Meine Hände zitterten, als ich den Schlüssel in das Schloss der dritten Schublade von unten steckte. Metall kratzte an Holz. Ein schrilles, hässliches Geräusch, das mir jedes mal durch Mark und Bein ging. Nicht weil es laut war. Sondern, weil es mich daran erinnerte, was ich tat.
Die Schublade klemmte. Wie immer. Ich musste dagegen hauen, damit sie aufging. Dahinter lag eine alte Schachtel, der Deckel mit Klebeband geflickt. Drinnen: Packungen und Plastiktüten. Ich griff nach der Packung mit der stärksten Dosierung, zog eine Hand voll raus und packte sie in ein Tütchen. Dies ist das letzte mal, schwor ich mir. Auch wenn es ungefähr das zehnte Mal war, dass ich mir das diesen Monat schwor. Aber irgendwie half es nichts. Das Geld reichte nie. Und seit seit ich damals, viel zu jung, diese großen Mengen an Drogen im alten Arbeitszimmer meines Vaters sah, war ich in ein schwarzes Loch gefallen. Damals war ich noch zu klein, um zu verstehen was es bedeutete. Heute wusste ich es. Und heute kam ich nicht mehr raus.
Als ich auf die Uhr schaute, zeigte diese 21:54. Scheiße, ich konnte nicht schon wieder zu spät kommen. Ich schnappte mir meine Jacke vom Stuhl. Der Stoff roch nach Rauch und Regen. Draußen rannte ich los. Meine Stiefel klatschten auf dem nassen Asphalt. Der alte Friedhof lag am Rande der Stadt. Die Bäume warfen Schatten wie Finger über die Grabsteine. Am letzten Grab, direkt vor den Bäumen, stand Howard. Ich durfte das jetzt nicht vermasseln. 21:58. Pünktlich. Nur knapp, aber pünktlich. Das reichte, um nicht eine weitere Drohung von ihm zu bekommen. Hoffentlich.
Mit wackeligem Beinen und einem Lächeln das nicht hätte faker sein könnte, lief ich zu ihm rüber. "Wenigstens einmal pünktlich" schnauzte er mich, noch bevor ich bei ihm ankam, an. Toll, das fing ja gut an. Ich wollte drauf eingehen und sagen, dass ich erst zweimal zu spät war, aber ich brachte es nicht übers Herz. Ich drängte mich an ihm vorbei, zog das Tütchen aus der Jackentasche und drückte es ihm schnell in die Hand. Im Gegenzug bekam ich einen Stapel Geld. Scheine, zerknittert nach Zigaretten riechend. Ohne zu zählen, steckte ich sie ein. Als ich mich schon umdrehen wollte um schnell wieder zu verschwinden, hörte ich, wie er noch ein ironisch gemurmeltes "Wenn du hier herum rennst wie ein aufgescheuchtes Huhn, bist du sicherlich ziemlich unauffällig" von sich gab. Ich ignorierte ihn, obwohl ich wusste, dass er Recht hatte. Das war jetzt so etwa das hundertste mal das ich das hier Durchzog. Irgendwann müsste mein Körper sich auch mal an den Nervositätskitzel gewöhnen. Tat er aber nicht.
Als ich Zuhause ankam, zog ich mir die verschwitzten Klamotten vom Leib. Das Geld packte ich in die zweite abschließbare Schublade von meinem Regal und warf mich auf mein Bett. Doch in den letzten zwei Monaten hatte ich das Gefühl überall beobachtet zu werden. Wahrscheinlich war ist es wirklich nur wegen dem Druck, redete ich mir ein. Ich hatte ja versucht mit meiner Mutter darüber zu reden, aber seit mein Stiefvater im September gestorben ist, war sie einfach nicht mehr wie vorher. Und immer wenn ich versuchte ihr davon zu erzählen, viel mir ein, wie sie mir einredete, ich dürfte auf keinen Fall Scheiße bauen, da sie schon genug um die Ohren hatte. In dem Moment hörte ich ein Schlüssel, dann ein knarzen der Tür, meine Mutter. Schnell zog ich mir frische Klamotten an, wischte mir mein verschmiertes Make-up ab und ging nach unten. Doch statt einem Hallo bekam ich nur ein "Es ist schon fast halb eins und morgen ist Schule. Warum bist du noch nicht im Bett?". Ihre Stimme klang müde. Nicht wütend. Nur leer. Ich gab nur ein trockenes "Gute Nacht" zurück und ging wieder hoch.
Als ich in meinem Bett lag, starrte ich an die Decke. Ich stellte mir vor wie es wäre wenn mein Stiefvater noch leben würde. Obwohl ich meinen echten Vater nie kennengelernt habe, waren wir zu dritt immer eine glückliche Familie gewesen. Lachend am Esstisch. Filme am Sonntag. Bis er mit Drogen anfing. Da wisst ihr jetzt auch, woher ich das ganze habe. Und warum ich, egal wie oft ich mir es schwöre, nie wieder aufhören kann.
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The split between us
ActionZwei Mädchen, die sich nie begegnen sollten. Eine lebt in der angeblich perfekten Welt aus guten Noten, sauberen Freundschaften und einer Zukunft, die längst geplant ist. Die andere im Chaos zwischen kaputten Versprechen, unbezahlten Rechnungen und...
