"Das muss jetzt wohl der Moment sein, in dem wir unsere Feindschaft begraben und du zwei Wochen lang kostenlos Eis bekommst", sagte ich nervös, bevor ich meine Lippen auf seine drückte. Er schien komplett überrascht zu sein, was ich ihm ehrlich ges...
Wenn man denkt, dass man am 31. Dezember frei haben könnte, weil es ja der letzte Tag im Jahr ist und die Menschen an genau diesem Tag besseres zu tun haben, als Eis essen zu gehen, ja dann ... hat man die knallharte Realität noch nicht vor Augen gehabt. Am liebsten würde ich jetzt einfach meine Schürze auf den Boden werfen, ganz gekonnt über den Tresen springen und zu meinen Kunden schreien "Yolo Bitches, heut ist Selbstbedienung am Start" und dann zeitlupenartig den Ice Cream Shop verlassen. Oh damn, das wäre einfach die coolste Aktion, die ich je bringen könnte.
Das Problem an der ganzen Situation ist aber leider, dass ich das Geld brauche. Also jetzt nicht für's College, wie es vielen anderen Teenagern geht, da meine Eltern mir dafür zum Glück schon ein Konto eröffnet haben, als ich noch klein war. Ich brauche das Geld für meinen Internatsplatz. Natürlich kommt jetzt der Gedanke "Warum hat deine Familie nicht zuerst für das Internat gesparrt und dann für das College?" - so nach dem Motto: Prioritäten klären?!
Das Internat war halt nicht von Anfang an geplant. Diese Idee kam erst damals, als ich einen meiner beiden besten Freunde, Dan, kennenlernte. Wir ware zusammen im montäglichen Schachclub für Masterminds. Jap, ich war schon ein kleiner Nerd. Naja zumindest waren wir da fünfte Klasse und Dan hat dauerhaft von diesem Internat für Wirtschaft und Psychologie gesprochen, in dem die Businessmänner und Seelenforscher von morgen ausgebildet werden. Ich fand die Kombination immer etwas schräg, aber an anderen Schulen sind genau diese Fächer Wahlpflichtfächer, also wird es dafür bestimmt einen plausiblen Grund geben müssen. An einem Montag brachte mir Dan dann eine Broschüre mit und somit begann auch ein einmonatlicher Dauerterror, welchem meine Eltern unterzogen wurden. Ich sprach Tag und Nacht davon, dass ich eines Tages Psychologe werden wolle. Ich analysierte dauerhaft ihr Verhalten und beobachtete jede ihrer Bewegungen bis in's Detail. Ich hörte auf die unterschiedlichen Tonlagen, in welchen sie mir sagten, dass ich sie nerven würde und schaute mir ihre Gesichtsausdrücke an, während sie mich anmeckerten, dass ich die Privatsphäre anderer nicht zu schätzen weiß. Tja, irgendwann sahen sie dann auch ein, dass ich perfekt für die Psychologie geeignet wären, bei all den Schäden, die ich ihrer Psyche innerhalb dieses einen Monats bereitete. Fazit: meine Eltern waren einverstanden mich auf dieses Internat gehen zu lassen.
Leider gab es da aber noch die Gründe, die für Komplikationen sorgten:
1.Ich war erst in der fünften und musste noch zwei Jahre warten, da sie die Schüler dort erst ab der siebten Klasse aufnehmen.
2.Das jährliche Schulgeld beträgt eine außerordentlich hohe Summe, welche sich normalarbeitende Familienmitglieder nur leisten können, wenn wirklich alle daran mitwirken. Deshalb hab ich ab der fünften Klasse auch schon Nachhilfe gegeben, aber das ist jetzt erstmal weniger relevant.
und schließlich 3.Ich war ein Mädchen, also ja, jetzt bin ich auch noch ein Mädchen und eigentlich sollte das Geschlecht eines Menschens ja kein Problem darstellen, aber wenn man sich in seinem Kleidchen und mit seinen zwei geflochtenen Zöpfen im Alter von zwölf Jahren an einem Jungsinternat vorstellt ... nun jaa, da wird man schon erstmal ein bisschen komisch angeguckt. Aber hey, mit den richtigen Kontakten und einer Omi als Anwältin ist alles machbar.
Naja, das erstmal zu dem Punkt, warum ich am letzten Tag des Jahres arbeiten muss. Eigentlich hätte ich denke mal gar nicht so ein großes Problem damit jetzt zu arbeiten, wäre da nicht eine Person, die ich einfach nicht ertragen kann. Dieser eine Typ, der einfach die Arroganz schlecht hin verkörpert. Seinen Namen sollte ich eigentlich nicht kennen, aber basierend auf der Tatsache, dass seine ständig wechselnden Dates ihn immer wieder erwähnen, weiß ich nun doch, wie er heißt. Kyle.
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Kyle der Fuckboy. Dass er einer war, konnte man nicht anzweifeln. Er kam jede Woche hier her und wirklich immer wieder mit einem anderen Mädchen. Erst gab er ihr das gewünschte Eis aus, dann laberte er sie mit seinem Süßholzgeraspel zu und am Ende flüsterte er ihnen jedes mal etwas in's Ohr, was immer das selbe Kirchern bei seinen Dates auslöste. Danach verschwinden sie jedes mal Arm in Arm, weshalb ich jedes Mädchen nach und nach einfach nur bedauern muss. Sie sind nur eine Zahl, nicht nur für ihn, sondern auch auf meiner Strichliste, die ich heimlich führte. Nicht dass es mich interessiert, was der Typ alles mit seinen Weibern macht, mich interessiert nur die Anzahl dieser Mädels.
