8. Kapitel. Familienkrise

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Tief atmete sie durch und lief auf die Lichtung.
Fast sofort als sie diese betrat, liefen die Wölfe um sie herum und begrüßten sie. Sie setzte sich einfach auf die Lichtung und wartete und hoffte auch, dass Will ihr keinen Vortrag hielt. Dieser sprang von dem Baumstamm und ging langsam auf sie zu. Als er neben ihr stehen blieb, lehnte er seinen Kopf gegen ihren Hals und setzte sich hin. So verharrten sie eine Weile bis ein kalter Windzug durch die Bäume fegte.
"Lass uns nach Hause gehen.", murmelte er und stand auf.
Sie nickte und stand ebenfalls auf.
Grim hatte die ganze Zeit abseits gestanden, da die Wölfe ihn nicht näher heran gelassen hatten.
Sie gingen zu ihm und liefen zurück ins Schloss.

Will trottete neben Selina her und achtete auf jede ihrer Bewegungen. Er hatte Angst, dass sie wieder einfach verschwinden würde. Sie hatte ihm vorhin einen riesigen Schrecken eingejagt und der steckte ihm immernoch in den Gliedern.
Als sie am Schlosstor ankamen, wurden sie von einer aufgeregten Wache begrüßt.
"Prinz William. Im Thronsaal erwartet euch ein Botschafter aus Sumar-Gardo. Er bringt wichtige Kunde."
William nickte der Wache zu und lief eilig hoch in das Schlafgemach von ihm und Selina.
Sie folgte ihm und schnell zogen sie sich ihre Kleider an.
Unten im Thronsaal stand ein Mann und beobachtete das Geschehen um sich herum. Als Will mit Selina hereinkam leuchtete sein Gesicht auf.
"König William. Ich bringe Euch wichtige Kunde aus Sumar-Gardo."
Will zuckte bei dieser Anrede zusammen. Er wusste, dass das Volk nur darauf wartete, dass er sich krönen ließ, dass sie ihn so anredeten war er allerdings nicht gewöhnt.
"Noch bin ich Prinz William. Und bevor wir auf diesem Thema sitzen bleiben, will ich wissen was vorgefallen ist."
Erst wirkte der Mann verwirrt, sprach aber dann weiter:
"Im Hafen wollten unangemeldete Schiffe ankern, was wir ihnen allerdings nicht gestatten wollten. Stattdessen ankerten sie vor der Küste und schienen auf etwas zu warten. Es waren drei Schiffe die dort ankerten.
Dann in der Nacht kamen noch mehr Schiffe, ungefähr fünf und sie näherten sich dem Hafen. Das sie bedrohlich wirkten und von Xadrien zu kommen schienen, hatte sich die Stadtwache die Freiheit herausgenommen, diese Schiffe zu versenken. Wir nahmen in dieser Nacht drei Geiseln, diese waren allerdings nicht menschlich. Es waren Dämonen. Eine einzige Menschliche war auf den Schiffen und die ist dann auf einem Panther mit Flügeln geflohen. Wir vermuten, dass noch mehr Schiffe dieser Art kommen. Allerdings scheinen sich sich vorerst nicht auf das offene Meer zu trauen. Sie überqueren lediglich den Kanal."
Will erstarrte. Das durfte nicht wahr sein. Sein General war noch unterwegs um alle Kampffähigen und Kampfbereiten zusammenzutrommeln und der Krieg brach schon los. Er begann auf und ab zu laufen. Wenn Rose fliehen konnte, würden bald noch mehr Schiffe dieser Art kommen.
"Reise zurück nach Sumar-Gardo und versucht alle Schiffe von Xadrien oder Kalistrien aufzuhalten. Nehmt keine Geiseln mehr und tötet die Dämonen, die ihr momentan im Stadtgefängnis habt. Ich will keine Dämonen in diesem Land haben, solange sie im Dienste von Xadrien stehen."
"Ja euer Hoheit. Habt ihr sonst noch irgendwelche Wünsche oder Befehle?"
"Ja habe ich. Bevor du aufbrichst, ruhst du dich aus und nimmst etwas Proviant auf der Schlossküche mit."
