„Ein paar Jungs kommen zu uns rüber Wahrheit oder Pflicht spielen. Nachdem wir schon mal die vermodertsten Zimmer bekommen haben, sollten wir noch etwas draus machen." Meli, die ebenfalls zu mir und Dalia ins Zimmer wollte, schmeißt ihr Handy aufs Bett und beginnt in ihrer Tasche herumzuwühlen. Vermutlich ist sie auf der Suche nach einem süßen Outfit, mit dem sie dann wohl die Jungs beeindrucken kann.
„Jippi, dann leg ich schon mal meinen KissyGloss auf.", schreit Dalia fröhlich und rennt ins Bad um 5 Minuten später mit 20 Lipgloss wieder aufzutauchen.
„Wofür?", frage ich skeptisch. Ich konnte Lipgloss noch nie leiden.
„Zum Küssen natürlich.", sagt sie und sieht mich an als wäre ich dumm. Dabei lässt ihr Lipgloss auf das Bett vor sich fallen. Ich bezweifle, dass Jungs das glibberige, künstliche Zeug auf den Lippen gut finden aber wenn sie meint. Viel wichtiger ist jetzt aber, dass Daria praktisch zugegeben hat, dass sie heute einen der Jungs vom Fußballteam küssen will. Dieses Fakt lässt sogar Meli von ihrem Koffer aufsehen.
„Und wen wirst du küssen, liebe Daria?", fragt Meli sie grinsend während Dalia ihre Glosse nach Farbe sortiert. Ich richte mich weiter auf um sie besser verstehen zu können.
„Mir egal. Aber mir wäre es lieber wenn es Scott wäre." Meli und ich quieken sofort und fangen an zu lachen. Scott ist wohl der tollpatschigste und lustigste Junge den ich je in meinem Leben kennengelernt habe und Dalia steht auf ihn?
„Was? Scott Lindenberg? Er ist schon ein wenig dumm.", sage ich dann und denke zurück an die Tage als ich noch bei Randy und den Jungs am Tisch gesessen bin und ihre Gespräche mitgehört habe.
Dalia stoppt in ihrem Tun und sieht zu mir rüber als würde sie sich gleich wie eine Raubkatze auf mich stürzen.
„Na und? Ich bin auch dumm. Also würden wir super zusammenpassen.", sagt sie, mich herausfordernd. Ich nicke langsam. Da hat sie vollkommen Recht.
„Heißt es nicht Gegensätze ziehen sich an?", frage ich aber weil mir ein altes Sprichwort wieder einfällt.
„Weiß ich nicht. Ich bin dumm, schon vergessen."
„Hör auf dich als dumm zu bezeichnen. Wenn du es wirklich wärst, dann hättest du es in der Schule nicht so weit geschafft." Dalia ist manchmal ziemlich blond aber in der Schule schafft sie es immer unter den Besten zu sein. Ich weiß nicht wie sie das anstellt aber vielleicht hat sie ein Superhirngen von ihrem Superhirnvater geerbt.
„Na dann, bin ich eben nur außerhalb der Schule so.", verteidigt sie sich und stemmt lächelnd ihre Hände in die Hüften. Da hab ich nichts mehr auszusetzen und kichere. So langsam denke ich, dass Scott und Dalia wirklich gut zusammenpassen würden. Stellt sich nur noch die Frage ob er sie auch will.
„Manchmal frage ich mich echt, warum ihr immer so dämliche Gespräche führt. Spannend zuzuhören...", sagt Meli, die sich unsichtbare Popcorn in ihren Mund wirft. Ich frage mich manchmal das Gleiche, aber für mich ist es inzwischen ganz normal geworden. Dalia und ich fangen an zu lachen und schließlich lasse ich sie mit ihren Lipgloss alleine und widme mich lieber meinem Block, auf den ich meiner Kreativität freien Lauf lasse. Wenn man es Kreativität nennen kann, dass der Hundekopf viel größer ist als der Körper und die Zähne aussehen wie von einem Monster. Ich werde von meiner schrecklichen Zeichnung von dem Piepen meines Handys abgelenkt und sehe gespannt darauf um festzustellen, dass die Nachricht von Jasper ist. Sofort stiehlt sich ein Lächeln auf mein Gesicht.
