Kapitel 84 ✔

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Mats springt auf, als ich den Gang entlang komme und er mich entdeckt. "Und?",
"Können wir bitte zurück fahren und Emma mitnehmen? Meine Schwester muss bei mir sein. Sie hat sonst niemanden mehr." Mats sieht mich traurig an. "Willst du mir erzählen, was ihr da drinnen beredet habt?",
"Ja. Aber bitte erst im Auto, oder so." Mats nickt und wir gehen zurück zum Auto. Er sieht mich erwartungsvoll an und startet dabei den Wagen. "Er hat es nicht getan. Ich sollte nicht so leichtsinnig sein und ihm sofort glauben aber ich kann nicht anders. Für mich hat es nie einen Sinn ergeben, weshalb er mir das damals angetan hat. Er war immer der tolle große Bruder, den sich ein kleines Mädchen eben wünscht, weißt du? Er hat mich nicht vergewaltigt. Es war mein Erzeuger. Er und Tommy waren immer zum verwechseln ähnlich. Tommy hat mir nach den Vorfall Pillen gegeben, damit ich das vergesse. Aber dann spielte mir mein Unterbewusstsein einen Streich und redete mir ein, dass Tommy es gewesen sei.",
"Ja, Ally, vielleicht ist das auch so. Aber nichts desto trotz hat er dir vor einer Woche ein Messer in den Bauch gerammt!", sagt Mats aufgebracht. "Ich weiß. Und das bereut er. Aber auch dafür hatte er seine Gründe. Er wollte mir nur Angst machen und dann verschwinden. Dummerweise bin ich ihm aus Panik in die Klinge gesprungen. Es tut ihm leid und ich verzeihe ihm alles. Er hatte es nicht leicht. Unser... Erzeuger hat unsere Mutter und ihren neuen Mann umgebracht. Dann sollte Tommy mir Angst einjagen, oder so. Wenn er es nicht tut, wollte er Emma etwas antun verstehst du? Er hat Emma zur Sicherheit in das Heim gebracht, sich dann richtig zugedröhnt, damit er nichts mehr merkt und ist dann zu mir gekommen. Es ist mir egal, wenn ihr ihm nicht verzeiht. Ich tue es. Nein, ich habe es bereits. Ich möchte ihn auch nicht anzeigen. Er ist mein Bruder und ich... liebe ihn. Und ich möchte bitte meine Schwester bei mir haben." Mats sieht mich kurz an. "Na schön. Das mit Emma wäre eh längst beschlossene Sache gewesen und Cathy scheint sich auch schon so sehr in die Kleine Maus verliebt zu haben, ebenso wie ich auch. Und wenn du deinem Bruder verzeihen möchtest und Kontakt zu ihm möchtest, akzeptiere ich das auch. Auch das mit der Anzeige. Er hätte seine Strafe definitiv verdient aber ich kann dich verstehen, dass du es trotzdem nicht möchtest.",
"Danke.", hauche ich glücklich darüber und lächle Mats an. Meinen Papa.

