Kapitel 1

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Seicht. So seicht und doch so giftig.
Langsam fiel die schwarze,
unterarmlange Feder zu Boden. Sie
glitt durch die Luft um am Ende den Boden zu liebkosen.
Die Welt fing an sich um mich herum zu drehen.
Mir wurde schlecht.
All die stumpfen Geräusche wurden zu einem dumpfen weit entfernten Hall. Ich versuchte die Tischkante zu ergreifen um nicht vom Stuhl zu kippen. Habe ich sie ergriffen?
Ich weiß nicht.
Ich lag auf dem Boden, der schmutzige und sandige Untergrund drückte sich an mich.
Sobald ich meine Augen schloss sah ich sie nahezu vor mir.
Sie, die Engel.

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Als ich aufwachte wusste ich nicht wo ich war. Nur eines war mir klar;
es war weder das Zimmer in welchem ich schlief, noch die Klasse in der ich meinen letzten auffassbaren Augenblick erlebte hatte.
Das weiche Polster verschluckte mich, so weich war es, und das grelle Deckenlicht barste durch meine Augenlieder.
So schwer, und doch öffnete ich sie.
Das erste was mein Auge erblickte war eine weiße zu stark beleuchtete Decke mit mangelnden Putz. Gebländet vom besagten Deckenlicht versuchte ich mich auf meine Ellenbogen aufzurichten.
Ich blickte mich um.
Ich saß auf einem mit weißen Lacken bezogenen Krankenbett. Die Wände waren in einem abschäulichen gelb gestrichen. Es schien als würde die charmante Beleuchtung dem nicht zu  gute tuen.
Kleine Komoden und Schränke zierten die Wand links von mir.
Ich ahnte, dass ein kleines Fenster sich auf der unteren Hälfte der Wand hinter mir befand.
Ich musste den kleinen, quadratischen Raum nicht weiter beschreiben um zu wissen, dass ich mich im Krankenzimmer befand.
Ich setze mich so auf, dass man es am Rande "gerade" nennen konnte und strich über die schwarze Jeans an meinem Leibe.
Wie lange war ich weg gewesen?
Drei Stunden? Zwei?
Die Antwort öffnete die Tür. Schwester Bareque kam ins Krankenzimmer und spazierte zum Steinzeitmodel eines Computers.
Sie öffnete irgendwelche Tabellen.
"Hase", säuftze sie,"das war diese Woche das dritte Mal. Und es ist Mittwoch"
Mit zwanzig Jahren war ich längst zu alt um Hase genannt zu werden.
Mit zwanzig Jahren war ich aber auch zu alt um eigentlich noch in die Schule zu gehen.
"Am Anfang schien noch alles gut...was ist dann passiert? Es tritt immer häufiger vor."
Bareque drehte sich auf dem Schreibtischstuhl zu mir. Ihre Augen..besorgnisserregt? Traurig? Angestrengt? Ich weiß nicht.
"Ich..ich weiß", flüsterte ich. Die Rückfälle passieren in letzter Zeit immer öfter. Es ist ein Jahr her, das ich die Psychatrie Lennoxter verlassen habe.
Ich war nicht gesund, aber nach drei Jahren war es Zeit meine zerstörte Schullaufban wieder aufzunehmen und sie irgendwie zu vollenden.
Unter normalen Bedingungen,
ich meine damit einem normalen Haushalt, würde ich immer noch wöchentlich meinen Psychiater aufsuchen.
Ja, unter normalen Bedingungen.
"Mr. Olence hat dich hergebracht. Besser gesagt getragen.
Er war nicht überrascht und ich fange mir an Sorgen zu machen das deine täglichen Besuche bei mir bald Alltag werden. Gehst du noch zu...deinem Artzt?"
Sie wollte Psychiater sagen.
Ich sah es in ihren kleinen grauen Augen. Sie hat sich aber nicht getraut, wie jeder andere auch.
Ich fing an mich zu fühlen, als würde meine Schizophrenie nicht nur mich vergiften sondern sich langsam auch auf alle anderen auswirken.
Ich konnte mir nämlich keinen anderen Grund vorstellen, dass sie solch einen mentalen Abstand zu dieser Krankheit hielten.
Oder vielleicht hielten sie doch Abstand zu mir.
Mich würde es nicht wundern, denn meine Psyche war einfach nur noch abgefuckt.
"Ja", log ich. Sie schaute mich kryptisch an." Vielleicht solltest du deinen Psychiater wechseln oder mehr Stunden machen.
Hör zu Aislynn, bald wird es vorkommen, dass du zu viele Fehlstunden hast..."
Sie begann zu reden doch ich hörte nur den Schall. Ich wusste was sie sagen würde. Nur meine unausgesprochenen Gedanken.
Es durfte nicht wieder passieren. Nicht an diesem Ort. Die Leniou war eine altmodische Highschool. Damit war nicht nur der dunkle Bau des alten und düsteren Gebäudes aus braunen Ziegelsteinen und seinen verschmutzten Wänden gemeint. Noch viel schlimmer. Die Lehrer waren im Vergleich zu den Schülern hier noch offen. Konservativ war eine elegante Umschreibung von der Einstellung der Schüler an dieser Schule.
Eine psychische Krankheit hier zu haben und mal "in der Klapse gewesen zu sein", wie die Gerüchte über mich besagten, ist die perfekte Einladung zur Auszeichnung f r e a k.
"...es ist gleich eh Schluss. Los raus hier; du siehst diesen Raum eh schon zu oft"
Ich schob meine schwarzen Haare hinters Ohr, griff nach meinem Rucksack und schaute nochmal in die Scheibe, in mein Spiegelbild. Ich war so blass, dass man mich für tot hätte halten können.
Das musste man nicht.
Ich war es schon.

RebornWhere stories live. Discover now