Tante Emma's Wunderladen

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Als ich an diesem Morgen in den Teeladen kam, rechnete ich noch nicht mit dem ganzen Trouble,der heute auf mich zukommen würde. Die Sonne warf bunte Schatten durch die Rollläden und erzeugte lauter kleine Regenbogen auf den dunkelrotbraunen Holzmöbeln aus Kirschbaum. Gedankenverloren wischte ich mit einem Fetzten über die Tische und Regale. Tante Emma's Teeladen war im Gegensatz zu den riesigen Coffeshops klein. Nur sieben Tische und ein Dutzend Sessel schmückten den Läden aus. Dann war da natürlich noch die Theke mit Glasvitrine  und kleiner Küche. Der Tee war in lauter Fächer an der Wand einsortiert worden und wartete nur darauf von jemandem entdeckt zu werden. Ich liebte die Gerüche,die in jedem der Glasfässer schlummerten. Alleine der Geruch würde dazu führen, ob jemand den Tee zurückstellen oder unsterblich in ihm versinken würde.

Nachdem ich alles so gut wie möglich gereinigt hatte, drehte ich die Jalousien nach oben und drehte das geschlossen Schild auf geöffnet um. Da es erst 6.30 morgens war und erst gegen 7.00 der Hauptverkehr stattfand , hatte ich genug Zeit um die Cupcakes zu verzieren, die ich gestern Abend noch gebacken hatte. Leise summte ich vor mich hin,während ich die Tüte mit Ganach über dem Küchlein schwang,um eine schöne Schokohaube zu erschaffen. Ein paar Rechte und Schokostücke später,wischte ich mir erleichtert über die Stirn.

Nachdem die Cupcakes auf ihren Plätzen standen , setzte Ich mir selber erstmals Tee auf. Im Moment war es wohl Mango Schwarztee mit Milch und einem Löffel Honig, wobei frischer Ingwertee definitiv an zweiter Stelle kam. Der Raum duftete wunderbar danach und ich lehnte mich entspannt zurück und genoss die Stille.

Kaum hatte ich den ersten Schluck getan, kam Emma herein. Sie war eine kecke vierzig Jährige Frau und einer meiner liebsten Menschen in meinem Leben. Sie hatte mich aufgefangen , als ich  eines Nachts vor ihrem Laden stand. Ich hatte gerade mein Studium hingeschmissen und von meinen Eltern aus einem goldenen Käfig geflüchtet. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich keine Ahnung was Leben bedeutete. Sie hatte mich aus dem schüttenden Regen geholt und mir einen Ingwertee gemacht. Ich hatte ihr mein Herz ausgeschüttet und sie bot mir eine Stelle in ihrem Laden an. Der damalige Barista hatte gekündigt und sie musste den Läden alleine schmeißen. Inzwischen schmiss ich den Laden ohne Probleme alleine , manchmal half Mike ,ihr Sohn aus und Emma führte einen Schneiderladen ein paar Straßen weiter.
Während ich im ersten Jahr mit Emma und ihrer Familie in einem Haus wohnte, war ich vor ein paar Monaten in meine eigene Wohnung gezogen. Emma entlohnte mich großzügig und für jede Sekunde die ich mehr arbeitete. ,,Eines Tages“,sagte sie immer,,wirst du wieder anfangen zu studieren. Und dann wirst du das Geld benötigen“. Sie ließ es sich sogar nicht abnehmen die Kaution für meine Wohnung zu zahlen, ohne die ich die Wohnung nicht bezahlen hätte können. 

Emma musterte mich liebevoll, während sie mir ein Sandwich in die Hand drückte :,,Von Tommas, weil du sonst nichts zu Mittag isst.“,taddelte sie mich und grinste dabei aber breit. Tommas war Emma's Mann und genauso gut zu mir wie Emma selbst. Er war Anwalt und Half mir dabei meine gesamten Unterlagen immer griffbereit zu halten.
Ich umarmte Emma und drückte ihr sogleich einen To-go-Tea mit rotem Raubusch in die Hand, weil ich wusste, dass sie diesen besonders gerne trank. ,,Steht heute etwas besonderes an?“, fragte ich sie. ,, Ein ganz normaler Tag. Außer du siehst ein Essen bei uns als etwas besonderes an.Übrigens schreibst du dir die halbe Stunde als Überstunde auf. Der Läden öffnet erst um sieben“, gab sie lächelnd zu. Ich schüttelte meinen Kopf :,, Bei euch zu essen ist für mich jedes Mal von neuem etwas besonderes.“ Gab ich zu und wie jedes Mal erneut durchströmte mich ein Wärmegefühl. ,,Du weißt doch, dass du dich so nicht fühlen musst. Unser Zuhause….“ ,,ist auch mein Zuhause“, vervollständigte ich den Satz, den sie mir jeden Tag gesagt hatten. ,,Ich weiß. Ihr seid meine Familie.“,lächelte ich und umarmte sie ein letztes Mal, bevor sie den Laden verließ.

