Kapitel 1 - Andrea

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„Nochmal, Davis", sagt Liam, während er sich bereits das nächste Stück Pizza in den Mund schiebt.

Ich fahre mir stöhnend übers Gesicht. „Isla Wright, neunundzwanzig. Tochter des verstorbenen Andrew Wright und der verstorbenen Hedy Wright. Enkelin von Edward Wright, Gründer und Vorstandsvorsitzender von Wright Holdings." Ich lehne mich tiefer in den Stuhl und starre auf das Foto vor mir. „Cousin und engster Vertrauter ist Benson Wright, achtundzwanzig. Sohn von Sloane Wright, Edwards Tochter, ebenfalls verstorben. Edwards einziges, noch lebendes Kind ist John Wright."

„Sehr schön", sagt Liam mit vollem Mund. „Und jetzt nochmal mit etwas mehr Gefühl." Katrina schnaubt leise neben mir und blättert weiter in den Unterlagen. Vor uns liegt ein Wald aus Akten, Ausdrucken und Fotografien über den gesamten Tisch verteilt. Edward vor dem Hauptsitz von Wright Holdings, Edward bei irgendeinem Empfang, Benson bei einem Vortrag über Cybersicherheit, John in einem dunklen Anzug beim Mittagessen. Und Isla. Überall Isla. Isla beim Verlassen eines Restaurants, Isla bei einer Ausstellung, Isla vor irgendeiner Pressewand, Isla mit Sonnenbrille, Isla ohne Sonnenbrille... Ich kann diese Fresse nicht mehr sehen.

„Direktorin für Brand and Cultural Partnerships", fahre ich seufzend fort. „London College of Fashion. Erst Fashion Public Relations and Communication, danach Master in Strategic Fashion Marketing. Zwei Jahre bei einer Agentur in London, seit 2015 bei Wright Holdings. Eigene Wohnung in South Beach, verbringt einen ungesunden Teil ihrer Freizeit in Pinecrest bei ihrer Familie. Keine Vorstrafen und keine bekannten Verbindungen zu den finanziellen Unregelmäßigkeiten, die wir untersuchen."

Katrina blättert eine Seite um. „Wir wissen, dass sie regelmäßig datet, selten länger als ein paar Wochen denselben Mann hat und bisher keine dokumentierte, längerfristige Beziehung hatte."

„Danke, Herrera", sage ich, während ich mir die Schläfen massiere.

Sie schenkt mir ein zuckersüßes Lächeln. „Immer gern."

Ich lasse den Kopf gegen die Rückenlehne sinken. Seit ungefähr einem Jahr besteht mein Leben aus Wright Holdings. Korrigiere - es besteht aus Isla Wright. Was ursprünglich mit einer ziemlich klassischen Finanzermittlung angefangen hat, ist inzwischen ein Geflecht aus Gesellschaften, Beteiligungen, Immobilien und internationalen Zahlungsströmen geworden. Und einer Familie, die immer genau dort aufhört, wo unsere Beweise anfangen müssten. Und weil Papier, Konten und Durchsuchungen uns nicht weiterbringen, bin ich von North Carolina nach Miami versetzt worden und meine Vita wurde kurzerhand vom Special Agent zum selbstständigen Architekten umgeschrieben.

„Also", Liam wischt sich die Finger an einer Serviette ab, „Isla Wright."

Ich schließe seufzend die Augen. „Isla Wright, neunundzwanzig-" Die Tür geht auf und SSA Teller kommt, mit einem dünnen Umschlag in der Hand, in den Raum.

„Fields, Herrera." Er nickt Liam und Katrina zu, dann bleibt sein Blick an mir hängen. „Davis." Er kommt näher an den Tisch und der Umschlag landet vor meiner Nase. „Nächsten Freitag veranstalten die Wrights eine Charity-Gala zugunsten des Krankenhauses." Ich ziehe den Umschlag zu mir und hole eine schwere, geprägte Einladungskarte heraus. „Freitag geht es los, Davis." Ich drehe die Karte einmal zwischen den Fingern und schiebe sie schließlich zurück in den Umschlag. Monatelang war diese Operation lediglich Theorie. Briefings, Vorbereitungen, Observation, meine neue Wohnung, mein neues Büro, mein neues Leben. Und in wenigen Tagen wird aus dieser Theorie meine neue Realität.

