Hafenstadt Ragnorr

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Lucian pov.


Ich starrte auf eine fremde Zimmerdecke. Ich bin schon ein ganzen Monat in Ephistus, in einer der reichsten Hafenstädte des Landes, Ragnorr hieß sie und war ein Ort wo die zukünftigen Drachenritter von Ephistus ausgebildet werden. Zusammen mit den anderen Lehrlingen hatte ich nun ein recht Bescheidenes Quartier bezogen. Unter mir konnte man das Schnarchen von Elias hören, meinem Zimmergenossen mit dem ich das Zimmer teilte. Es war ein kleines Zimmer und hatte nicht mal einen Tisch. Nur ein Etagenbett, ein kleines Fenster mit einem Gitter vor und ein Waschbecken. Wer sich duschen wollte musste sich einen Eimer voll kaltem Wasser über den Kopf gießen. Es gab eine Menge Unterschiede zwischen Mynos und Ephistus. Einer davon war, dass obwohl Ragnorr eine reiche Stadt war, sie jedoch keine einzige Münze für einfache Lehrlinge wie wir es sind verschwendeten. Einmal pro Tag kamen Soldaten vorbei die Beutel mit Brot, sauberem Wasser, da man das Wasser aus den Leitungen nicht trinken konnte, und etwas Wurst verteilten. Und diese Ration musste man sich für den ganzen Tag einteilen. Nur Abends gab es noch eine kleine warme Mahlzeit. Für uns gab es auch keine Gelegenheit an Geld zu kommen, außer dem wenigen Lohn als Lehrling, da es uns verboten war einen Job anzunehmen, damit wir uns voll und ganz auf die Ausbildung zum Drachenritter konzentrierten. Darum musste ich sparsam mit meinem Geld sein und konnte kein Briefpapier kaufen um Aya zu schreiben, was mir schlechte Laune bereitet. Doch man hatte mir schon früher eingebläut das die Männer die viel rum kamen und sich einen Namen machten, am Ende belohnt werden. Ich wollte es für meine Zukunft durchziehen und jammerte nicht rum wie einige andere Lehrlinge, als sie zum ersten Mal ihr Quartier sahen. Ich legte mein Handrücken über meine Augen um das grelle Licht das im Fenster durchschien auszublenden. Ephistus hatte einen anderen Rhythmus als Mynos. Die Leute schienen hier am Tag zu schlafen und in der Nacht zu arbeiten. Aber uns wurde sowieso nur gewehrt vier Stunden am Tag zu schlafen. Und da erklangen auch schon die Trommeln, dass bedeutet das wir aufstehen sollten. Mit dunklen Ringen unter den Augen sprang ich vom Hochbett. Ich drehte mich zu Elias um, der noch immer tief und fest schlief. ,, Aufwachen!" krächzte ich mit trockener Kehle und rüttelte Elias wach. Er murrte und drehte sich mit dem Rücken zu mir. Ich schnaubte und warf ihn auf den Boden. ,, Du weißt ganz genau wenn wir schon wieder wegen dir zu spät kommen, werden wir dieses mal an den Pranger gestellt." Bei diesen Worten raffte sich Elias endlich auf. Er wischte sich den Schlaf aus den Augen und gähnte. ,, Ich bin ja schon wach." nuschelte er. Elias war ein kleiner, dünner Junge. Beim ersten Blick würde man denken er wäre ein Mädchen, da er goldene Locken und grüne Augen mit langen Wimpern hatte. Ich hatte ihn beim vierten Tag in Ragnorr vor zwei gereizten, älteren Lehrlingen gerettet, die seine Tagesration stehlen wollten. Sie hatten ihn unauffällig zur Seite gedrängt, als wir gerade Mittagspause hatten. Sie hatten ihn zusammen geschlagen und wollten ihm gerade den Beutel mit dem Essen wegnehmen, als ich einschritt und die hungrigen Jungs verscheuchte. Nicht jeder kam mit der mickrigen Tagesration aus. Seitdem verfolgte mich Elias überall hin und tauschte sogar mit meinem vorherigen Zimmerkameraden unauffällig die Zimmer, damit er 24 Stunden am Tag in meiner Nähe war. Irgendwann hatte ich aufgegeben ihn abzuschütteln und nahm es hin. Die Trommeln verstummten. ,, Komm schon! Beeil dich mit Anziehen!" rief ich Elias zu und öffnete bereits die Tür und spurtete raus, vor dem heruntergekommenen Quartier, dass aus gelbem Sandstein bestand. Sofort kam mir die schwüle Luft entgegen. In