Kapitel 1: Alles zu seiner Zeit

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"Okay, ganz langsam", beginne ich sanft: "Entspann dich. Schließe die Augen. Gut." Dann setze ich mich gegenüber von Nosotto auf den Holzboden unseres Gasthofzimmers in Erlon.
"Jetzt", fahre ich fort: "konzentriere dich einmal nur auf deinen Körper. Fühle deine Hände in deinem Schoß, jeden einzelnen Knochen, streck sie durch. Besinn dich auf deine Haltung, spüre deine Wirbelsäule. Mach es dir einfach bequem. - Aber halt die Augen geschlossen." Er rutscht noch ein wenig hin und her, atmet hörbar aus und wird wieder ruhig.
"So, da wir nun soweit sind, kannst du versuchen, dir einfach mal nur Feuer vorzustellen. Ist egal ob ein Kamin- oder Lagerfeuer oder sonst was. Es muss einfach nur brennen." Er kneift die Augen leicht zusammen.
"Aber bleib entspannt, das geht auch ohne Anstrengung", wiederhole ich mich geduldig. Es braucht am Anfang eben ein wenig länger. War bei mir auch so.
"Hast du ein klares Bild vor Augen?"
Nosotto nickt.
"Dann probier' jetzt, dieses Feuer in deinen Händen zu sehen, wie es dort entsteht, zu Beginn nur klein und zart, doch irgendwann richtig schön lodernd."
Und wieder verkrampft er sich.
"Nicht mit dem Körper arbeiten wir, sondern mit dem Willen. Dein Körper ist nur ein Werkzeug wie ein Hammer, dein Wille hingegen ist der Schmied."
Stille für einige Momente. Der Atem meines Schülers schneidet durch die abgestandene Zimmerluft.
"Du musst es wirklich wollen. Vertrau auf dich, du kannst das, ich weiß es." Wiederum sekundenlang nichts.
"Zweifeln darfst du nur daran, dass andere dir das vielleicht nicht zutrauen, niemals aber an dir selbst", gebe ich ihm noch mit, muss an Morgan denken, als ich ihm Nosotto vorgestellt habe, der sich irgendwie auf meine Fährte geheftet, bis er mich hier in Erlon gefunden hat. Der Oberste war alles andere als begeistert, und das, obwohl er doch extra meinte, wir sollten neue Rekruten anwerben... Ein ehemaliger Dieb passt dem feinen Herrn wohl nicht ins Konzept... Und auch meine Magierkollegen äußerten ihre Bedenken in Bezug auf Nosottos schlummerndes Talent. Aber ich, besser mein Schüler, wird es ihnen schon zeigen.
Derzeit zwar noch nicht wirklich, aber wie gesagt, aller Anfang ist schwer. Wobei wir dafür, dass er erst seit drei Wochen hier ist, doch schon sehr gute Fortschritte gemacht haben.
So ruhig wie gerade, war er noch nie.
"Genau so.", bestärke ich ihn: "Immer weiter. Fühle es, fühle es kommen. Irgendwann bricht er, der Damm." Eigentlich ein ganz einfaches Prinzip: Die Natur will die Magie im Grunde nicht, da sie ihr Gleichgewicht kurzzeitig massiv stört. Deshalb ist diese Fähigkeit so selten. Doch hat man sie einmal gefunden und entfesselt, wird sie nie wieder aufhören, zu fließen. Wie bei einem Damm eben.
Bei Nosotto zeigen sich diesbezüglich schon die ersten Risse. Kleine Mengen magischer Kraft zucken schon um seine Hände, noch nichts Festes, aber nichtsdestotrotz Existentes.
Und trotzdem gibt er auf. Ein enttäuschtes Gesicht.
"Hey, du hattest es fast", versuche ich ihn aufzumuntern, zum Weitermachen zu bewegen.
"Das sagst du schon seit drei Tagen...", murmelt er zurück.
"Zeit ist relativ", halte ich grinsend entgegen: "Nein ehrlich, da war Magie, sie war da, ganz bestimmt, ich hab es gespürt. Du doch sicher auch?"
"Hm", überlegt er: "Ja...schon, da war irgend so ein Kribbeln?", versucht er es auszudrücken.
"Du hast im Prinzip beschrieben, wie ich mich damals auch gefühlt habe: Etwas unsicher, sich auf vollkommenem Neuland bewegend. Ich verstehe durchaus, wie es dir ergeht. Und lass mich dir versichern, in spätestens zwei Tagen zündest du das Kaminfeuer ohne Feuerstein an." Zwei Tage sind gerade äußerst vorsichtig geschätzt. Umso besser wird er sich fühlen, wenn es schon in zwei Stunden soweit ist, was ich für realistisch halte, wenn wir so weiterkommen, wie gerade eben.
"Möchtest du es nochmal versuchen?"
Er nickt.
"Okay, Ausgangsposition, ruhig werden."
Augen zu, Atem kontrolliert.
"Stell es dir genau vor. Sobald du das Bild klar vor Augen hast, konzentriere deinen gesamten Willen darauf."
Für einen Moment verkrampft er die Hand, besinnt sich, lässt wieder locker. Meine Anspannung steigt, wieder schimmert diese dezente Aura, nicht kräftiger als dünner Dampf, um seine Fingerspitzen. Vielleicht sind sogar die zwei Stunden zu lange geschätzt? Könnte sein. Der Schein wird dichter, konzentrierter, baut sich auf, strukturiert sich allmählich, bis...
Klopfen. Jemand hämmert gegen die Tür. Welcher einfältige * wagt es, genau jetzt, in diesem entscheidenden Moment, hier aufzutauchen?!
Nosottos Konzentration ist natürlich dahin, genauso wie meine Lust, aufzumachen. Wobei nervenaufreibend lautes, schnelles und vor allem energisches Klopfen irgendwann dann doch eine sehr große Motivation darstellen, die Türe zu öffnen, nur, um dem Störenfried seine Schlagunterlage wegzunehmen.
"Was gibt's?", knurre ich, reiße auf, starre in das Gesicht eines ob meiner Wut verdutzten Kims, der etwas sagen wollte, was ihm jetzt so schwer auf der Zunge liegt, dass ihm selbige den Unterkiefer nach unten drückt.
Ich seufze, zwinge mich zu einem freundlicheren Gesichtsausdruck und wiederhole meine Frage: "Ja bitte? - Es ist hoffentlich wichtig?"
"Ähm", fängt mein Freund sich wieder: "Ja, das ist es durchaus. Morgan schickt mich, sie brauchen dich unverzüglich im Schloss, Audienzsaal."
Wieder seufze ich. Politik. Na super.
"Nosotto, kommst du?", frage ich über die Schulter, greife mir mein Schwert, werfe den Umhang über, ziehe mir die Kapuze ins Gesicht und trete auf den Flur.
"Ahm", deutet Kim auf meinen Schüler: "Morgan...äh...meinte...er" Ein einziger, kalter, energischer Blick von mir genügt, und er verstummt.
"Wenn der Oberste mich will, dann bekommt er ihn auch", setze ich fest und verlasse den Gasthof.

Der Azatin: Der Aufstieg #IceSplinters18Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt