Ich muss augenblicklich daran denken, welche Gefühle sie in mir auslöste. Aber das zu schreiben und gar vorzutragen, würde viel Mut kosten. Auch wenn niemand wissen würde, wer mir diese Gefühle beschert. Ich überlege eine Weile und beginne mit dem Schreiben...

...

Ich denke, ich bin fertig. Nach wenigen Minuten sind die ersten dran, vorzutragen. Keiner von ihnen konnte mich überzeugen und auch Frau Peters hielt sich mit ihrer Meinung zu den Vorträgen zurück. Nun bin ich, als letzte, an der Reihe. Ich stehe auf und stelle mich aufrecht vor die Tafel. Frau Peters sitzt zwei Meter neben mir und schaut mich an.
Meine Beine zittern leicht, doch ich will das jetzt unbedingt so entspannt wie möglich durch ziehen. Ich kann Frau Peters so zeigen, was ich fühle ...

" Liebe zeigt uns, dass es keinen Unterschied zwischen Himmel und Hölle gibt. Denn die Liebe kann uns glücklich machen, uns in ein Paradies führen, dass wir uns sonst nur erträumt hatten. Sie kann uns alles geben, das wir jemals wollten - sie übersteigt jeglichen materiellen Wert und lässt uns wünschen, wir müssten nie wieder schlafen, denn jeder Traum, den wir nachts träumen würden, wäre nicht mal halb so schön, wie die Realität. Sie lässt jegliche Zweifel in uns verschwinden, wir finden uns selbst auf einmal attraktiv und gewollt, geliebt und wichtig. Und das, obwohl wir uns zuvor abstoßend fanden, wir hassten uns für unsere Fehler. Die Liebe malt ein Lächeln in unser trauriges Gesicht. Das Bauchkribbeln, Herzrasen und die Nervosität sind nur die kleinsten Gefühle, die uns die Liebe schenkt. Sicherheit, Geborgenheit, Vertrauen und dauerhafte Wärme steht zwischen einem. Am liebsten wäre man nie wieder ohne einander. Manchmal sieht man etwas in dem Gegenüber, das zuvor noch nie jemand ihn ihm gesehen hat. Und auch wenn du die Person gar nicht richtig kennst, kannst du die Angst besitzen, sie zu verlieren - obwohl sie dir nicht einmal gehört. Die Liebe schenkt uns unzählige Glücksmomente, in denen wir so wunschlos glücklich sind, wie wir es noch nie waren.
Doch irgendwann verblasst die Schminke. Wir kommen an einen Punkt, an dem wir realisieren, dass wir eine Person nicht bekommen können. Du siehst sie jeden Tag, doch sie scheint unerreichbar für dich. Du bildest dir ein, deine Gefühle beruhen auf Gegenseitigkeit. Jedes ihrer Worte wird in deinem Kopf verdreht. Du machst mir die Welt, wie sie dir gefällt. Sie sagt dir Hallo, und dir bedeutet es die Welt. Doch dir wird bewusst, dass du ihr nichts bedeutest. Jeden Tag durchlebst du es: Du wachst auf und es zerreißt dich direkt. Der Gedanke, diesen Menschen täglich wieder zu sehen und zu wissen, dass du trotzdem ohne ihn leben musst, bringt dich um. Doch deine Hoffnung schwindet nicht. Jeden Tag aufs neue, wenn du ihr in die Augen blickst, stellst du dir vor, sie zu küssen. Und für einen Moment glaubst du, sie wünscht sich das gleiche. Und so geht es seit Wochen. Und genauso wird es die nächsten Wochen weiter gehen. Das ist Liebe."

Bei bestimmten Passagen, wie zB :
>>..stellst du dir vor, sie zu küssen.<<
schaue ich Frau Peters bewusst tief in die Augen. Bei meinem letzten Satz schaue ich sie an und blende das Klatschen meiner Mitschüler aus. Unsere Blicke treffen sich. Sie scheint sichtlich nervös zu werden. Ich spüre, dass mir Tränen in die Augen steigen und gehe deswegen schnell auf meinen Platz zurück.

"Nun.. Danke für ...eure Vorträge. Ihr könnt dann schon in die Pause gehen."

Gott sei Dank. Ich brauche dringend frische Luft. Doch als ich gerade am Lehrertisch vorbei will, spricht Frau Peters zu mir.

"Yulia, bleibst du bitte noch kurz?"

Ich nicke seufzend und habe Angst. Was wird sie jetzt sagen? Wahrscheinlich hat sie nicht mal bemerkt, dass ich sie meine. Bevor ich mir die schlimmsten Dinge ausmale, die sie jetzt sagen könnte, beginnt sie zu sprechen und unterbricht mein gedankliches Chaos.

"Du hast das eben sehr gut vorgetragen. Schreibst du solche Texte öfter?", lächelt sie mir fragend zu.
"Ähm, naja.. Ab und zu schon. A-aber es handelt sich eigentlich immer nur um die Lie-Liebe.", bringe ich stotternd raus.
"Du bist doch erst 17, oder? Wie kommt es, dass du schon so reif und erfahren darüber schreiben kannst?", mustert sie mich.
"Naja.. Eben durch Erfahrungen.", entgegne ich ihr zurückhaltend. Eigentlich will ich gar nicht weiter darüber sprechen, sonst verplappere ich mich nachher noch.
"Weißt du, Yulia, ich schreibe momentan ein Buch. Es ist eine Romanze zwischen zwei Menschen, die sich jeden Tag auf der Arbeit sehen. Der eine entwickelt Gefühle für den anderen. Eben genau über die letzten Passagen deines Vortrages."
Ich nicke ihr abwartend zu.
"Und nun ja.. Mir fehlt noch etwas, das ich nicht gut hinbekomme. Es sind die Gedanken, der Person, die sich in die Kollegin verliebt hat. Vielleicht könntest du ja deiner Kreativität den freien Lauf lassen und mir dabei helfen?", sie grinst mir hoffnungsvoll zu. Ich habe keine Ahnung, was hier gerade passiert, doch mir rutscht ein eindeutiges "Ja, klar!" über die Lippen. Nach diesem Ausrutscher wird mir total warm und ich wette, mein Gesicht ist total rot.
"Gut", lacht sie, "wir können uns ja morgen um 14:30 Uhr im Klassenraum treffen. Dann fahren wir gemeinsam zu mir und dann zeige ich dir erstmal, was ich bisher geschafft habe. In meinem Buch handelt es sich übrigens um zwei Frauen. Nur damit du das schonmal weißt."
Ich nicke ihr lächelnd zu, "Kein Problem, dann bis morgen.", lächle ich ihr zu.

Ich kann es nicht fassen. Ist das jetzt endlich die Chance, die ich mir sehnlichst wünsche? Sie besser kennen zu lernen und ihr näher zu kommen? Oh mein Gott.. Ich kann es nicht glauben.. Wieso schreibt sie überhaupt von zwei Frauen? Ist sie etwa bi oder gar lesbisch? Oder steigere ich mich nur wieder in etwas rein?

Die ganze Heimreise über mache ich mir Gedanken darüber, was heute passiert ist. Es fühlt sich so surreal und komisch an. Doch es ist passierte, ich träume nicht.

Endlich zuhause angekommen schmeiße ich mich erschöpft aufs Bett und schlafe recht schnell ein....

Hazel Eyes (TeacherxStudent)Where stories live. Discover now