Erste Erinnerung

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Und manchmal stehe ich dort am Fenster und schaue über die Weiden, die so alt scheinen wie unsere Körper. Ich sehe hinüber zum Baum, um deinen Frieden zu finden in den Zweigen, die in Äste fließen und dann zum Stamm, der fest im Boden verankert ist. Jahrzehnte vergingen, vergingen so schnell, dass wir nie wussten, wie uns wirklich geschah. Wir vergingen auch, nur der Baum bleibt und irgendwann in ein paar Jahren kommt ein Mann, will sein Haus auf dem Grund deines Friedens bauen, fällt den Baum; alles vergeht in der zarten Brise, die stetig über die Weiden weht. Dann bist du weg und du wirst nicht wissen, wie es dir geschah, denn du fandest deine Ruhe nur in den Gräsern dieser Wiese, die uns einst gehören sollte.

Ruhelos liegt dein Denkmal im Schatten der Eichen, die den Rand der Weiden säumen. Ruhelos, weil die Ruhe in dem Baum liegt und, wenn er gefällt werden sollte, dann gehen würde.

Das hier ist mein Haus. Mein Haus, welches auf den großen Weiden steht, die so alt scheinen, wie unsere Körper. Unter dem Baum dort draußen steht dein Denkmal und ich weiß noch, wie du es dorthin gewünscht hast. Du trugst das himmelblaue Hemd und die Hosenträger, die dir deine Mutter nähte, als wir noch frisch verlobt waren. Ich lag auf der Liege unter dem Baum, tränkte meine Haut mit Sonne und du sahst mich an, als wäre ich ein Engel. "Was ist?", fragte ich damals. "Es ist nichts. Ich versuche zu begreifen, was geschieht.", er hob seinen Kopf, um auch die letzten Zweige sehen zu können. "Was versuchst du zu begreifen?" "Wie Natur und Leben arbeitet, obwohl nichts verweilen wird." Er lachte. Ich auch. Ich weis nicht warum. Sein Lachen durchströmt und ich kann nicht aufhören ihm zu lauschen. Ihm zu lauschen, wie er einst sang, als er den Rasen mähte, wie er einst redete, als er zu schlafen schien.

"...obwohl nichts verweilen wird." Der Baum auf der Weide wird gefällt werden.

Heute stehe ich an diesem Fenster und weiß genau, wie mir geschehen wird. Ich werde hinausschauen und alles in Betracht ziehen. Die Erinnerungen werden um mich herum tanzen, so wie ich es ihnen einst zeigte. Früher, als unsere Knochen noch so waren, dass wir gemeinsam zur Musik tanzen konnten, da lernten sie von uns. Wir besaßen nur eine Platte mit wirklich guter Musik, die wir jeden Abend hörten. Und als die Musik unsere Körper antrieb und um uns wirbelte, da wussten wir, dass wir richtig waren. Niemand hätte uns sagen können, wir wären es nicht. Wenn wir es nicht wären, würde der Baum nicht deine Erinnerungen halten, die du freiliest, um mir etwas zu vermachen. Das Haus vermachst du mir; das ist wahr. Die Weiden vermachst du mir; korrekt. Die Erinnerungen vermachst du mir und sie bedeuten mir so viel mehr. Kannst du verstehen, wenn ich sage ich werde ein anderes Mal für dich weinen? Kannst du mich verstehen, wenn ich dir meine endlose Trauer vorenthalte; verbergen tue? Kannst du mich verstehe, wenn ich verweilen, vergehen möchte? Mit dir? Auch, wenn du mir weit woraus eilen wirst? Auch dann? Wirst du mich verstehen können, wenn ich mir deinen Frieden borge, um einen Eigenen aufzubauen?


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⏰ Last updated: Jul 09, 2017 ⏰

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