Es ist nicht das erste Mal, dass meine Eltern sich anschreien und auch nicht das erste Mal, dass es dabei um mich geht. Ehrlich gesagt geht es ständig nur um mich, seit ich wieder Zuhause bin. Manchmal flüstern sie, wenn ich im Raum bin oder wechseln einen vielsagenden Blick. Manchmal schreien sie sich auch an, so wie jetzt. Es spielt keine Rolle, ob ich direkt vor ihnen sitze. Ich habe es aufgegeben, mich einzumischen. Es bringt sowieso nichts.
„Nick! Überlege doch mal wie viele Leute dort sein werden! Ständig wird man angerempelt! Wenn sie hinfällt, kommt sie nicht mehr auf die Beine!", ruft meine Mom. Sie hat noch ihre Sportsachen an, was mich irgendwie stört. Ich wünschte, ich wäre nur halb so ausdauernd wie sie oder würde in einer so engen Sporthose auch nur halb so gut aussehen.
„Sie ist doch nicht allein, wenn David mitgeht! Sie hat so viele Parties verpasst, lass sie diese doch mal mitnehmen, Sophie", erwidert Dad empört. Ich frage mich sofort, wie viele legendäre Parties ich tatsächlich verpasst habe und woher er das weiß. Werden mittlerweile etwa auch Lehrer eingeladen?
Mom reibt sich stöhnend über die Stirn. „Ich halte das für keine gute Idee. Das ganze Licht, das grelle Geblitze und die laute Musik. Allein dieser Bass! Das ist nichts für ein schwaches Herz."
Die beiden sehen vorsichtig zu mir, was bedeutet, dass sie mich doch nicht ganz vergessen haben. Ich sitze auf dem Sofa, genau mittig zwischen den beiden Lagern, um Neutralität zu wahren. Damit male ich mir die besten Chancen aus, denn sobald ich mich auf Dads Seite schlage, zieht Mom einen Schlussstrich unter die Diskussion und ich kann die Party vergessen.
„Dann zieht sie eben die Brille und die Ohrenschützer auf", versucht es Dad ein letztes Mal. Ich nicke nur. Jetzt bloß nicht zu viel sagen, Dad ist auf einem guten Weg. Langsam glaube ich daran, dass er Mom überzeugen kann. Sie hasst es, zu verlieren.
Ich glaube, das macht sie zu so einer erfolgreichen Sportlerin. Seit ich wieder hier bin, fallen mir ständig Dinge an ihr auf, die ich vorher gar nicht gesehen habe. Zum Beispiel wie hart sie zu sich selbst ist, wenn es um ihre Leistung geht. Und wie sie immer versucht, die Kontrolle zu behalten, als könne sie somit das Leben ihrer Kinder berechenbar machen. Für sie muss alles berechenbar sein. Aber manchmal beschert einem das Leben eben eine Überraschung.
„Sie hatte Probleme in der Reha, das weißt du. Und du weißt auch, wie solche Parties ablaufen."
„Und du weißt, wie viel Spaß sie deshalb missen müsste. Vielleicht kommt als nächstes eine Depression."
Ich fange an zu glauben, dass mein Dad früher ein richtiger Party-Mensch war. Das würde erklären, warum er so viele veraltete Tanzschritte drauf hat. Von ihm muss ich das Rhythmusgefühl geerbt haben, dass mir in der fünften Klasse die Trommel-Medaille eingebracht hat.
„Na gut, aber wenn etwas passiert..."
„Bin ich schuld", bestätigt er und ich muss grinsen. Damit hat er gewonnen.
„Danke Mom", sage ich und werfe ihr eine Kusshand zu. Sie lächelt zwar, aber ich weiß, dass sie erst einmal eine Nacht darüber schlafen muss. Wir warten, bis sie nach oben gegangen ist um zu duschen, dann gibt Dad mir ein High Five. „Hau rein, Carla!"
Ich muss schmunzeln. „Danke, aber überlasse diesen Ausdruck mal lieber den jungen Leuten."
„Meine Schüler finden das cool."
„Das bezweifle ich."
Er erhebt sich aus dem Sessel. „Spatz, hilfst du mir den Tisch zu decken?"
Ich genieße es, wenn Dad mich zum Helfen einspannt, weil ich mir dann nicht mehr so hilflos vorkomme wie noch vor zwei Wochen. Nach meiner sechsmonatigen Rehabilitationsphase behandelten sie mich wie meine Oma, zwei Wochen bevor sie starb.
Ich bin auch beinahe gestorben. Ich lag elf ganze Monate im Koma, oder eher einem Wachkoma, nachdem ich letzen Frühling einen schlimmen Autounfall hatte. Das apallische Syndrom hielt mich fast ein Jahr im Zustand der Bewusstlosigkeit, bei dem nicht sicher war, ob ich daraus je wieder erwachen würde. Meine Eltern haben die Hoffnung nicht aufgegeben. Ich glaube, das hat mich zurückgeholt. Ich erinnere mich noch sehr gut an den Unfall, aber seltsamerweise sind die Jahre davor etwas verschwommen. Aber das ist es nicht, was mir am meisten zu schaffen macht. Es ist mein jetziger Zustand.
Wenn draußen die Sonne scheint, trage ich eine stark getönte Sonnenbrille mit getönten Gläsern. Meine Augen haben monatelang kein Licht gesehen. Wenn ich mich konzentrieren muss, trage ich Ohrenschützer, weil ich von lauten Geräuschen Kopfschmerzen bekomme. Manchmal falle ich einfach hin, weil meine Muskeln zu schwach sind, mein Kreislauf versagt oder meine Durchblutung stockt. Neben der Tür steht eine Art Rollator, denn ich verabscheue. Nur leider habe ich eben die Ausdauer einer Neunzigjährigen.
STAI LEGGENDO
EYES OPEN - Die Farben der Gerechtigkeit
Storie d'AmoreMein Blick schweift weiter und bleibt abrupt an einer Person hängen, die neben der Tanzfläche steht und das Geschehen genauso stumm zu beobachten scheint wie ich. Ein großer, schlanker Junge mit einem coolen Undercut in einer weiten Jeansjacke. In...