"Ja euer Hoheit."
Mit diesen Worten ging er hinaus.
Will seufzte. Selina war nach dem Bericht des Mannes gegangen, wohin wusste er nicht und das beunruhigte ihn. Er lief auf die Tür zu, wurde aber von Grim aufgehalten.
"Ganz ruhig. Sie ist in die Bibliothek gegangen."
"Und das weisst du woher?"
"Sie hat es mir gesagt, bevor sie raus ist. Und sie möchte noch mit dir reden." Er nickte und wollte weiter, doch Grim schien noch nicht fertig zu sein.
"Sei vorsichtig. Ich glaube, Luke ist bei ihr." Will riss die Augen auf und rannte fast zur Bibliothek. Vor der Tür blieb er stehen. Die Geräusche die in sein Ohr drangen waren sehr beunruhigend. Selina schrie und schien mit Sachen zu werfen. Er öffnete die Tür einen Spalt weit und die geschriehenen Worte prallten ihm entgegen wie eine Mauer.
"Ich werde auf keinen Fall meinen Mann und meine Freunde im Stich lassen, Luke. Das kannst du vergessen. Egal was es für Umstände gibt, die mich dazu bringen müssten. Ich werde nicht gehen! Niemals! Lieber sterbe ich hier, als allein mit meinem Kind in Sondra zu sitzen und auf die Nachicht zu warten, ob mein Mann noch lebt oder nicht. Das kann ich nicht tun. Versuch es wenigstens zu verstehen!" Sie schien den Tränen nah zu sein, denn ihre Stimme klang zittrig und rau.
"Bitte verstehe doch, dass ich nur dein Bestes will. Du bist meine kleine Schwester."
"Die kleine Schwester die du im Stich gelassen hast! Aus Eifersucht, weil sie die Aufmerksamkeit der Eltern mehr brauchte als du. Ich war nur ein Baby, du ein Zehnjähriger. Denk mal nach! Wieso sollte ich dir am Herzen liegen? Das letzte Mal hast du mich behandelt wie Dreck auf der Straße, bis ich dafür sorgen musste, dass du mieses Schwein mir zuhörst."
Er zuckte zusammen. Selina war noch nie derartig ausgerastet, nicht einmal als sie sich mit Nathaniel in der Wolle hatte.
"Selina, du bekommst ein Kind. Du willst an der Seite deines Mannes und deiner Freunde kämpfen. Das verstehe ich aber du setzt dein Leben und das Leben deines Kindes aufs Spiel. Komm mit mir nach Sondra. Dort werde ich dich verstecken können.", bat er ruhig und William verstand nun, warum sie derartig ausrastete.
Er öffnete die Tür ganz und trat ein. Er hörte ein surrendes Geräusch und duckte sich rechtzeitig weg, bevor Selinas Dolch seinen Kopf treffen konnte. Dieser blieb zitternd in der Tür stecken. Verdutzt sah er seine Frau an, die ihn mit schreckensgeweiteten Augen ansah, die Hände vor Schreck über dem Mund gefaltet. Luke stand auch ganz erstarrt da. Der Dolch hätte ihn fast getroffen, doch er hatte sich rasch aus der Flugbahn retten können.
"Du wolltest mich umbringen?", schrie Luke ihr entgegen, als er sich aus seiner Starre gerissen hatte. Selina stand immernoch ganz erstarrt da und starrte Will an. Tränen rannen ihre Wangen hinunter. Sie lehnte sich mit dem Rücken an eines der Regale und ließ sich grob hinuntergleiten. Das Gesicht hatte sie nun in den Händen vergraben. Will lief schnell zu ihr und hockte sich neben sie. Er legte die Arme sanft um sie und zog sie an sich.
"Schhhh ... Es ist alles gut. Ganz ruhig.", sprach er sanft.
"Nichts ist gut. Ich habe dich fast erdolcht." Sie zitterte und bebte in seinen Armen.
"Du hast mich nicht getroffen. Es ist alles gut."