Jasper: Wenn ich könnte würde ich wie Superman zu dir fliegen und dich vor dem bösen Unwetter beschützen... ;)
Mein Herzschlag setzt kurz aus. Meines Wissens nach, spricht Jasper kein Deutsch und hat auch keine deutschen Verwandten, deshalb dürfte er auch nicht verstanden haben, was ich ihm wenige Stunden zuvor bekifft gesagt habe. Ich spüre wie sich meine Wangen peinlich berührt rosa färben und denke angestrengt nach ob ich mich doch zum Affen gemacht habe.
Ehm, ich hab keine Angst davor... schreibe ich zurück und leugne es einfach.
Jasper: Und ich hab Google Übersetzer...
„Oh nein!", entfährt es mir. Ich bin so dumm. Wie konnte ich nur nicht daran denken, dass jeder normale Mensch im Internet einen Übersetzer findet? Ich lasse stöhnend meinen Kopf zurück in mein Kissen fallen und schließe die Augen. Das mit Superman und so ist ja ganz süß aber ich finde es trotzdem peinlich. Ich beschließe kurzerhand ihm nicht mehr zurück zu schreiben und da weiter zu machen, wo ich aufgehört habe.
***
Genau wie versprochen, klopft es um 23 Uhr an unsere Zimmertür. Auf die zwei Klopfer folgt danach noch ein ganzer Haufen rhythmischer Klopfer, die mich an ein Lied erinnern. Anstatt endlich einzutreten, finden die Jungs es anscheinend witziger, Musik an unserer Tür zu machen und vielleicht noch andere Hotelgäste aufzuwecken. Ich lege etwas irritiert meinen Block mit dem Stift zur Seite, an dem ich meinen Gedanken freien Lauf gelassen habe. Meine Zimmergenossen haben sich vor fünf Minuten im Bad verzogen um ihrem Aussehen noch den letzten Schliff zu verleihen, der überhaupt nicht nötig ist. Sie sehen ohne ihr Make-up bereits aus als würden sie einem Modelkatalog entsprungen sein. Ich raffe mein Sommerkleid zurecht und gehe zur Tür um den Idioten, wie ich sie ab jetzt nennen werde, in unser Zimmer zu lassen, nur um fast von drei Fäusten erschlagen zu werden.
„Huch.", sage ich erschrocken und weiche den Händen aus. „Ups." „Sorry."
Erin und Scott sehen mich entschuldigend an und Kilian und Berti haben nichts Besseres zu tun als mich auszulachen. Der Einzige, der mich keines einzigen Blickes würdigt, sondern nur auf seine Füße starrt, als wäre es ihm unangenehm mir zu begegnen, ist überraschenderweise Randy. Ich lege kurz meinen Kopf schief um ihn zu betrachten, doch werde von Erin ins Zimmer geschoben. Sie schlängeln sich alle an mir vorbei. „Oh, kommt doch rein. Schön euch zu sehen.", sage ich enthusiastisch und drehe mich wieder zur Tür. Sie haben einfach keine Geduld. Randy steht noch im Gang und hebt jetzt auch seinen Kopf um mir direkt in die Augen zu sehen. Er sieht ein wenig reuig aus. Nur regt es in mir keine Gefühle und ich bitte ihn einfach nur höflich herein.
„Komm doch rein, Randy." Ich musste ihn besänftigt stimmen bevor Ramona und mir in die Falle gehen würde. Und diese wird zuschnappen ohne Erbarmen.
***
„Okay. Wahrheit oder Pflicht, Kilian?" Endlich sind alle eingetrudelt und wir sitzen kreuz und quer im Zimmer herum. Um uns ein bisschen zu bespaßen, haben wir beschlossen Wahrheit oder Pflicht zu spielen. Im Hintergrund läuft leise Musik und einige haben etwas Alkohol mitgebracht. Viel dürfen wir jedoch nicht trinken, sonst können wir das Spiel morgen vergessen und der Coach der Jungs häutet jeden einzelnen von ihnen lebendig. Das ist eine Vorstellung, die wir niemals wahr machen wollen. Nie. Kilian, der von Carolin ausgewählt wurde denkt kurz nach und scheint wohl noch mehr peinlichen Momenten ausweichen zu wollen.
