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Der Mond leuchtete zwischen einzelnen Wolkenfetzen hell am Himmel und tauchte den See, an dessen Ufer sie mit dem Bus geparkt hatten, in ein goldenes Licht. Wie flüssiges Feuer tanzten auf dem glatten See die Reflektionen der Mondstrahlen. Eine Gruppe von acht Männern saß neben dem tiefschwarzen Bus mit dem großen, weißen Logo. Der Schein einiger Kerzen warf flackernde Schatten in ihre Gesichter. Auf dem Tisch, um den sie saßen standen einige halbvolle und halbleere Flaschen verschiedener Getränke. Je nach Beliebtheit der entsprechenden Flüssigkeiten wurden sie entweder optimistisch oder pessimistisch gesehen. Sie unterhielten sich über den vergangen Tag, reflektierten ihre Shows und gruben Anekdoten aus, die dafür sorgten, dass die Geräusche der Nacht zwischendurch von lautem Lachen übertönt wurden. Saltatio Mortis nannten sie sich, Spielleute der Moderne. Der Mittelaltermarkt, auf dem sie heute gespielt hatten, wurde ebenfalls langsam ruhig. Doch die Gruppe wollte noch nicht schlafen. Viel mehr verlegten sie ihren Platz nach drinnen, wo die umherschwirrenden Schnaken keine Chance mehr hatten. Nur zwei der Acht blieben draußen. Sie hatten es sich unter einem Baum gemütlich gemacht, Alea, der Sänger der Band hatte wieder über Rückenschmerzen geklagt, also hatte Luzi beschlossen, seine berüchtigten Fähigkeiten im Massieren auszupacken. Letzterer kniete über den Leidenden und strich in gleichmäßigen, kräftigen Bewegungen über die Rückenmuskeln seines Kollegen. Dieser lag auf dem Bauch, das Gesicht in den verschränkten Armen vergraben. Gleichmäßig hob und senkte sich seine Brust wenn er atmete.

Sie redeten nicht miteinander, die Stille war angenehm ruhig. Ab und an fragte Luzi, ob ihm die Massage gefiel, doch jedes Mal erhielt er als Antwort: „Natürlich" Dabei wollte der Masseur mit ihm reden. Er liebte es die Stimme von Alea zu hören. Seine Finger fuhren über seine glatte, weiche Haut, erkundeten den schönen Körper. Zu schönen Körper. Das L hielt schließlich inne und rieb sich mit dem Handrücken über die Augen. Es kostete ihn eine extreme Selbstbeherrschung seinen Kollegen nur zu massieren. Wenn er nur wüsste... Was Luzi jahrelang vor ihm geheim gehalten hatte.
„Ist was?", fragte der Massierte als er die angenehmen Hände nicht mehr spürte.
"Nein, schon ok. Soll ich weiter machen?", antwortete Luzi leise, damit der Andere nicht hörte, wie gebrochen seine Stimme war, dadurch, dass er gerade wieder mit sich zu kämpfen hatte. Er atmete tief durch, es würde gleich wieder vergehen. Dieses Kribbeln im Bauch, wenn er Alea ansah, dieses jämmerliche Gefühl, ihn ständig ansehen zu müssen. Ihn nicht nur mit den Fingern berühren zu dürfen. Nach vier Jahren sollte er sich daran gewöhnt haben, doch es war immer schlimmer geworden. Inzwischen war er ein Meister darin geworden, seine wahren Gefühle versteckt zu halten. Auch wenn es ihm hier, im Dunkeln und vor dem entblößtem Oberkörper seines Angebeteten schwer fiel. Er würde das schaffen. So wie immer. Irgendwann musste es doch vorbeigehen.
„Gerne. Wenn es dir nichts ausmachst, dass ich dich vom Schlafen abhalte", erwiderte Alea unschuldig. Er hatte keine Ahnung. Keine der Andeutungen richtig verstanden, die das L in Momenten des großen Mutes von sich gegeben hatte.
„Nein", meinte dieser, wieder sehr ruhig. Innerlich befahl er seinen Körper nicht auf die Anwesenheit des anderen Mannes zu reagieren. Es würde alles noch schlimmer machen.

