill eine Täuschung war. Doch er musste sich an den Plan halten und zumindest erstmal mit in das Altersheim hinein gelangen, um weiterhin Legitimität zum Orden vorzutäuschen. Er sah seine künftigen festgelegten Opfer nicht, dafür waren zu viele seiner Leute im Blickfeld. Sie alle rannten einen riesigen Gang entlang und Adam suchte erfolglos nach den gerade noch anwesend gewesenen Offizieren. Sie waren draußen geblieben, die elenden Feiglinge. Bisher hatte sich noch niemand blicken lassen und daher wurden die ersten Türen aufgerissen. Die untere Etage war komplett leer, alle waren nach oben geflüchtet. Das muffige Haus wartete auf blutbefleckte Wände und fließende Eingeweide und das würde es bekommen, denn die Soldaten hatten die Treppe am Ende des Flures entdeckt. Bereit zu kämpfen erklommen sie die Stufen und trafen auf einen weiteren kargen Flur, der bald nicht mehr verlassen sein würde. Die erstbeste Tür wurde aufgerissen und ihnen blickten um die zwanzig Gesichter entgegen. Alle bis an die Zähne bewaffnet und mit so viel Furcht in den Augen, dass sie schon alleine vom Hinsehen fast umgekippt wären. Sie waren ausgerüstet und das war ein offenes Zeichen, das der vorne stehende Alte mit den fehlenden Zähnen offen aussprach: „Wir sind bereit, ihr Schwanzlutscher.“
Ein Mädchen, vielleicht neun oder zehn Jahre alt grinste noch, bevor sie laut brüllte und in den winzigen Raum stürmte. Mindestens ein Dutzend Soldaten folgten ihr und richteten ihre Waffen gegen die ebenso vorbereiteten Erwachsenen und wenigen Jugendlichen. Die meisten verteidigten sich mit langen Messern oder Beilen, Feuerwaffen hatte in diesem Zimmer keiner, aber Adam wusste genau, dass das noch kommen würde. Fassungslos stand er in der Tür und beobachtete das wahnsinnige Szenario. Das Mädchen, das kleine, süße Mädchen war auf eine junge Frau losgegangen und dabei den Kampf zu gewinnen. Sie war ausgebildet und flink und das wurde ihr letztendlich zum Vorteil. Ein einziger Fehler ihres Gegenübers bescherte dem mit einem schmatzenden Geräusch die Klinge ihres Schwertes im Bauch. Adam konnte nicht wegsehen, so grausam war das Geschehen. Kinder, junge Menschen, die einmal nichts Böses im Schilde geführt hatten, bekämpften sich mit anderen für einen riesigen Verrat. Die Frau mit dem Schwert im Leib war da erst der Anfang gewesen. Mit leeren Augen lag sie zu Boden, während ihre Mörderin sich auf den nächsten Angreifer stürzte. Sie alle ließen die rote Suppe an die vergilbten Tapeten spritzen und Adam konnte gar nicht mehr erkennen, ob da nun jemand mit oder ohne blauem R am Boden lag. Er hatte auch gar keine Zeit mehr, darüber nachzudenken, denn jemand packte ihn am Kragen und zerrte ihn hinaus.
„Scheiße Adam, beweg dich da raus!“, fuhr Morgan ihn an und rannte den langen Flur herab. Scarlett war nur wenige Meter vor ihm und Adam konnte sich endlich wieder fassen. Die folgenden geöffneten Türen legten ähnliche Kampfszenen wie die im ersten Raum dar und die ersten Zweikämpfe wurden schon außerhalb ausgetragen. Ein junger, kräftiger Mann mit sehnigen Armen holte mehrmals mit seiner Axt aus, wurde aber immer wieder von seinem Gegner, einem unwesentlich älteren Kerl abgewehrt.
„Morgan, verdammte Kacke, was soll das hier? Wir müssen irgendwas tun?“, brüllte Adam mit glühenden Wangen und der Angesprochene blieb stehen. Er drehte sich um und betrachtete ihn.
„Wir werden gar nichts tun. Solange du nicht angegriffen wirst, wirst du nicht kämpfen. Wir brauchen jeden einzelnen, also lass dich gottverdammte Scheiße nicht umbringen.“ Ein spitzer Schrei ertönte und beide drehten sich zu seinem Ursprung. Scarlett lag am Boden und eine bullige Frau hockte auf ihrer Taille. Mit ihrem Küchenmesser zielte sie auf Scars Gesicht und für Morgan gab es keine Chance einzugreifen. Er war zu weit entfernt und das Mädchen, das er unwissend liebte nun auf sich allein gestellt. Doch Scarlett war nicht nur ein Mensch für sich, denn in ihr wütete Maryann Westminster und diese rettete ihr nun das Leben. Sie wich der Spitze ihres Gegners aus und verpasste ihr einen Kinnhaken der sich gewaschen hatte. Die Frau taumelte zurück und Scarlett konnte sich von ihr befreien. Benommen und einer Bewusstlosigkeit nahe blieb ihre Angreiferin am Boden liegen und Scarlett blickte schwer atmend auf sie herab. Morgan war wie angewurzelt in seiner Bewegung steckengeblieben und er und Adam starrten Scarlett an. Doch diese begann in genau diesem Moment einen entscheidenden Fehler. Durch ihre Unachtsamkeit sah sie den Mann nicht, der von der Seite aus dem Zimmer kam und seine im Kampf erworbene Axt nach ihr warf. Wie in Zeitlupe sah Morgan das bereits blutbefleckte Metall aus der geöffneten Tür sausen und dann mit einem ihm den Magen umdrehenden Geräusch in Scarlett Silverstones Hals stecken bleiben.