"Und was ist mit mir?! Mich wolltest du wohl umbringen?!?", meldete sich Luke laut zu Wort. Will warf ihm einen bitterbösen Blick zu und ließ ihn damit verstummen.
Er wiegte Selina in seinen Armen bis sie aufgehört hatte zu schluchtzen, dann hob er sie hoch und trug sie in ihr Schlafzimmer. Doch vor dem Hinausgehen formte er mit den Lippen ein 'Warte hier' zu Luke und bemerkte noch dessen Nicken.

Oben im Zimmer angekommen, legte er sich mit Selina auf das große Bett. Er drehte sie mit dem Gesicht zu sich und sah ihr in die Augen. Langsam kraulte er ihren Rücken und sah zu, wie sie sich dichter an ihn kuschelte. Nach einer Weile wurden ihre Atemzüge gleichmäßiger und tiefer. Auch ihr Herzschlag beruhigte sich. Sachte deckte er sie zu und stand leise auf. Schnell ging er zur Tür und trat hinaus in den Flur. Er atmete tief durch und schlug den Weg in die Bibliothek ein.
Unten wartete Luke und las ein Buch. Will zog Selinas Dolch aus der Tür und steckte ihn weg.
"Ich hätte nie gedacht, dass sie einen Dolch nach mir werfen würde. Und beinahe hätte sie sogar noch getroffen.", murmelte Luke und Will wusste nicht ob diese Worte nun für ihn bestimmt waren oder nicht.
"Spätestens nachdem sie dich damit bedroht hatte, solltest du wissen, dass sie nicht davor zurückschreckt, dich, wenn nötig zu verletzen."
Luke sah ihn böse an. Aber Will ließ sich davon nicht einschüchtern.
"Was hast du mit ihr besprochen, dass sie so ausgerastet ist?"
"Ich habe ihr angeboten mit mir nach Sondra zu gehen, damit sie sich dort verstecken kann. Dort wäre sie in Sicherheit."
"Aber auch nur solange wir standhalten können und uns könnten sehr viele Spione oder Assassinen durch die Lappen gehen. Ganz sicher wäre sie also nirgends."
Luke schien eine Weile darüber nachzudenken.
"Und wenn die Drachen sie mitnehmen?"
"Da gibt es nur einen, der sie mitnehmen würde aber ein Kind in einer Steinhöhle großzuziehen, ist auch nicht gerade toll."
"Es wäre aber vielleicht sicherer als alles andere.", erwiederte Luke.
"Du hast sie doch gehört. Sie will bleiben."
"Und das wäre das Dümmste, was sie tun könnte."
"Nein, das Dümmste, was sie tun könnte, wäre meine Schwester befreien zu wollen.", erwiederte Will.
"Was ist eigentlich mit diesem Nathaniel? Wo ist er? Wieso ist er nicht hier?"
"Wir haben keine Ahnung, wo er ist. Wir nehmen an, dass er verhindert wurde."
"Oder er hat die Seiten gewechselt.", warf Luke ein.
"Nein. Das würde er nie tun. Dazu bedeutet ihm meine Schwester zu viel."
"Aber was spricht dagegen? Was sagt, dass er die Seiten nicht gewechselt hat?"
"Ich erkläre dieses Thema für beendet.", sagte Will barsch.
Er wollte nicht noch mehr sagen. Nathaniel würde nicht wollen, dass Will seine ganzen Geheimnisse an einen Typen verriet, dem sie nicht einmal trauten.
"Na schön. Lass dir das Ganze nochmal durch den Kopf gehen. Selina wäre hier nicht sicher."
Luke ging aus dem Raum und Will blieb allein zurück.
"Aber in Sondra auch nicht.", murmelte er und ging zurück zu Selina.
Sie schien nochmal aufgewacht zu sein, denn als er hereinkam, lag sie im Nachthemd im Bett, statt im Alltagskleid.
Er zog sich ebenfalls eine Schlafhose an, legte ihren Dolch auf das Fensterbrett und stieg vorsichtig zu ihr ins Bett.
Er kuschelte sich vorsichtig an sie und schloss die Augen.

Larwenia Band 6 - Lord of Dark and DespairWo Geschichten leben. Entdecke jetzt