Mynos ist bestimmt gerade ein kalter Winter, während hier Tropenklima herrschte. Die Sonne brannte auf meine bereits verbrannte Haut. Ich schob mir die Haare aus dem Gesicht und reihte mich neben den anderen Lehrlingen ein. Ich streckte die Brust raus und verschränkte meine Hände hinter meinem Rücken. Vor uns stand bereits der Blutrote Aufseher. Wir nannten ihn den Blutroten Aufseher, da er komplett in rot gekleidet war und immer einen hochroten Kopf bekam, wenn er anfing zu reden, oder wohl eher anfing zu brüllen. Er hielt eine Sanduhr in seinen Händen und starrte uns durch dunkle Augen gefährlich an. Ich betete zu den Göttern das Elias sich beeilt, der Sand in der Sanduhr ist bereits bis zur Hälfte nach unten gesickert. Ich hörte neben mir ein Schnaufen und stellte erleichtert fest das Elias sich neben mich einreihte. Er wurde sofort vom Blutroten Aufseher mit einem scharfen Blick wahrgenommen und da rann bereits der letzte Sandkorn nach unten. Ich blickte starr nach vorne als der Blutrote Aufseher begann an uns vorbei zu stolzieren, als hätte er die Macht über uns alle, was leider auch stimmte. Er entschied wer bestraft oder wer belohnt wird . Ich vermute das seine miese Laune daher kommt, dass er nur ein Bein hat. Dieses fehlende Bein auf dem er ungelenkig ging, wurde durch eine Prothese ersetzt. Man munkelte das er sein Bein mitsamt seinem Drachen in einer Schlacht verlor und jetzt hier als armseliger Aufseher geendet ist. Er bekam wieder seinen allzu bekannten roten Kopf und brüllte direkt neben mir ,, Ihr Kakerlaken werdet jetzt die täglichen Morgenübungen machen, danach rennt ihr barfuß zum Platz und schlägt euch dort die Köpfe mit Keulen ein! Verletzte werden nicht verschont und müssen weiter trainieren!!! Ihr werdet hier lernen richtige Männer zu werden!!! Ihr denkt das ihr gut genug seid um einen Drachen zu bekommen?! Nur über meine stinkende Leiche!!! Ihr werdet erstmal Eier bekommen müssen um überhaupt anerkannt zu werden!!! Und jetzt beginnt !!!" Wie immer die gleiche Ansage. Ich hatte gelernt das man ihm nicht glauben sollte und wie man sich vor seinen Blicken schützte und nicht zu sehr auffiel. Wir begannen mit den Übungen. 60 Liegestütze, 3-mal Dehnen, 50 Sit-Ups und dann mussten wir sprinten. Ich legte meine staubigen Sandalen an den Rand, dann reihte ich mich wieder ein und wir mussten 5 km weit rennen bis zum Platz. Barfuß war es eine echte Tortur, wegen den spitzen Steinen. Die Wege und Straßen bestanden nur aus Schutt und Steinen. Nach nur wenigen Schritten auf den Straßen hinterließ ich blutige Spuren auf dem Boden. Am Platz angekommen schnappte ich mir ein Trainings Schwert. Nur waren die Trainings Schwerter hier nicht abgestumpft damit man sich nicht verletzte, sondern scharf. Die Aufseher meinten das man sich dann mehr in den Kampf vertiefte. Ich stellte mich gegenüber eines Lehrlings, der mir zunickte. Wir begannen mit den Klingen gegeneinander zu schlagen bis meine Arme anfingen zu zittern. Ich deutete meinem gegenüber das es reichte und ging zur nächsten Übung. Man musste über eine steile Holzwand ohne jeglichen Halt klettern. Keuchend sprang ich hoch. Neben mir rutschten einige Lehrlinge wieder runter. Darunter sah ich auch einen keuchenden Elias. Ich fühlte mich beobachtet durch die ganzen Aufseher die jede Bewegung von uns notierten. Ich krallte meine Fingernägel in das Holz und spürte den Schmerz der Splitter in meinen Fingern. Ich hob einen nackten Fuß und suchte nach irgendeinem Halt. Ich kletterte weiter nach oben und rutschte mit den Füße immer weiter nach oben. Als ich fast am Rand war, sammelte ich meine ganze Kraft und drückte mich mit den Füßen nach oben. Mit einer Hand am Rand festhaltend zog ich mich schwer atmend hoch. Ich verharrte für einige Sekunden hier oben und konnte das ganze Trainingslager überblicken. Ich