Prasselnd trommelte der Regen gegen das geschlossene Fenster, zeichnete dicke Linien auf das Glas, welche jenen auf dem blassen Antlitz des Jungen Konkurrenz machten, der vornüber gebeugt auf seiner Matratze, die Beine eng im Schneidersitz an den Körper gepresst und in der Hand ein Foto haltend, kauerte. Das Bild war abgegriffen, zerknittert. Zu oft hatte er es zwischen den Latten befreit, dann wenn er im Bett lag und auf das Holzgestell über sich starrte, hatte es an sein Herz gepresst, in der stillen Hoffnung, die Zeit zurückzudrehen. Doch der Sekundenzeiger kannte nur eine Richtung und nichts würde jemals wieder so sein, wie es einst war.
23. Juli 2026
Allmählich brach die Nacht herein, derweil Yoongi die Sicht, nach einer gefühlten Ewigkeit, hob, sich abwandte von der bekannten Szenerie seiner Mannschaft, die ihn umringte, derweil er den lang ersehnten Pokal in beiden Händen hielt, weit nach oben ausgestreckt. Einen besseren Tag hatte er nie erlebt. Es war alles perfekt. Er war perfekt. Er… Seine Gedanken wanderten zurück. Sein Blick trübte sich, doch die geröteten Augen gaben keine Tränen mehr preis. Zu viel war geschehen und zu oft hatte er die Ereignisse betrauert. Er, sein bester Freund, sein Teamkollege, sein Point Guard, seine Sonne, war nicht mehr an Yoongis Seite. Schon viel zu lange nicht mehr.
Fahrig glitten die schlanken Finger durch das dunkelbraune Haar, strichen eine fettige Strähne hinter das Ohr, welche sich vorwitzig in sein Sichtfeld zu schieben wagte. Doch dafür brachte der Oberschüler keine Geduld auf. Angespannt seufzend richtete sich der junge Mann auf, fand in den geraden Stand, ließ das Mannschaftsfoto, scheinbar achtlos, auf das Bett gleiten und hatte Mühe seinen Rücken durchzustrecken. Die Muskeln und Gelenke brannten unter der einseitigen Belastung der letzten Stunden und erst jetzt, da er nicht mehr saß, getraute es sich sein Magen, wie auch die Blase Gehör zu verschaffen. Er hatte alles verdrängt, allein für dieses eine Bild, für eine Erinnerung, die nie wieder Wiederholung finden würde.
Die Schritte des Basketballspielers führten ihm am Hochbett vorbei und geleiteten ihn ins Bad. Der Flur war dunkel. Elektrisches Licht brannte keines. Die Stromversorgung war bereits nach wenigen Stunden zusammengebrochen, nachdem man die Stadt evakuiert hatte, oder besser gesagt, die Bevölkerung rabiat in Dutzende dieser schwarzen Busse zwängte, derweil er das Geschehen, aus sicherer Entfernung, verfolgte. Unbemerkt versteht sich. Andernfalls wäre er nicht hier – ein Umstand, von dem er mittlerweile nicht wusste, ob er ihn gutheißen sollte. Doch der Basketballspieler war von Grund auf skeptisch, was mit seiner Abneigung einher ging, sich mit dutzenden Fremden auf engsten Raum zusammenpferchen zu lassen. Alles in ihm sträubte sich, wenn er an die Soldaten zurückdachte. Doch in der Nacht, dann wenn ihn die Einsamkeit übermannte, drängte sich die Vorstellung auf, wie es wäre, nicht allein zu sein, wenn er sich der Masse angeschlossen hätte.
Nur wenige Stunden nach Abfahrt der Busse regnete es Flugblätter. Mehrere davon lagen auf dem Tisch im Wohnzimmer, dem Raum, den er immer schon mied. Trotz dessen, dass er allein war, hielt er sich die letzten Tage vorrangig im Schlafzimmer auf, kuschelte sich in die Laken, denen noch immer der schwache Geruch seiner Geschwister anhaftete. Sie waren zu fünft gewesen. Er, Vater, Mutter, Siwon und Hani. Mit keinem verband ihn leibliche Verwandtschaft, doch seinen kleinen Bruder und Schwester hatte er lieben gelernt, ganz im Gegensatz zu den Pflegeeltern, mit denen er kaum ein Wort wechselte. Die Gespräche waren fast ausnahmslos einseitig verlaufen und beschäftigten sich vorrangig mit der Erledigung seiner Pflichten, wie Hani in den Kindergarten zu begleiten oder Siwon bei den Hausaufgaben zu unterstützen. Oft hatte er diese Aufgaben als Last empfunden, doch in diesem Augenblick würde er alles dafür geben, um mit einem der beiden zusammen auf den Fußboden zu hocken, zu spielen oder dieses dumme Malbuch zu befüllen, welches immer noch aufgeschlagen vor dem Sofa ruhte. Yoongi zwang sich die Sicht abzuwenden. Hastig stürmte er ins Bad, widmete sich seiner Toilette und wusch sich anschließend die Finger mit jenem Wasser, welches er in einem Eimer gesammelt hatte. Anschließend trieb der Hunger ihn in die Küche. Mit viel konnte der Vorratsschrank nicht aufwarten, doch der Oberschüler war nichts anderes gewohnt. Er kannte dieses Ziehen in der Magengrube, dieses brennende Grummeln und wusste damit einzuschlafen. Dennoch konnte er nicht mehr ewig hierbleiben. Bald schon wären die kläglichen Reste aufgebraucht und das Ziehen würde sich zu einem Schmerz wandeln, der ihn vor die Tür trieb, all seinen Ängsten zum Trotz. Er hatte gesehen was da draußen lauerte. Er hatte sie mit eigenen Augen erblickt.
Anfangs noch als eine harmlose Infektionskrankheit abgestempelt und von der breiten Masse in den sozialen Medien belächelt, sorgte der unbekannte Virus dafür, dass sich die Welt, schier über Nacht, in einen Albtraum wandelte. Seitdem streifen jene durch die Straßen, deren Augen sich zur Gänze verdunkelt hatten, schwarz wie Obsidiane, deren Haut blass strahlt, sodass man die bläulichen Adern darunter schimmern sehen konnte und deren Gehör- sowie Geruchssinn, den eines jeden Menschen in den Schatten stellte. Allein bei der Vorstellung überkam Yoongi ein eiskalter Schauer und doch fand er sich bereits wenige Herzschläge später im Wohnzimmer wieder, vor dem Tisch, den Rücken gebeugt, eins der Flugblätter in Händen und den Blick auf die skizzierte Karte geheftet, welche das Flüchtlingslager markiert, das seiner Position am nächsten war. Wenn er gedachte, dem Hungertot zu entfliehen, bleibt ihm kaum eine andere Wahl. Er musste… er konnte nicht länger warten. Wider den Anweisungen, welche zur Ruhe und Deeskalation aufriefen und eine zweite Evakuierungswelle ankündigten, um die verbliebende Bevölkerung in Sicherheit zu bringen. Doch mittlerweile war eines klar: Es würde niemand kommen, um ihn zu retten. Wenn er sein Schicksal nicht selbst in die Hand nahm, würde er sterben, so wie all seine Freunde. So wie vermutlich auch er, den er einfach nicht aus seinen Gedanken zu tilgen im Stande war. Jimin.
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Run
FanfictionSeoul 2026 - Ein unbekannter Virus wandelt den langweiligen Alltag des Oberschülers Min Yoongi in einen Albtraum. Als wäre sein Leben nicht schon kompliziert genug, muss er fortan um sein Leben kämpfen, auf der Suche nach seinem besten Freund. Schne...
