Prolog

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Natürlich hatte ich Zeit über all das nachzudenken.

Ich hatte hat sogar die Möglichkeit, viel gründlicher darüber nachzudenken, als ich es mir je hätte erträumen können.

Ich bin auf Dinge gestoßen, die ich niemals vermutet hätte. Vorgehensweisen, die gar keinen Sinn ergeben. Schreckliche Traditionen, von denen man gar nicht mehr weiß woher sie kommen, man sie aber trotzdem noch anwendet.

Ich habe sogar zu mir selbst gefunden, so absurd das auch klingt. Zu meinem wahren Ich. Ich habe gelernt, mich selbst zu lieben, mir selbst Gesellschaft zu leisten. Zweitausend Jahre sind nun mal eine Menge Zeit, und wenn man sie nur mit sich selbst verbringen muss, lernt man eben viele Seiten von sich selbst kennen. Viele, auch wenn man sie gar nicht erst kennenlernen wollte, doch man tut es trotzdem. Faszinierend was Verzweiflung alles mit einem anstellen kann.

Doch was hat es mir gebracht, wenn ich dabei das schöne dieser Welt nicht sehen konnte? Wenn ich in der Dunkelheit eingeschlossen war? Wenn sie die wichtigsten Dinge schlichtweg nicht akzeptierten? Traditionen und Kulturen hin oder her, wir müssen uns doch auch anpassen, wenn wir sie beschützen wollen. So, wie wir es bisher immer getan haben.

Man kann doch nicht von uns erwarten einen guten Job zu machen, wenn wir gefühlt komplett eingegrenzt und verfolgt werden. Wenn wir nicht unserem Instinkt folgen können, uns von unserem Herzen leiten lassen.

Es sind so viele Menschen, so viele Kinder, die Hilfe benötigen. Wieso um alles in der Welt können wir ihnen nicht einfach helfen? Wozu gibt es uns überhaupt, wenn wir gar nichts mehr ausrichten können?


Aus Gewohnheit ließ ich mich fallen, entfaltete erst auf halbem Wege meine Flügel und glitt gelassen an der Wasseroberfläche entlang.

Durch das saubere Wasser konnte ich Fische erkennen, die mich selbstverständlich nicht bemerkten. Auch nicht, als ich meine Hand über das Wasser gleiten ließ und die Wassertropfen in meinem Gesicht spüren konnte.

Erstaunlicherweise entglitt mir ein Lächeln, obwohl es an diesem Morgen gar nichts zu lächeln gab und ich auch sonst, keinen anderen Gesichtsausdruck an mir kannte, als ein todernstes 'Pokerface', wie es die Menschen gerne nannten. Ganz im Gegenteil, so schlechte Laune hatte ich schon lange nicht mehr, auch wenn man meinen könnte, es gäbe eine Menge zu feiern wenn man nach zweitausend Jahren endlich wieder frei gelassen wird.

Doch nicht einmal die Sonne, die gerade am Horizont aufging und die kleinen, ruhigen Wellen des Meeres in ein warmes Orange tauchte, konnte mich aufheitern.

Von wegen ,,Du musst dich an die Regeln und Gesetze deines Volkes halten, ihnen ein Vorbild sein und erwachsen, reif und bedacht handeln! Sonst sind wir alle verloren. Du besitzt eine der wichtigsten Aufgaben dieses Gebietes und doch bist auch du der, der unseren Ruf und Jahrelange Arbeit ruiniert! Wach auf und begreif endlich, dass das weder ein Traum noch ein Kinderspiel ist! Du hattest schließlich genug Zeit nachzudenken.", er war doch der, der nicht begriff was hier eigentlich los war. Er war doch der, der ständig nur wegschaute und sich sein schlechtes Gewissen jeden Abend wegtrank. Außerdem kannte er meinen Charakter.

Er wusste genau wie ich bin und dass ich mir nur sehr selten etwas sagen lasse. Wieso hat er dann ausgerechnet mich für diesen Job auserwählt? Er wusste doch, dass ich nicht einfach dabei zusehen werde, wie jeden Tag Millionen von Menschen einfach so, ohne Grund, sterben. Wie die meisten gefoltert werden, nur um die Gelüste der anderen Menschen zu stillen. Er wusste auch, dass ich widersprechen würde, würde man etwas behaupten was nicht stimmte. Das ist doch logisch, oder nicht?


Ich flog etwas höher, betrachtete die Unendlichkeit vor mir. Ich würde noch sehr lange fliegen müssen, doch das musste ich in Kauf nehmen.

Schon seit einigen Tagen hatte ich ein komisches Gefühl im Bauch. So, als würde ich etwas ganz dringend erledigen müssen, ohne zu wissen was es war. Als würde jemand meine Hilfe brauchen, nach mir rufen.

Immer wieder hörte ich eine verschwommene Mädchenstimme. Sie rief nicht meinen Namen, sie flüsterte nur ,,Ist da jemand? Bitte hilf mir." und diese Stimme wurde immer lauter, je weiter ich aufs Meer hinausflog. Je mehr ich mich dem Festland auf der anderen Seite des Ozeans näherte.

Doch sie sprach nicht meine Sprache. Welche Sprache sie sprach, wusste ich nicht, doch ich verstand ihre Worte. Ich spürte ihre Verzweiflung, was mich beängstigte.

Wir sind körperlose Boten, in unserem inneren besaßen wir keine Seele, so wie die Menschen. Hätte ich eine, würde ich meinen, die Seele des Mädchens sei mit meiner verwandt, doch weil ich keine besaß, wunderte ich mich noch mehr über diese starke Bindung.

Ich war lange Flüge gewohnt, konnte nie stillsitzen und meine Neugierde verschlug mich schon oft in entfernte, fremde Länder und Kontinente. Doch heute schien mich die Reise zu entkräften.

Je näher ich dem Mädchen kam, desto schwerer fiel es mir, mein Engeldasein aufrecht zu erhalten.


Es war, als würde etwas aus dem Gleichgewicht geraten.

Between DimensionsGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt