Bruder

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Binnen Sekunden war sein ganzes Leben auf den Kopf gestellt.

„Vielen Dank für Ihren Anruf." Frederick Nolte warf sein Handy quer durch den Raum. Es landete mit einem dumpfen Geräusch auf dem Sofa. Während des Telefonats hatte er sich alle Mühe gegeben, einen gefassten Eindruck zu vermitteln, aber jetzt fiel die Fassade von ihm ab, wie im Herbst die letzten Blätter von einem Baum. Mit zitternden Fingern fuhr er sich durch den schwindenden Ansatz seiner einst dunkelblonden Haare.

„Mein Name ist Philip Jäger. Ich bin dein Bruder." Die Worte hallten wie ein Echo durch seinen Kopf. Konnte das wahr sein? Er hatte von Trickbetrügern gehört, die sich als verschollene Verwandte ausgaben, nur um ihre Opfer später um deren Ersparnisse zu erleichtern, freiwillig oder gewaltsam. Aber seine Worte hatten die alten Zweifel, die er seit seiner Kindheit zu verdrängen versucht hatte, wieder aufkochen lassen. Sollte er nach all den Jahren tatsächlich den Beweis gefunden haben, dass die Familie, bei der er aufgewachsen war, nicht die seine war? Adoptionen waren zu der Zeit ja nichts Ungewöhnliches, dachte er. Aber dennoch, er hatte sich sein ganzes Leben dagegen gewehrt, es zu glauben. Er hatte seine Eltern geliebt und er würde nicht zulassen, dass jemand ihr Andenken beschmutzte.

„Ich weiß, dass das ein Schock für dich sein muss", hatte der Anrufer gesagt. „Du kannst mich jederzeit anrufen oder besuchen kommen, sobald du bereit dazu bist. Meine Adresse steht im Telefonbuch."

Einen Teufel werde ich tun, dachte Frederick. Ich bin viel zu alt, um mein ganzes Leben über den Haufen geworfen zu bekommen.

Aber die Zweifel ließen ihn über die nächsten Tage nicht los. Er schlief ohnehin kaum, seit seine Frau vor einem halben Jahr verstorben war, aber jetzt halfen auch seine Baldriankapseln nicht mehr. So schlimm war es seit den ersten Wochen nach Marthas Tod nicht mehr gewesen.

Am dritten Tag nach dem Anruf hatte er einen Entschluss gefasst. Dieser Kerl kann sich von mir aus als Kaiser von Japan vorstellen, an meinem Leben werde ich ihn nicht teilhaben lassen!

Er musste eine Weile suchen, aber schließlich fand er ein staubiges Telefonbuch, das er seit Jahren nicht mehr benutzt hatte. Er telefonierte ohnehin kaum und wenn dann nur, wenn jemand ihn anrief.

„Benutzt die Dinger heute überhaupt noch irgendwer?", fragte er sich laut, während er die Adresse in die Notizfunktion seines Handys eintippte.

Die Autofahrt erschien ihm unerträglich lang. Mit unsicherem Griff hielt er das Lenkrad fest und ging in Gedanken immer wieder den Text durch, den er sich bereitgelegt hatte. Er verfluchte im Stillen seine gute Erziehung. „Wenn du mit jemandem etwas Wichtiges zu klären hast, dann mach es persönlich", hatte ihm sein Vater stets eingebläut. Oder war es gar nicht sein Vater gewesen? Rasch schüttelte er den unliebsamen Gedanken ab und konzentrierte sich wieder auf die Straße.

Sein Rücken machte ihm auf langen Fahrten immer zu schaffen, was seine Laune nicht verbesserte, und er nahm eine seiner Pillen – gegen die Schmerzen. Vor der Abfahrt hatte er schon zwei geschluckt – für die Nerven. Der Schlafmangel der letzten Tage machte sich bemerkbar. Ein Lastzug überholte ihn hupend. Ein Blick auf den Tacho verriet ihm, dass er gerade so oberhalb der Mindestgeschwindigkeit fuhr.

„Reiß dich zusammen!", sagte er zu sich selbst und drehte das Radio auf.

„... kommt es zu Verzögerungen wegen eines Feuerwehreinsatzes. Wir wünschen eine sichere und angenehme Fahrt."

Als er schließlich vor dem Reihenhaus mit der Nummer 9 hielt, war er schweißgebadet und zitterte am ganzen Körper. Er fühlte sich wie ein Teenager, der zum ersten Mal ein Mädchen zu einer Verabredung abholte. Nur lag vor ihm kein Kinobesuch mit seiner Liebsten. Er war hergekommen, um mit einem Unbekannten den nichtexistenten Kontakt abzubrechen. Bei dem Gedanken musste er auflachen und ein Teil seiner Nervosität verflog.

BruderLa tua prossima ossessione. Scoprilo ora