War die Tür das nächste Mal erstmals aufgegangen ,schloss sie sich kaum noch. Ich hatte alle Hände voll zu tun und war froh als Mike seinen Kopf zur Tür reinstreckte. ,,Brauchst du Hilfe?“,grinste er und seine blonden Haare fielen ihm ins Gesicht. Mike war drei Jahre jünger als ich ,19jahre jung.  Er war süß ,aber nicht mein Typ. Ich hatte ihm das an dem Tag ,als ich ihn traf klargemacht und seitdem war er mein Bruder. Er legte ein beschützendes Auge auf mich und ich hatte immer ein offenes Ohr für ihn.

Gemeinsam schafften wir es den Mittagsstress zu überstehen. Und ab Nachmittag war nur noch wenig los. Um diese Zeit trafen sich vermehrt junge Leute in meinem Alter oder jünger hier. So auch Mike's Freunde.

Die fünf Jungs kamen laut quatschend in den Laden. Mit einem grinsen schlugen sie erst bei Mike ein und umarmten mich dann :,,Wollt ihr Tee,Kaffee ,Wasser oder einen Saft?“,fragte ich in die Runde. Nachdem ich ihre Bestellung aufgenommen hatte schlenderte ich hinter die Theke. Jake ,einer von Mike's Freunden mit dem ich mich besonders gut verstand kam an die Theke geschlendert, während Mike sich zu den anderen gesellte. ,,Hey Lilly ,hast du nach seiner Schicht schon etwas vor? Wir ,Also Mike die Anderen und ich wollen ins Cue gehen. Hast du Lust mitzukommen?“, hoffnungsvoll sah er mich an. Ich verdrehte die Augen etwas :,,Du meinst wohl: Hilfe, wenn du nicht mitkommst ,kommen wir niemals rein.“,äffte ich ein wenig.  Jake nickte nur und wollte schon zu einem neuen Satz ansätzen, als er plötzlich unterbrochen wurde.
Ein Mann in meinem Alter hatte sich geräuspert und sah Jake verärgert an. Dieser drehte sich unbeeindruckt wieder zu mir . Doch ich gab ihm ein Zeichen zu warten, da der Kunde ziemlich beeindruckend  wirkte. Also drehte ich mich mit einem bemühten Lächeln zu ihm hin:,, Entschuldigen Sie für die Unannehmlichkeiten, was kann ich ihnen bringen?.“ Interessiert musterte er mich. Was so ein Typ wohl arbeitete? Ob ich nun auch so rumlaufen würde, wenn ich bei meinem Studium und Zuhause geblieben wäre? ,,Einen Malaga Sunrise  bitte.“ Ich nickte und machte mich an die Arbeit. Dabei bemerkte ich ,wie mich der Typ bei jedem Schritt genau beobachtete ,so als ging es hier nicht um einen Tee, sondern um etwas anderes. Nachdem ich ihm den Becher hinstellte ,bedankte er sich und wollte zu einem Tisch gehen ,bis er sich eines anderen besinnte. ,, Bist du die Eigentümerin hier?“, überrascht über diese Frage und sein Du-zen  schüttelte ich den Kopf. ,,Nein ,aber der Laden ist sozusagen in der Familie.“ Ohne eine weitere Regung drehte er sich um.
Nachdem ich auch die letzten Gäste bedient hatte ,zog ich mir die Schütze über den Kopf. Erschöpft setzte ich das letzte Wasser für mich auf. Und warf einen Blick auf die Sesselreihen. Erschöpft musste ich feststellen, dass da noch immer der Typ im Anzug saß. Er war seit vier Stunden nicht von der Stelle gerückt. Seine Tasse unberührt vor ihm stehend. Ich nahm eine Tasse für mich heraus und beschloss ihn zu bitten, den Laden zu verlassen. Er blickte nicht auf ,nicht mal als ich meine Tasse auf den Tisch stellte. Schließlich räusperte ich mich. Erst da legte er die Zeitung beiseite. Ich deutete auf die Uhr:,, Ich möchte schließen. Bitte kommen Sie morgen wieder.“, bat ich höflich. Er checkte mich ab und setzte ein Sunnyboygrinsen auf :,, Ich weiß jetzt was alle in dir sehen. Viel mehr als das hier. Wir sehen uns.“,sagte er warf mir einen 50ziger hin und verschwand mit einem ,,Passt so.“ aus dem Laden.
Verwirrt blickte ich hin und her ,das Geld in der Hand. Der Tee hatte weniger als vier Euro gekostet.

TeetassendilemmaWhere stories live. Discover now