sah jedoch keinen einzigen Drachen. Ich hatte gehört das man sie schwer bewachte, da sie das wertvollste der Stadt waren. Ich atmete die salzige Luft ein, die vom Meer kam. Ich drehte meinen Kopf nach Osten und sah das glitzernde Meer. Schiffe ließen Anker am Hafen. Einige kleinere Handelsschiffe bewegten sich auf den Hafen zu. ,,Hey, los weiter!" unterbrach eine Stimme meine schöne Aussicht. Ich blickte nach unten. Ein Aufseher starrte mich missmutig an und deutete mir runter zu klettern. Ich zog meine Schultern hoch, als Geste der Entschuldigung und stellte mich dämlich. So bekommt man keinen Ärger wenn man sich Blöd tut und sich entschuldigt. Klar, man wird beschimpft und gehänselt, aber immerhin besser als eine ernsthafte Bestrafung. Ich sprang geschickt runter von der Holzwand und kam mit den Füßen auf den Boden auf. Sie schmerzten höllisch, ich unterdrückte ein schmerzvolles Stöhnen und rannte weiter. Als nächstes standen schwere Hanteln stemmen, schwere Kugeln werfen, mit dem Morgenstern Schilder zerschmettern, Kampfsport und noch viele weitere Körper beanspruchende Aufgabe an. Es dämmerte bereits und das einzige wo man mal nicht etwas zerstören oder hochklettern musste, stand an. Geschichtskunde. Wir setzten uns dann immer unter einen schattigen Baum und ein Gelehrter kam und erzählte uns Geschichten. Meistens handelten sie von vergangen Schlachten. Ich setzte mich ins gelbliche Gras. Elias setzte sich neben mich und flüsterte mir zu,, Man, du bist immer einer der besten im Training! Ich war echt überrascht als du die Holzwand überwu-" ,, Ruhe! Hört auf zu Tuscheln wie die Hofdamen!" Rief einer der Aufseher in die Runde. Sofort wurde es Still und der Gelehrte setzte sich auf ein Kissen, dass er mitgebracht hatte. Er räusperte sich und schaute mit dunklen Blicken jeden von uns an. ,, Ich werde euch etwas über den Erschaffer von Ragnorr erzählen. " Bei den Worten hörte ich schon nicht mehr zu. Ich lehnte mich zurück an den Baum und starrte hinauf in die Baumkronen. Ach Aya...  Würde ich dir einen Brief schreiben können, würde ich dir schreiben das ich dich vermisse. Ich hoffe das ich schnell stärker werde und irgendwann ein Drachenritter werden kann. Dann werde ich zu dir zurückkehren. Versprochen. Die Sonne schien durch die Blätter des Baumes und blendeten mich. Ich hob die Hand über meine Augen und schloss diese leicht. Die Stimmen wurden um mich immer leiser und als ich die Augen komplett schloss, sah ich vor mir Ayas bezauberndes Lächeln. Ich musste grinsen. ,,Da bist du ja." hauchte ich. Und es wurde um mich herum schwarz. 



Etwas drang in meine Lunge ein und ich konnte nicht atmen. Ich riss meine Augen auf. Mein Kopf steckte in einem Wassertrog. Jemand drückte meinen Kopf hinein. Verzweifelt versuchte ich an die Oberfläche zu gelangen und versuchte mich aufzubäumen. Schließlich ließ die Hand los und ich hob blitzschnell meinen Kopf aus dem Trog und hustete Wasser. Hustend schaute ich mich um. Ich sah zuerst Elias der mich mit besorgten Blicken durchbohrte. Hinter mir stand der Blutrote Aufseher. ,, Das nächste mal lass ich dich ertrinken!!! Schlaf nie wieder bei deinem Training ein!!! Verstanden?!" schrie er und packte mich grob an der Schulter und zerrte mich auf die Füße. ,, Verstanden!" Rief ich noch immer etwas überfordert mit der Situation. Der Blutrote Aufseher ließ mich frei aus seinem eisernen Griff und verschwand gereizt. Elias stützte mich und ich stolperte in unser Zimmer. ,, Du hast das Abendessen verpasst. Aber keine Sorge. Ich hab für dich heimlich etwas mitgehen lassen." flüsterte Elias mir zu. ,, Du ... sollst dich doch nicht wegen mir dich in Gefahr begeben." Hustete ich und sah verschwommene Umrisse. Elias setzte mich auf die Bettkante. Dann schloss er die Tür zu und kramte unter dem Bett nach ein Päckchen. ,, Heute gab es etwas Suppe