Die 1. Beichte

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Der Regen hatte nicht aufgehört, seit der Nachmittag verging. Wasser rann über die bunten Glasfenster, brach das Licht der Straßenlaternen in farbigen Schlieren.

Lena blieb unter dem steinernen Torbogen stehen, der Atem dampfte vor ihrem Gesicht. Sie war sich nicht sicher, warum sie hier war – vielleicht, weil es der einzige Ort war, der noch offenstand, wenn alles andere geschlossen hatte.

Innen war die Kirche kalt, der Boden glänzte feucht. Nur ein paar Kerzen brannten; sie warfen unstete Schatten auf vergoldete Heiligengestalten, die im Flackern beinahe lebendig wirkten.

Lena ging langsam den Mittelgang entlang. Jeder Schritt hallte zurück.

Das alte Holz des Beichtstuhls wirkte, als hätte es Jahrhunderte überdauert – dunkle Maserung, ein schmaler Vorhang, dahinter Dunkelheit.

Sie atmete ein, dann schob sie den Vorhang zur Seite. Der Raum war enger, als sie erwartet hatte; sie konnte das leise Knarren des Holzes auf der anderen Seite hören.

„Im Namen des Vaters, des Sohnes ...", begann eine Stimme, ruhig, tief.

„Was bedrückt dich, mein Kind?"

Das mein Kind ließ sie lächeln. Fast.

„Ich weiß nicht, ob ich hier richtig bin."

„Dann erzählen mir, warum du das glaubst."

Sie lehnte sich leicht vor, die Stirn fast gegen das Holz. „Ich hab nichts getan, wofür man mich einsperren müsste."

„Und doch bist du hier."

„Weil ich das Gefühl hab, dass ich... Menschen manipuliere. Ich sag, was sie hören wollen. Es funktioniert, und danach fühl ich mich leer."

Auf der anderen Seite lauschte Elias.

Die Stimme war jung, kühl, aber brüchig an den Rändern – wie jemand, der zu oft lacht, um nichts fühlen zu müssen.

Er wusste nicht, warum er sofort aufmerksamer war als sonst. Vielleicht, weil sie keine Formeln kannte, keine Reue spielte.

„Und warum tust du das?" fragte er.

„Weil's funktioniert."

„Und was bekommst du dadurch?"

„Aufmerksamkeit. Kontrolle. Für fünf Minuten das Gefühl, jemand zu sein, der ... zählt."

Ihre Ehrlichkeit traf ihn unerwartet.

Er hatte Beichten gehört, die schlimmer klangen, doch kaum eine, die so echt wirkte.

„Scham ist kein Feind", sagte er nach einer Weile. „Sie erinnert uns daran, dass wir noch fühlen."

„Das klingt nicht nach einem Priester."

„Vielleicht bete ich anders."

Elias bemerkte, wie seine Stimme tiefer wurde, wärmer, als wollte er sie trösten – oder prüfen.

Er dachte an die Regeln, an Distanz, an seine Vergangenheit und was er verloren hatte. Aber die Dunkelheit zwischen ihnen machte es leicht, Grenzen zu vergessen.

Lena lächelte, ein kurzes Aufblitzen. Sie wusste nicht warum, doch etwas in seiner Stimme zog sie magisch an.

„Wenn ich wiederkomme...hören Sie dann weiter zu?"

„Dafür bin ich da, mein Kind"

Sie erhob sich. Das Rascheln ihres Mantels, das leise Klicken der Absätze auf Stein.

Als der Vorhang hinter ihr zufiel, blieb der Duft ihres Parfums in der Luft – süß, fremd, viel zu weltlich für diesen Ort.

Elias saß noch da, die Hände gefaltet, den Blick auf das Kreuz an der Wand gerichtet.

Er hätte beten sollen. Stattdessen hörte er in der Stille noch einmal ihre Stimme.

Draußen brauste der Wind, und irgendwo tropfte Regen in ein leeres Becken.

Er wusste, sie würde zurückkehren.

Und er wusste, dass er es wollte.

Die BeichteStories to obsess over. Discover now