Zurück am Kinderheim springe ich sofort aus dem Auto und laufe rein. Cathy sitzt mit Lenni im Arm auf dem Stuhl neben Emma und sie malen. Offenbar malt Emma gerne. Emma hebt den Kopf und strahlt mich an. Ich gehe zu ihr und setze mich neben sie. "Wer war das nochmal?", frage ich sie und zeige auf das Bild vorhin mit der Familie. "Meine Schwester.", strahlt sie. "Oh! Aber ich habe doch braune Haare und nicht schwarze.", lächle ich. Sie sieht mich lange an und dann scheint zu verstehen. Aufgeregt sieht sie zwischen dem Bild und mir hin und her. Dann schnappt sie sich einen braunen Stift und kritzelt über das Schwarz drüber. Dann springt sie auf und hopst mir auf den Schoß. "Wo ist denn Tommy? Wir müssen doch sagen, dass ich dich funden hab!", sagt sie ganz aufgeregt. "Tommy ist woanders. Vielleicht sehen wir ja bald mal wieder. Das dauert sicher nicht lange." Sie nickt. "Du siehst aus wie Mom.", hauche ich und streichle ihr über ihre schönen langen Haare. "Du auch.", kichert sie. Ich lächle gequält. Sie hat so gut die Kurve gekriegt und ich konnte es nicht sehen, durfte sie nicht noch einmal sehen, bevor sie von dieser Erde geht. Die arme Kleine weiß gar nichts von all dem. Wir sollten noch warten, bis sie es erfährt. Ich muss es ihr zusammen mit Tommy sagen. Alleine kann ich das nicht machen. "Sie ist also wirklich deine Schwester?", hakt die nette Frau nach. "Ja, das ist sie. Irgendwie sieht man das auch ganz deutlich.", lächle ich stolz darüber, dass wir gleich aussehen. Nur eben, dass sie eine kleinere Version von mir ist. Oder wir beide eine jüngere Version unserer Mutter. "Kann ich bitte kurz mit Ihnen reden?", frage ich die Frau. "Aber natürlich." Ich setze Emma auf ihren Stuhl zurück und gehe mit Cathy, Mats und ihr in den Nebenraum. "Die Sache ist die: meine leibliche Mutter und ihr Mann sind tot. Soweit ich weiß war ihr Mann als Vater von Emma eingetragen. Unser Vater hat die zwei ermordet und meinen Bruder erpresst, weshalb er Emma notgedrungen herbringen musste. Er hat Dummheiten gemacht und sitzt deswegen jetzt im Gefängnis und ich war gerade bei ihm. Emma hat niemanden mehr bis auf unseren Bruder und mich. Ich möchte sie gerne mitnehmen.", erkläre ich knapp. "Ich hoffe natürlich, dass das für euch auch okay ist. Ich möchte meine Schwester gerne bei mir haben.", richte ich mich an Cathy, die mich geschockt ansieht. "Aber natürlich ist das okay! Das arme Mädchen.", sagt sie aufgebracht und etwas traurig. "Wie sieht das aus? Ich bin ja noch keine 18." Die Frau sieht Mats und Cathy an. "Wir beide würden sie adoptieren.", sagen die Zwei entschlossen, was mich glücklich lächeln lässt. "Ich werde mich mit dem Jugendamt zusammensetzen. Ich denke aber, dass dem nichts im Wege stehen sollte. Zumal Sie ja auch die Schwester sind, was wir natürlich noch überprüfen werden." Ich nicke. "Wie lange wird das dauern?",
"Ein paar Tage. Maximal eine Woche. Ich werde sie kontaktieren.", versichert sie uns. Wir geben ihr unsere Nummern, damit auch ja jemand erreicht wird. Ich gehe wieder zu Emma. "Emma?" Sie sieht mich an. "Wie würdest du das finden, wenn du bei mir und meiner neuen Mama und meinem neuen Papa wohnen würdest?",
"Aber was ist denn mit meiner Mama und Papa?",
"Die können leider nicht mehr auf dich aufpassen, meine Süße. Und wenn du ein wenig älter bist, wirst du auch erfahren, weshalb." Sie sieht uns lange an. "Und Tommy?", fragt sie schließlich. "Der kommt dich ganz oft bei uns besuchen.", lächle ich. Das würde Tommy sich sicher nicht entgehen lassen. Scheinbar liebt er sie sehr. So, wie er mich damals geliebt hat. "Sind Mama und Papa tot?", fragt sie ganz ernst. Mir fällt alles aus dem Gesicht. "Ich hab sie gesehen. Sie haben ganz doll geblutet, als Tommy mich ganz schnell durch die Küche getragen hat." Dieses Mädchen kann unmöglich vier Jahre alt sein! Sie redet als sei sie mindestens sechs. Aber Tommy erzählte mir vorhin, dass sie schon eine Weile so redet und sie ein kleiner Schlauberger ist. Naja, sie wird ja bald fünf. Egal. "Ja, Emma.", sage ich leise. "Darf ich denn bei euch wohnen? Einfach so?" Mats, Cathy und ich nicken lächelnd. Sie ist so stark. So schlau. "Aber das dauert noch ein paar Tage, bis wir dich abholen können, okay?" Sie nickt. "Seid ihr dann meine Mama und mein Papa?" Mats und Cathy sehen sich kurz ratlos an, dann mich. "Ja, Emma, das sind sie. Genauso, wie sie meine neue Mama und mein neuer Papa sind. Und ich hab die zwei ganz doll lieb, weißt du? Und wir drei werden dich ganz doll lieb haben.",
"Na dann habe ich euch auch lieb!", quiekt sie erfreut und springt mir in die Arme. Ich habe das Gefühl sie schon ihr ganzes Leben lang zu kennen. Meine kleine Schwester...

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NA? WAS DENKT IHR? IST ES GUT, DASS ALLY TOMMY SOFORT VERTRAUT UND IHN NICHT EINMAL ANZEIGEN WILL? ODER WIRD SIE ES SPÄTER BEREUEN?

~Jassy

Das Mädchen von der StraßeWhere stories live. Discover now