„Was genau muss ich noch einmal besorgen?“, fragte Namjoon gelassen, während er mit seinem Dietrich geschickt ein Schloss bearbeitete.
„Eine Akte“, antwortete sein Bruder – der über ihm stand – knapp. Seine dunklen Augen schauten auf den Mann vor sich runter. Ohne Stress kniete er dort und bewegte den Hals des Dietrichs hoch und runter.
Locker, ruhig, als wäre das normal und sie nicht ein Gebäude ihrer Rivalen.
Klick. Die Tür sprang einen Spalt weit auf. Namjoon grinste zufrieden, ehe er sich zu seiner vollen Größe wieder aufrichtete.
Als sich sein Bruder nicht bewegte, schaute er über seine stämmigen Schultern zu ihm. Er schien keine Anstalten zu machen, einzutreten.
Namjoon hob eine Augenbraue. „Was ist? Hol deine Akten.“
Sein Bruder schnaubte amüsiert. „Ach Brüderchen, ich lasse dir den Vortritt. Einer von uns muss schließlich Wache halten”. Nicken hielt er Namjoon die Tür auf und machte eine einladende Geste.
„Tsk. Na gut, wenn du das nicht schaffst, mach ich es eben“, meinte der blonde Riese, schüttelte den Kopf und betrat sogleich das Büro. Sein Bruder schloss die Tür hinter ihm.
Das Lächeln auf seinen Lippen kräuselte sich an den Ecken. Aus der doch so freundlichen Miene formte sich ein wahres Gesicht. Sein Hass würde endlich aus der Welt geschafft werden.
Und niemand würde ihn verdächtigen.
Namjoon ahnte von diesem Schicksal noch nichts. Im Büro war es genauso ruhig wie monoton gestaltet. Die Wände wurden von großen Regalen sowie Schränken verdeckt – alle vollgestellt mit Ordnern.
Sein Bruder hatte nur gesagt, er solle nach einem grün-weißen Umschlag suchen.
Systematisch wühlte sich der Blondhaarige also durch die vielen Papiere, bis er den gesuchten Umschlag im letzten Schub des rechten Regales fand. Flink schlug er ihn auf und ließ seine Augen über das Schreiben fallen.
Eine Geburtsurkunde.
Als Namjoon las, was dort stand, wurden seine Augen groß. Dort stand:
Kim Namshin
Datum: 23. 02. 1992
Uhrzeit: 03:00 Uhr
Es war die Geburtsurkunde seines Bruders.
„Was–”, fing er an, als es plötzlich hinter ihm klickte. Er kannte dieses Geräusch. Das Laden einer Pistole. Sogleich spürte er das harte Metall an seinem Hinterkopf.
Er legte die Akte weg, hob langsam die Arme, Hände dabei offen. Dann drehte er sich um. Er sah schon das selbstsichere Grinsen seines Bruders vor sich. Innerlich ärgerte er sich, auf so etwas Dummes reingefallen zu sein.
Doch zu seiner Überraschung sah er nicht wie erwartet in die dunklen Augen, sondern in braune. Und das war auch nicht sein Bruder. Die Person, die ihm die Pistole an den Kopf hielt, hatte er noch nie gesehen.
Schwarze Haare, schöne Lippen, helle Haut.
„Wer bist du denn?”, rutschte es ihm, ohne nachzudenken, heraus.
Der Mann gab ihm ein höfliches Grinsen, ehe er sich vorstellte.
„Du kannst mich gerne Todesengel nennen, denn ich bin hier, um dich ins Jenseits zu befördern.“
Namjoon schaute flüchtig zu der Tür, dann wieder auf “Todesengel”. Wenn er schnell genug war – womöglich mit einer kleinen List –, könnte er ihn entwaffnen und –
„Denk gar nicht daran“, unterbrach der Schwarzhaarige seine Gedanken. Er drückte die Pistole direkt unter seinen Kiefer. Das kühle Metall ließ einen Schauer über Namjoons Rücken fahren.
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Todesengel
FanfictionEin Mafia-Sohn, ein Killer, zusammen in einem Raum. Der eine hat den Auftrag, Akten zu stehlen, der andere, eine jahrelange Konkurrenz auszuschalten. Doch was als einfacher Auftrag anfängt, entwickelt sich schnell zu einem Spiel, bei dem eine Frage...