„Ich denke ich nehme Wahrheit." Schlimm genug, dass er der Tratsch der ganzen Schule sein wird, zusammen mit Randy und Berti aber ich glaube, dass er jetzt keinen Fehler mehr machen wird. Carolin spitzt ihre Lippen und verdreht genervt die Augen, wie einige andere in unserer Gruppe. Ich kann sogar ein paar Buh- Rufe wahrnehmen.
„Ach komm schon. Jeder hat bisher Wahrheit genommen. Wir machen es lustiger. Jeder der in Zukunft Wahrheit nimmt, muss zwei Shots trinken.", schlägt Carolin vor woraufhin Tom und Erin jodeln. Ich wusste, dass es keine gute Idee werden wird die Jungs zu uns einzuladen, da sie nur Blödsinn im Kopf haben und zu laut sind. Dann werden sich die Hotelnachbarn bei uns beschweren und die Jungs so tun, als wären sie nie in unserem Zimmer gewesen.
„Da bin ich sowas von dabei.", sagt Kilian grinsend und greift über Randy um an ein Shotglas zu gelangen. Dabei verliert er jedoch das Gleichgewicht und schafft es irgendwie auf Nicole zu rollen, die ihn quiekend von sich wegzuschieben versucht. Kilian lacht sich dabei selbst aus und denkt gar nicht daran von ihr runterzugehen. Gelächter breitet sich im ganzen Zimmer aus und ich greife schmunzelnd einen seiner Stinkefüße und ziehe ihn in die Mitte des halbwegs, geformten Kreises weg von Nicole, die sich die unsichtbaren Fussel abstreift.
„Es sind Jungs. Die schlagen Alkohol nie aus."
„Menno.", schmollt Carolin. Da ging ihr Plan wohl nicht so ganz auf. Aber Kilian, der wohl nicht mehr vorhat aufzustehen, überrascht sie.
„Na gut. Ich nehme Pflicht.", sagt er. Das freut sie umso mehr und ehrlich gesagt mich auch.
„Ok. Bei den Hotelnachbarn klingeln."
„Das schaff ich locker." Ich kann es nicht lassen auf seine Bauchmuskeln zu starren. Blödes T-Shirt, warum muss es auch nach oben rutschen und- okay stopp. Ich blinzle und sehe einfach wieder in die Runde.
„Das war noch nicht alles. Du wirst dir dabei diesen Bademantel anziehen." Carolin hat ein teuflisches Grinsen im Gesicht und das verheißt meistens nichts Gutes. Sie zeigt auf den rosa Bademantel von Meli, der an der Wand hängt.
„Wow, jetzt hab ich aber Angst."
„Warte, warte und darunter wirst du nichts tragen."
„Klasse Idee.", schreit Tom und gibt ihr ein High Five woraufhin er einen Schlag in den Magen von Kilian bekommt.
Als alle anderen damit beschäftigt sind, Kilian zuzusehen wie er sich zum Affen macht, stecke ich den Brief heimlich Randy zu. Ich gebe ihm ein kleines, süßes Lächeln, entschuldigend dafür, dass ich ihm bei seinem letzten Besuch die Tür vor der Nase zugeschlagen habe. Für ihn muss es so aussehen als würde ich noch immer in ihn verschossen sein und ihn zurück haben wollen. Dann renne ich den anderen nach um den Spaß nicht zu verpassen.
3 Stunden zuvor
Lieber Randy
Ich habe versucht ohne dich zu leben. Du warst mein Atem, du warst mein Wasser, du warst mein Ein und Alles. Du hast meine Hände gehalten und mir gesagt, dass solange wir zusammen sind, deine Welt in Ordnung wäre. Dabei hast du mich angesehen als wäre ich der einzige Mensch, der in deinem Herzen wohnt. Erinnerst du dich an das Gefühl der Liebe, die zwischen uns entfacht ist? Oder war es für dich nur ein Zeitvertreib?
