[10] Freiheit

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Der Ruf einer Eule ließ mich hochschrecken. Ich knallte mit meinem Kopf gegen einen Ast.
>>Oh verdammt.<<, fluchte ich.
Als ich meine Benommenheit abgeschüttelt hatte, bemerkte ich wie dunkel es eigentlich war.
Panisch schaute ich auf meine Uhr.
Halleluja! 23:34 Uhr! Warum könnte ich denn heute bloß so viel schlafen?
Schnell krabbelte ich zu meinem Rucksack hinüber, den ich im Mondlicht grad noch erkennen konnte.
Ich wollte grade vom Baum klettern, als ich etwas durchs Gestrüpp rennen hörte. Vorsichtig schaute ich hinunter.
Plötzlich brach eine schnelle, dünne Gestalt aus dem Dickicht. Ein Reh.
Ich stieß einen erleichterten Seufzer aus. Doch dann sah ich drei, vier, nein fünf Wölfe hinter ihm herjagen. Meine Augen waren vor Schreck weit aufgerissen. Dann blieb einer der Wölfe stehen und schnupperte. Er drehte sich zu mir um, fletschte die Zähne und knurrte. Zitternd klammerte ich mich am Baum fest. Was sollte ich denn jetzt nur tun! Aber meine Entscheidung war blitzschnell getroffen. Ich kletterte höher am Baum hinauf. Soweit ich wusste konnten Wölfe nicht klettern, aber ich wollte es lieber nicht ausprobieren. Fast oben angekommen wurde mir klar: Nach unten kann ich nicht, also muss ich nach oben.
Ich schloss meine Augen und konzentrierte mich.
>>Bitte lass es kein Traum gewesen sein. Wenn ich super tolle lebensrettende Fähigkeiten brauchte, dann jetzt.<< Ich zitterte, teils vor der nun doch abgekühlten Luft, teils vor Angst. Unten hörte ich Gejaule und ein Schaben, wie Krallen auf Holz. Meine Finger krallten sich tief in die Baumrinde, sodass es schmerzte. Ich dachte nach. Wie war es im Traum gewesen. Ich hatte mich auf ein Tier konzentriert. Ja dann, Vogel, Vogel, Vogel verdammt! Es klappte nicht. Ich versuchte es erneut. Die Geräusche unten am Baum waren lauter geworden. Nun dachte ich an ein speziellere Art, vielleicht klappte es mit dem Grundbegriff Vogel nicht. Durch die starre Konzentration bekam ich schon Kopfschmerzen und war kurz vor dem Aufgeben. Aber dann veränderte sich mein Körper. Meine Fingerspitzen taten nicht mehr weh und ich spürte den Baum nicht mehr vor mir. Ehe ich mich versah, war ich zu einem Falken geworden.
Erst überschlugen sich meine Gedanken und verdrängten die Geräusche der Wölfe, doch dann fokussierte ich mich auf das Wichtigste: Hier wegzukommen.
Ich überlegte wie ich am besten in die Luft und über die Bäume kommen könnte ohne dabei gegen einen Ast zu prallen. Schließlich hatte ich eine freie Flugbahn entdeckt.
Ich hockte mich mit meinen Vogelbeinchen hin, breitete die Flügel aus und flog los. Beziehungsweise, ich versuchte es. Erst schlingerte ich tollpatschig durch das Geäst doch dann wurde ich immer besser. Geschickt manövrierte ich mich durch die Äste und schoss dann senkrecht gen Himmel. Das Gefühl war wunderbar. Es war unglaublich still. Ich spürte nur den Wind in meinem Gefieder und diese unglaubliche Freiheit und dann, als ich mich umdrehte sag ich den überwältigenden Anblick der Stadt. Sie lag still und leuchtend mitten in einem Meer aus Dunkelheit.

Mit den Luftströmen unter meinen Flügeln segelte ich langsam auf sie zu. Es war kein Traum. Es war real. So real wie die Sterne über und die Stadt unter mir. Wenn Falken weinen könnten, hätte ich es jetzt getan.
Ich flog über das Einkaufszentrum und die beleuchteten Straßen. Ich hatte mich noch nie so wunderbar gefühlt.
Bald war das Stadtzentrum erreicht und ich sah die Diskos und Kneipen in denen die Leute ausgelassen feierten. Als nächstes erreichte ich die vielen Hochhäuser. Ich flog dicht an den Fensterscheiben vorbei und spähte hinein. Ein paar dunkle Büros, aber auch Wohnungen in denen Eltern ihre Kinder ins Bett brachten oder gemütlich vor dem Fernseher saßen.
Als ich dann über den Stadtpark flog entschied ich mich noch einen Abstecher zu meiner Schule zu machen und dann nach Hause zu fliegen, obwohl ich am liebsten ewig im sternenklaren Himmel geblieben wäre.
Ich musste mich kurz orientieren, doch dann fand ich die richtige Route.
Ich sah das Schulgebäude dunkel und verlassen dastehen. Ein ungewöhnlicher Anblick, denn ich war nur massenweise Schüler und Lärm an diesem Ort gewohnt. Es wirkte nun fast ein bisschen gespenstisch.
Ich drehte eine Runde über den Pausenhof und schoss dann über das Dach auf die andere Seite mit dem Parkplatz. Doch was ich dann sah, machte mich stutzig.

Ganz allein stand dort...

...Lens Auto.

Das, was man nicht Magie nennt - AnimalicedLies diese Geschichte KOSTENLOS!