Die Sonne hing schon tief, als Mia aus dem überfüllten Bus stieg. Ihr Rucksack war schwer von Büchern, ihre Kopfhörer längst leer gespielt, und in ihrem Kopf dröhnte der Tag nach - Matheklausur, Streit mit ihrer besten Freundin, und das Gefühl, dass alles irgendwie an ihr vorbeizog. Sie zog den Reißverschluss ihrer Jacke bis hoch ans Kinn, obwohl es eigentlich gar nicht kalt war.
Der kleine Platz vor der Bibliothek lag im goldenen Licht. Menschen eilten vorbei, lachend, telefonierend, die meisten in Gedanken schon beim Abendessen. Nur einer blieb stehen.
Er.
Sie hatte ihn schon ein paarmal gesehen - immer hier, immer um dieselbe Uhrzeit. Ein junger Mann, vielleicht ein Jahr älter als sie, mit zerzaust braunem Haar, einem Notizbuch unterm Arm und diesem leisen Lächeln, das mehr Fragen stellte, als es beantwortete. Sie wusste nicht einmal seinen Namen. Nur, dass er dort saß, jeden Donnerstag, auf der Bank neben dem Brunnen, und zeichnete.
Heute hob er den Kopf, genau in dem Moment, als sie stehenblieb.
Ihre Blicke trafen sich.
Mia fühlte, wie etwas in ihrer Brust stolperte. Sie zwang sich, weiterzugehen, aber ihre Schritte verlangsamten sich. Schließlich setzte sie sich ans andere Ende der Bank. Viel zu nah, um zu ignorieren, viel zu weit, um zufällig zu wirken.
„Du kommst auch öfter hierher", sagte er, ohne sie direkt anzusehen. Seine Stimme war ruhig, fast sanft.
Sie schluckte. „Und du zeichnest... immer?"
Ein kurzes Lächeln huschte über seine Lippen. „Nicht immer. Aber meistens, wenn der Tag zu laut war."
Mia drehte sich zu ihm. Auf seinem Block waren Linien, Schatten, Umrisse - der Brunnen, die Häuser im Hintergrund, Menschen, die vorbeigingen. Aber auch sie. Sie erkannte ihre eigene Silhouette, noch unscharf, fast schüchtern in den Linien.
„Das bin... ich?"
„Vielleicht." Er blätterte eine Seite weiter, und da war sie noch einmal. Und noch einmal. Kleine Skizzen, als hätte er sie nicht zum ersten Mal gezeichnet.
Mias Herz raste. „Warum...?"
Er legte den Stift ab, zum ersten Mal ganz zu ihr gewandt. „Weil du aussiehst, als würdest du immer irgendwohin gehören wollen - und gleichzeitig nirgendwo so richtig."
Die Worte trafen sie tiefer, als sie wollte. Niemand hatte das je so ausgesprochen. Sie wollte etwas sagen, einen Witz machen, irgendetwas. Aber ihre Stimme versagte.
Er beugte sich ein Stück näher. „Ich heiße Jonas."
„Mia."
Der Name hing zwischen ihnen wie ein Versprechen.
Ein paar Kinder liefen lachend über den Platz, ein Fahrrad klirrte, irgendwo spielte jemand Gitarre. Die Welt rauschte an ihnen vorbei, aber auf dieser Bank war es, als stünde alles still.
„Weißt du", sagte Jonas leise, „manchmal wartet man so lange, dass man gar nicht merkt, dass das, worauf man wartet, schon längst da ist."
Und bevor Mia darüber nachdenken konnte, spürte sie seine Hand auf ihrer - vorsichtig, tastend, als wolle er ihr jederzeit den Raum lassen, sich zurückzuziehen. Doch sie zog sich nicht zurück. Im Gegenteil.
Ihre Finger verschränkten sich wie von selbst.
Die Sonne war fast verschwunden, der Himmel färbte sich rot und violett. Und Mia dachte, dass vielleicht nicht alles an ihr vorbeizog. Vielleicht war gerade etwas angekommen, das blieb.
■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■
510 Wörter
Ja die Story war jetzt echt etwas short aber glaubt mir die nächste ist länger
Viel Spaß beim Lesen
YOU ARE READING
Herzfragmente
RomanceLiebe zeigt sich in Momenten - manchmal leise, manchmal überwältigend, manchmal so flüchtig, dass nur ein Bruchstück bleibt. Diese Sammlung vereint Kurzgeschichten, die das ganze Spektrum der Liebe erfahrbar machen: das erste Aufeinandertreffen, das...