Als ich den Strich setzte konnte ich es kaum glauben. Sie war die Nummer 20. Das muss doch gefeiert werden! Aus diesem Grund wühlte ich in der Schublade neben der Spüle herum, auf der Suche nach einer Kerze. Tatsächlich fand ich eine und steckte sie daraufhin in die oberste Kugel des Eisbechers, welchen ich an Tisch zwölf bringen sollte, an Kyle's Tisch. Bevor ich loslief, zündete ich noch schnell die Kerze an.
Ich stellte den Eisbecher vor dem diesmaligen Opfer ab. Sie grinste, während Kyle mich jedoch mit einer hochgezogenen Augenbraue anblickte "Bitte was?" Allein diese beiden Worte trieften mal wieder nur so vor Arroganz. "Naja, sie ist die 20. Also herzlichen Glückwunsch. Deine Ausdauer ist echt beeindruckend", ich musste selten so ein gefaktes Lächeln aufsetzen. Dieses Lächeln wandelte sich aber bei seinem angepissten Gesichtsausdruck in ein richtiges Lächeln um.
Das Mädchen schaute verwirrt zu ihm "Was meint sie mit - die 20 - ?" Noch bevor Kyle etwas sagen konnte, kam ich ihm zuvor "Ach Schnucki, mach dir mal keine Gedanken. Genieß noch schön dein Eis, bevor du von Kyle den weiteren Ablauf eures Dates gesagt bekommst. Glaub mir, das wird noch ein anstrengender Tag für dich"
"Solange es weniger anstrengend als dein Verhalten wird", sagte er zu mir gewandt, wobei ich an der Ader auf seiner Stirn merkte, wie die Wut in ihm aufkochte. Ich wusste, dass er wusste, dass sein Witz einfach nur mies war, weshalb ich mich schmunzelnd umdrehte, um wieder zum Tresen zu gehen. "Das gibt heute aber kein Trinkgeld", rief er mir hinterher. Was für ein Großkotz. "Von dir nehme ich eh nichts an. Wer weiß, wo deine Finger schon überall waren", konterte ich. Der war gut, Luca. Ich klopfte mir innerlich selbst auf die Schulter.
Erst als ich mich umdrehte, bemerkte ich die Blicke meiner restlichen Kundschaft und versank innerlich im Boden. Zum Glück wurde ich für zehn Minuten von einer Kollegin für eine kurze Pause abgelöst. Ich ging in die Küche, suchte mir einen Stuhl und meine Brille und setzte mich mit meiner fetzigen Bienenbrotbüchse gefüllt mit Radieschen vor den Fernseher, welcher in der oberen Ecke über der riesigen Gefriertruhe hing, in welcher wir Unmengen an Eiscremevorräten lagerten. Ich bin jedes mal so erleichtert darüber, dass ich die Brille nur zum Fernsehengucken und Autofahren brauche, da ich einfach das Gefühl habe, dass mir Brillen nicht stehen. Es gibt wirklich richtig viele Leute, die richtig gut mit Brille aussehen. Naja ... und dann gibts mich, die aussieht wie der Opa von Peppa Wutz, diesem Schweinsmädchen in rotem Kleid. Hart aber wahr.
Noch bevor ich erfahren konnte, wer beim Bachelor rausgeflogen war, musste ich wieder an's Kellnern. Zu meinem Bedauern waren Kyle und seine Flamme noch nicht gegangen, weshalb ich sie dann leider doch noch abkassieren musste.
Komm schon Luca, du musst grinsen, denn eine Kellnerin muss sich immer von ihrer besten Seite zeigen, mit Höflichkeit und Freundlichkeit. "Das macht dann 14,90$", sagte ich, wobei ich ihnen die Rechnung auf den Tisch legte. Kyle gab mir 15$ und lachte mich künstlich an "Stimmt so" - "Ach gibt es doch Trinkgeld?", fragte ich ironisch. "Nee, das ist für die Kerze", erwiederte er bestimmend. Der Punkt geht an dich, mein Freundchen. "Guter Sevice ist nun mal alles", ich glaube meine Verachtung war dabei kaum zu überhören. Gott wie ich diesen Menschen verabscheue.
Er und sein Date standen auf, sein Arm um ihre Hüfte geschwungen. Bevor sie zur Tür rausgingen, zwinkerte er mir ein letztes mal höhnisch zu "Übrigens Marissa war die 20. Paige ist die 21" Seine Flamme schaute voller Zorn auf "Wer ist Marissa oder diese Paige?"
Ein Schmunzeln kam auf meine Lippen. Kyle's Augen weiteten sich schlagartig. Er realisierte erst jetzt, was er gesagt hatte, doch statt die Sitation zu entschärfen, erwiderte er nur "Es tut mir leid, Sara ... eh hab ich Sara gesagt? Ich meinte Madeleine" Nach diesen Worten, fing er sich eine Ohrfeige ein und das Mädchen stürmte raus, wobei sie noch schrie "Das war's für mich an der Stelle! Ach und nur um das klarzustellen, mein Name ist Cassandra!!!"
Ich konnte mich einfach nicht mehr halten vor lachen. Meine Luft ging mir immer mehr aus und ich musste schon hecheln wie das letzte Nilpferd. Das ganze war ihm sichtlich unangenehm.Kyle kratzte sich am Hinterkopf "Ich war mir zwischenzeitlich so sicher, dass sie eine Sara war" Nachdem ich das hörte, konnte ich einfach nicht mehr. Ich musste mich sogar am Tisch festhalten, da ich sonst durch diesen Lachkrampf weggeknickt wäre. Sein Gesicht wurde peinlich rot und er verließ ebenfalls den Ice Cream Shop.
Nachdem ich mich nach weiteren 3 Minuten erst wieder eingkriegt hatte, stellte ich mich erneut hinter den Tresen, immer noch am schmunzeln.