mit Fleischstückchen drin. Die Suppe konnte ich dir nicht mitbringen, aber ich hab die Fleischstückchen aus meiner Suppe rausgefischt und eingepackt." Er öffnete das Päckchen und ein verführerischer Duft von Fleisch kam mir entgegen. Er gab mir das Päckchen mit dem Fleisch und setzte sich auf den Boden. Ich blickte ihn dankbar an und schlang die faden Fleischbrocken runter. Sie hatten sich mit der Suppe voll gesogen und schmeckten wässrig. Jedoch spürte ich wie ich wieder zu Kräften kam. ,, Ein Aufseher hat eben zum Dienst getrommelt." meinte Elias während er mich beim Essen beobachtete. Ich beeilte mich und versteckte das Päckchen Papier unter die Matratze des Bettes. Dann nickte ich noch kauend Elias zu. ,, Gut, dann auf zum Nachtdienst. " murmelte ich. Einer der Aufgaben der Lehrlinge bestand auf der Mauer von Ragnorr Ausschau nach irgendwelchen Gefahren zu halten. Bewaffnet mit einem Dolch, Pfeil und Bogen, gingen wir mit den anderen Lehrlingen Richtung Stadtmauer. Wir durchquerten belebte Straßen auf unseren Weg. Die Bewohner von Ragnorr schienen immer beschäftigt zu sein und hatten es immer eilig. Ich ging mit den anderen zur Treppe, wo man uns wie immer in Gruppen aufteilte. Wir gingen über die Treppen nach oben auf die Mauer. Ich postierte mich mit zwei weiteren Lehrlingen auf der Mauer. Neben uns flackerte ein kleine Fackel um uns Licht zu spenden. Ich starrte in die dunkle Nacht. Vor den Toren der Stadt war eine große Wüste. Die Nächte dieser Wüste waren eiskalt und so war es auch auf der Mauer recht frisch. Ich hatte einen schwarzen Fell Mantel um meine Schultern geschlungen. Ein Geschenk von Aya. Sie hatte das Tier, dessen Fell mich jetzt wärmte, selbst erlegt. Die beiden anderen Lehrlinge neben mir hielten starrend Ausschau. Ich bemerkte das einer von ihnen, ein schlaksiger Junge mit wachen Augen mit seinem Armband Gedanken verloren spielte. ,, Alles in Ordnung? " fragte ich ihn. Er zuckte zusammen und schaute auf. ,, Was? Achso, äh ja.   Ich denk nur grad an zu Hause. " sagte er. Der andere Junge schnaubte kalt,, Zu Hause? Das hier ist jetzt unser zu Hause." Ich funkelte den vorlauten Jungen an. ,, Das nennst du ein zu Hause? Ein zu Hause ist ein Ort wo man immer willkommen ist. Ein Ort wo man Menschen hat die an einen Denken. Das hier ist kein zu Hause. Nur ein Trainingslager. " keifte ich den Jungen an. Der rollte desinteressiert seine Augen und drehte sich mit den Rücken zu mir. Ich schnaubte und wandte mich zu dem anderen Jungen. ,, Verurteile ihn nicht. Er ist ein Waisenkind. Er versteht nicht was du meinst." Erklärte der Junge mitfühlend. Wir starrten wieder hinaus in die Wüste. Ich lehnte mich an die kalte Mauer. ,, Wie heißt du eigentlich? Ich bin Lucian." fragte ich den Jungen. Eigentlich interessierte mich der Namen vom Jungen nicht sonderlich. Der Junge drehte sich zu mir um.,, Mein Name ist Jiru."antwortete er und spielte weiter mit seinem Armband. Ich starrte ebenfalls in die Dunkelheit. Plötzlich sah ich etwas aufleuchten. ,, Was war das?" flüsterte ich. Ich ging an den Rand der Mauer und starrte angestrengt in die Dunkelheit. ,,Der fantasiert hier schon rum." murmelte der Waisen junge. ,, Pssst, sei mal kurz leise." zischte ich ihn an. Ich horchte. Da ist doch etwas . Dann nahm ich plötzlich ein Vibrieren in der Luft war.  Ein Brüllen war zu hören und ein brennender Pfeil flog haarscharf an mir vorbei. Ich zögerte nicht eine Sekunde. Jiru hatte das Signalhorn und ich wies ihn an hinein zu blasen. Er holte tief Luft und ein tiefer Ton entstand. Sekunden vergingen und da hörte ich auch schon die Alarm Glocken der Stadt läuten. 


Wie ihr schon bemerkt habt werde ich jetzt auch ab und zu in Lucian's Sicht schreiben und schreiben was er in diesem Trainingslager alles erlebt.^^ 



Aya -Tochter der DrachenLies diese Geschichte KOSTENLOS!