Vorsichtig begann er, seine Arbeit fortzuführen, doch seine Gedanken schweiften ab. Seine Finger wurden abgelenkt von den Geistern, die in seinem Kopf umher schwirrten. Die, die langsam über seine ordentlich aufgebaute Mauer krochen, die er damals errichtet hatte, um dieses Alea-Gefühl zu zähmen. Er realisierte nicht, dass seine Hände längst nicht mehr massierten, sondern fasziniert die Konturen der Rückenmuskeln nachfuhren, die sich leicht von der restlichen Haut abhoben. Erst, als ihn jemand ruckartig am Handgelenk packte, seine Hand festhielt und bestimmt verschloss, wurde er wieder in die Realität zurückkatapultiert.
„Woran denkst du?", fragte der Sänger und augenblicklich wurde Luzi rot. Insgeheim dankte er der Natur, dass es dunkel war und man es deshalb hoffentlich nicht sehen würde. Alea hatte sich umgedreht und lag nun auf dem Rücken. Mit einem Arm hatte er sich abgestützt, sodass er in eine aufrechtere Position gerückt war und seinen Freund ansehen konnte. In der anderen Hand hielt er immer noch das Handgelenk des Anderen. Langsam öffnete er die Faust und entließ Luzi wieder, der sofort ein Stück nach hinten rutschte, um ihn nicht zu sehr nah zu sein.
„Hast du Angst vor mir?", lachte Alea nervös und verwirrt. Er wusste nicht, was er von der Situation halten sollte.
„Nein", brachte sein Gesprächspartner hervor und sah ängstlich in seine Richtung. Hatte er was geahnt?
„Aber irgendetwas muss doch sein!" Mit Bedacht kam er näher gerutscht und verringerte damit wieder den Sicherheitsabstand von Luzi. Dieser drehte den Kopf, damit er ihn nicht ansehen musste.
„Jetzt erzähl schon", forderte er mit gedämpfter Stimme auf, „Du kannst mir alles erzählen" Er griff um den schmalen Oberkörper des Kleineren und umarmte ihn. Augenblicklich verspannte sich dieser. Wie sollte er ihm beibringen, dass genau das, was er gerade tat, das Problem war?
„Alles, aber nicht das", murmelte er also feige.
„Komm schon!", forderte Alea weiter, diesmal mit verführerischer Stimme und ganz nah am Ohr des Zuhörenden. Wahrscheinlich nur aus Spaß, doch dessen Körper schlug Alarm. Die Masse an Gefühlen die für einen Moment über ihm zusammenbrachen wie ein Tsunami, rissen an ihm, versuchten, ihn wegzuschwemmen.
„Lass mich los!", sagte er deshalb als er sich wieder gefangen hatte. Ernst schob er ihn wieder auf Sicherheitsabstand. Ein verletzter Ausdruck erschien in dem schönen Gesicht, das er so mochte. Die Reaktion mochte er nicht, doch er sah keinen anderen Ausweg aus der Situation. Aufgrund der harten Antwort fiel Aleas Entgegnung deshalb deutlich kühler aus.
„Gut, wenn du es nicht anders willst" Damit wollte er aufstehen und gehen, doch Luzi kratzte die letzten Reste seines Mutes zusammen und hielt ihn auf. Mit Schwung stand er ebenfalls auf und trat hinter den Sänger, legte ihm die beiden Arme über die Schultern. Was hatte er eigentlich zu verlieren? Er müsste die Band sowieso demnächst verlassen, wenn das Chaos in seinem Kopf nicht besser wurde.
„Hör zu", sagte er deshalb ermutigt. „Ich... ich kann..." Kaum hatte er den Mund wieder aufgemacht war der eben entstandene Ansporn wieder verschwunden.
„Was?", ließ Alea nicht locker.
„Ich mag dich", sagte er einfach und es war ihm so einfach gefallen, dass es ihn beinahe überraschte. Der Sänger war für einen Moment ruhig, dachte nach, doch schien kein Ergebnis zu finden. Eine Weile dachte er nach, dann drehte er sich aus Luzis Griff.
„Ich mag dich doch auch..." Entweder er schien es wirklich nicht zu verstehen oder er glaubte die angedeutete Wahrheit nicht. Zerknirscht sah das L weg.
„Du weißt nicht, was ich meine... Ich... magdichmehralsdieanderen" Den letzten Teil des Satzes sagte er so schnell, dass er für einen Moment hoffte, der Andere hätte es nicht verstanden. Doch dieser war augenblicklich erstarrt, als er realisierte. Unbewegt stand er vor seinem Kollegen. Dann jedoch besann er sich und drehte sich schnell um, um mit großen Schritten zurück zum Bus zu laufen. Er ließ einen entsetzen Luzi zurück, der sich entgeistert die Hände vor das Gesicht schlug. Was hatte er getan? Seine Beine gaben unter ihm nach, er fiel auf die Knie und schüttelte immer wieder den Kopf, um aufkommende Tränen zu beseitigen. Nur wegen so jemanden durfte er nicht weinen, wo war sein Verstand hin? Er musste vernünftig bleiben. Stark bleiben, so wie all die Jahre zuvor. Aber sein Unterbewusstsein wollte nicht mehr. Es wollte sich nicht mehr verstecken und das zu Ende bringen, was es begonnen hatte. Jemanden zu lieben, den er nicht lieben durfte.

"Lass es uns einfach probieren"Des histoires addictives. Découvrez maintenant