Louis

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Ich habe genug Filme in meinem Leben gesehen, um zu wissen, worauf ich mich bei einer Geburt einstellen musste.

Alles Lügen, Scheißlügen.

Miese, miese, Lügen, die versuchen irgendwie das Leid einer Frau darzustellen. Ich wünschte ich wäre ein Seepferdchen.

Die Schmerzen, wie man sie in Filmen sah, waren nichts, rein gar nichts, im Vergleich zu dem, was ich hatte durchmachen müssen. Und verdammte Scheiße, falls ich je wieder schwanger werden sollte, dann werde ich mein Kind nicht ohne Kaiserschnitt bekommen.

Ich öffnete meine Augen, langsam, und holte tief Luft. Frauen hatten es schwer im Leben.

»Evelyn?« Jemand strich mir durchs Haar. Ich fühlte mich vollkommen ausgelaugt, als hätte ich seit Wochen nicht mehr geschlafen, vollkommen erschöpft. Meine Augen wollten gar nicht offen bleiben, doch ich drehte meinen Kopf trotzdem nach rechts.

Als ich Benny mit Louis, meinem Sohn, sah, begann ich zu heulen. Rotz und Wasser und unheimlich glücklich darüber, hier mit meinem Kind zu sein, gleichzeitig auch furchtbar deprimiert darüber, dass Josie nicht hier sein konnte. Nie wieder.

Benny setzte sich zu mir ans Bett und überreichte mir das winzige Kind. Ich zog die Nase hoch, wischte mir unbeholfen meine Wange an meiner Schulter ab und fuhr mit dem Zeigefinger über das kleine Gesichtchen. »Fynn ist in den Flieger gestiegen, er kommt morgen. Ich werde ihn vom Flughafen abholen.«, klärte mich mein Beinahe-Bruder auf. »Außerdem ist Jackson hier... und ich soll den ganzen Rest deiner Familie anrufen, wenn du wach bist.«

Ich nickte und zog meine Nase erneut hoch. Das Baby ist so ruhig, dass ich es selbst kaum fassen kann. »Danke.«

»Keine Ursache, Königin.«

Ich hob den Kopf und sah Benny tief in die Augen, da ich noch immer total verheult war, sah ich die Welt etwas unscharf. »Nein, Benny, im ernst. Ich danke dir und verdammt ich liebe dich dafür so sehr, du bist der verdammt beste Mensch der Welt.«, schluchzte ich. Meine Stimme brach zwischen den Worten. Er rückte näher zu mir, legte seinen Arm um meine Schulter und drückte mich an sich, wohl darauf bedacht, dass dem Kind nichts passiert.

»Er wird noch über eine Magensonde ernährt, frag mich nicht wieso, der Arzt kommt bald, um dir das zu erklären. Ansonsten geht es ihm verdammt gut.«

»Ich wünschte, Josie wäre hier.«

»Ich weiß.«

Wir saßen schweigend nebeneinander und betrachteten die Winzigkeit von Mensch. Louis war wohlauf, ich war wohlauf. Fynn war auf dem Weg und der beste Bruder aller Zeiten saß neben mir. Wenige Minuten später kam auch Jackson wieder, zwei Kaffeebecher in den Händen und grinste mich an. Ich lächelte, auch wenn es mit meinen rot geweinten Augen und Tränennassen Wangen sicherlich total bescheuert aussehen müsste.

Jackson stellte den Kaffee auf dem Tisch, neben dem Bett ab, küsste mich auf die Stirn - was mich sehr schockierte, da er es noch nie zuvor getan hatte - und sah auf Louis hinab. »Ich hoffe, er wird einen Britischen Akzent haben.«, sagte er dann und wir lachten. Aufgelöst und völlig befreit. Als Louis allerdings quengelte, verstummten wir und ich wog ihn langsam hin und her, rein instinktiv.

»Ich hoffe, er wird netter sein als seine Eltern.«, neckte Benny mich

»Und weniger Alkoholprobleme haben.«, fügte ich noch hinzu.

»Ihr werdet es wunderbar machen.«, versichert Jackson. »Wenn ich es kann, kannst du es auch.«

»Wie beruhigend.« Ich lächele zu meinem Bruder rauf. Auch wenn Jackson sich immer weiter aus der Gruppe herausgezogen hatte, war er noch immer der Alte, manchmal jedenfalls. Manchmal drang der Idiot bei dem ich gewohnt habe zum Vorschein und der Mathematiker verschwand für einige Sekunden.