Ich kann nicht länger ohne dich. Du bist einfach so aus meinem Leben verschwunden. Du brauchst mich nicht mehr und jetzt ergibt mein Leben keinen Sinn mehr.
Bitte triff mich noch ein letztes Mal auf dem Dach des Kinos in der Klagenstraße morgen um 22:00 Uhr. Das bist du mir schuldig.
In Liebe dein Binchen
Beim Verfassen dieses Briefchens zittern meine Hände bereits vor Aufregung. Einige Sachen entsprechen durchaus der Wahrheit und am liebsten hätte ich sie gar nicht aufgeschrieben aber nur dadurch, weiß Randy, dass ich es ernst meine. Ich weiß, dass ihn seine Schuldgefühle direkt zu mir führen werden. Dass mit dem 'ohne dich kann ich nicht mehr leben'-Scheiß ist allerdings erstunken und erlogen, denn mein Herz hat längst begonnen mit ihm abzuschließen und es tut gar nicht mehr.
„Lass mich mal lesen.", sagt Ramona und entzieht mir den Zettel mit groben Fingern. Sie ist ziemlich ungeduldig und tippt schon die ganze Zeit mit ihren künstlichen Fingernägeln auf der Tischplatte herum, was mich wahnsinnig macht. Es ist schön und gut, dass sie mir helfen möchte aber im Grunde ist sie mir jetzt gerade keine große Hilfe. Einen Brief zu verfassen ist keine ihrer Stärken.
„Wow, was ist das denn für ein romantischer Quatsch? So hast du ihn rumgekriegt?" Ramona runzelt ihre Stirn, die nahezu keine Falten wirft. Manchmal frage ich mich ob ihre makellose Haut einfach nur das Werk ihrer Gene oder von ihrer Pflege war. Irgendwo habe ich gelesen, dass der Charakter im Laufe der Jahre deine Schönheit formt. Wenn das stimmt, wird Ramona bald eine bucklige Nase und eine Monobraue wachsen.
„Der einzige Mensch, der in deinem Herzen wohnt? In seinem Herz wohnt nur ein Ding und das ist definitiv kein Mädchen. Da wohnt ein Dämon, das sag ich dir." Sie scheint ganz entzückt von meinem Brief zu sein- nicht. Alles was sie zu meinem Brief zu sagen hat ist sarkastisch und gemein. Ramona kann es einfach nicht lassen mir das Leben zur Hölle zu machen obwohl wir gerade auf derselben Seite kämpfen. Aber da fällt mir ein, dass sie es vielleicht gar nicht merkt wenn sie andere Leute down macht und sie einfach von Natur aus eine miese Schlange ist. So etwas soll es geben. Gut, dass ich ein Regenbogeneinhorn bin.
Während sie sich den Brief leise murmelnd weiter durchliest, klopfe ich angespannt auf meine Beine um die Wartezeit erträglicher zu machen.
„Hast du's dann? Oder willst du noch etwas dazuschreiben? Vielleicht willst du auch etwas ändern, da es dir ja nicht zu gefallen scheint.", gebe ich dann doch genervt von mir und sie blickt vom Brief auf und sieht mir direkt in die Augen. Das ist ein ziemlich intensiver Blick und ich weiche ihr aus. Das mit dem in die Augen sehen, konnte ich noch nie gut.
„Bine... Eigentlich denke ich, dass es schon reichen wird. Der ist so dumm, dass er sowieso auftaucht.", sagt sie lächelnd und flippt ihre Haare nach hinten. Mir geht fast das Herz auf vor Freude darüber, dass der Brief ihr doch gefällt.
„Das heißt, dass du gerade etwas Nettes gesagt hast?", frage ich lächelnd und wackle mit den Augenbrauen worauf ich nur ein Augenrollen erhalte.
„Bild dir bloß nichts drauf ein, Bine."
***
Mich würd es richtig freuen, wenn ich mehr Votes bekommen würde. Das letzte Kapitel scheint nur 4 Leuten von 62 Lesern gefallen zu haben. Irgendwie demotivierend. Lasst mir doch Kommentare da ob es euch gefällt oder nicht und so... ;)