„Soll ich mit ihr in direkten Kontakt treten?"

Teller schüttelt den Kopf. „Noch nicht. Erst einmal beobachten Sie sie aus nächster Nähe. Ich will wissen mit wem sie spricht, wer zu ihr kommt und wie sie sich bewegt, wenn sie nicht für eine Kamera posiert." Ich nicke langsam. „Aber machen Sie auf sich aufmerksam. Sie soll Sie bemerken."

„Verstanden."

Teller wendet sich Katrina zu. „Herrera, Sie begleiten Davis."

Sie richtet sich etwas auf. „Würde das nicht eher das Gegenteil bewirken, Sir?" fragt sie. „Wenn Davis dort in weiblicher Begleitung auftaucht, meine ich. Wir wollen doch, dass Wright Interesse an ihm entwickelt."

„Isla Wright jagt gern", sage ich trocken und betrachte eines der unzähligen Fotos der Blondine.

„Dann ist das ja geklärt", sagt Teller. Dann verlässt er den Raum auch genauso schnell, wie er ihn betreten hat.

„Es geht also wirklich los." Liam lehnt sich mit verschränkten Armen in seinem Stuhl zurück.

„Sieht so aus", murmele ich nur. Ich lasse den Blick nochmal über die Bilder vor mir wandern. Die langen, honigblonden Haare. Dieser kühle Blick und dieses eisige Blau mit der braunen Heterochromie im linken Auge. Ich kenne dieses Gesicht mittlerweile in- und auswendig. Jede öffentlich verfügbare Version davon. Noch sechs Tage, dann wird aus dieser Akte ein echter Mensch für mich.

***

Morgen Abend ist es so weit und ich betrete zum ersten Mal als Andrea Davis, Architekt in Miami, die Welt von Isla Wright. Liam hat entspannt die Füße auf meinem Couchtisch geparkt und im Hintergrund läuft ein Spiel der Dolphins, während ich noch einmal alle Unterlagen durchgehe. Sicher ist sicher. „Und, bist du schon aufgeregt?", fragt Liam, während er sich eine Ladung Chips in den Mund schaufelt.

Ich sehe von den Unterlagen auf. „Weswegen?"

„Na, wegen Isla."

Ich schnaube nur. „Nicht im Geringsten."

„Irgendwie beneide ich dich ja", sagt er schließlich und zieht mit dem Fuß eines der Fotos näher zu sich. „Isla Wright ist verdammt heiß." Ich werfe nur einen flüchtigen Blick auf das Bild in seiner Hand. Irgendeines der unzähligen Bilder von ihr am Strand, in einem sehr knappen Bikini, der kaum etwas der Fantasie überlässt. Vielleicht kann ich sie nach fast einem Jahr einfach nicht mehr neutral betrachten, aber bei diesen Bildern regt sich absolut gar nichts bei mir. Klar, sie ist attraktiv, aber Isla Wright ist eine verwöhnte junge Frau, deren Leben aus Partys, Männern, Wohltätigkeitsveranstaltungen und Reisen besteht. Und einem Nachnamen, der ihr jegliche Tür öffnet, bevor sie überhaupt davor steht. Sie ist definitiv nicht mein Fall. Zu laut, zu präsent, zu gewollt und zu sehr daran gewöhnt, dass ihr alles in den Schoß fällt. John Wright hat sie jahrelang buchstäblich in allem trainiert, was einen erwachsenen Mann zu Boden bringen kann. Krav Maga, Jiu-Jitsu, Boxen, Schießen... Eine weiße Amerikanerin ist im Durchschnitt ein Meter einundsechzig groß und selbst hier sprengt Isla mit ihren ein Meter vierundsiebzig den Rahmen. Dazu die kräftige, muskulöse Figur. Breite Schultern, definierte Arme und Beine - sie ist ein verdammtes Biest. Ihr Körper besteht gefühlt zu neunzig Prozent aus Muskelmasse, die restlichen zehn Prozent sind vermutlich Arroganz. „Sie könnte mir liebend gerne das Gesicht mit ihrem Arsch zerquetschen", sagt Liam verträumt.

Ich reiße ihm stöhnend das Foto aus der Hand und lege es zurück auf den Tisch. „Und genau deswegen wollte dich keiner für diesen Job."

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