Noch bevor ich etwas darauf erwidern konnte, kam der Arzt herein, Benny erhob sich von meinem Bett und Jackson ließ seine Fingerknöchel nacheinander knacksen. Ich sah nicht zu dem älteren Mann sondern betrachtete die Winzigkeit in meinen Armen, das unschuldigste Lebewesen, auf dem Planeten.

»Miss Dunkens, ihre Sohn geht es ausgesprochen gut, trotz den fehlenden Wochen die er zum Wachsen bräuchte.«, begann der Arzt. Er räusperte sich nach seinem Satz und als er nicht weiter sprach, löste ich meinen Blick von Louis und sah zu dem Mann. Dieser schien sichtlich zufrieden darüber, endlich meine Aufmerksamkeit zu haben. »Es ist normal, dass einige Säuglinge ihren Schluckreflex in der dreißigsten Schwangerschaftswoche noch nicht richtig koordinieren können, dadurch kann Louis durch Still- oder Flaschenmahlzeiten nicht satt werden.«

»Deswegen die Magensonde?«, fragte ich und zog eine Augenbraue nach oben. Der Arzt nickte bloß und schien nach weiteren Worten zu suchen.

»Louis hat ein Gewicht von tausendvierhundertfünfzig Gramm, was gut ist, aber nicht genug. Wir würden ihn gerne hierbehalten bis er mindestens tausendachthundert erreicht hat.«

Ich machte den Mund auf um etwas zu erwidern, schloss ihn allerdings gleich darauf wieder. Außer einem Nicken brachte ich nichts mehr zu Stande. Der Arzt quatschte noch mit Benny und Jackson, die sich beide tierisch dafür interessierten, wie die nächsten Tage ablaufen würden. Ich blendete die drei aus, wichtig war jetzt nur Louis, der sich langsam in meinen Armen reckte. Ich lächelte.

Nachdem meine Eltern auch nach mir gesehen hatten, man mir hunderte Glückwünsche ausgesprochen hatte und das Baby wie eine Friedenspfeife herumgereicht wurde damit ja jeder das kleine Lebewesen betatschen konnte, wurde die Tür erneut geöffnet. An meinem Bett saß nur noch Josephine, ihr Bengel Simon saß glücklicherweise noch in der Schule, und erzählte darüber, wie viele Nerven mir Louis noch reißen würde und wie oft sie damals nicht schlafen konnte, weil Simon krank war oder hungrig wurde.

Ich schob Fynns Erscheinen auf eine Halluzination, immerhin waren nicht mal vierundzwanzig Stunden seit meinem Eintreffen im Krankenhaus vergangen und ich hatte bis jetzt noch keine Möglichkeit gehabt mit ihm oder Megan zu telefonieren. Außerdem versetzte mich der Anblick von Louis in eine Art Trance, aus der ich nicht zu Erwachen vermachte. So kam es, dass ich Fynn bloß anstarrte und als er zu meinem Bett kam und mir einen Kuss auf die Wange drückte, konnte ich nicht mehr tun, als die Stirn zu runzeln.

Josephine lachte und erhob sich von ihrem Stuhl. »Ich lasse euch drei dann mal alleine.«, teilte sie uns mit und verließ das Krankenzimmer.

»Was machst du denn hier?«, fragte ich und wollte meine Arme um ihn schlingen und ihn zu mir herunter ziehen, als mir Louis wieder einfiel.

»Was für eine herzliche Begrüßung.«, grinste Fynn, ging um das Bett herum und ließ sich auf dem Stuhl nieder, an dem vor wenigen Sekunden noch Josephine gesessen hatte. Als ich nicht antwortete, sprach Fynn weiter: »Benny hat mich gestern angerufen, gut seine Freundin, ich kann mich nicht an ihren Namen erinnern. Sie hat mich auch eben vom Flughafen abgeholt, die kleine Asiatin.«

»Carol.«, murmelte ich und er lächelte.

»Kann ich ihn auch mal halten oder behältst du unser Kind?«, wechselte Fynn das Thema. Ich grinste böse.

»Eigentlich wollte ich ihn nie wieder los lassen.«, ließ ich ihn wissen. »Aber ich will dich auch nicht loswerden, ich denke du darfst ihn ganz kurz halten, aber nur kurz.«

Oh, wow, Glückwunsch an mich selbst, dass ich nach zwei Wochen wieder zum schreiben komme. Das letzte Kapitel kommt (hoffentlich) in weniger als zwei Wochen und dann sind wir hier durch. Nach.. öhm... wow, ich habe im April 2015 angefangen, rechnet es euch selbst aus und weil ich keinen Grund habe diese Funktion zu nutzen, es aber unbedingt tun will, hier ein Bild:


Couple in a roundabout wayWo Geschichten leben. Entdecke jetzt