1 - Der unsichtbare Dritte

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Argwöhnisch betrachtete ich den leeren Stuhl neben mir und seufzte genervt auf. Sie verspätete sich eigentlich nie. Und ich wusste, dass wenn sie nicht kommen würde, ich diesen Tag sicher nicht ohne bleibende Hirnschäden überleben würde. Ich ignorierte die laut schwatzenden Mitschüler neben mir und liess meine Gedanken abschweifen. Wie schön wäre es, wenn ich heute Morgen einfach im Bett geblieben wäre? Denn vor einer Woche lag ich noch in ebendiesem Bett, schlief tief und fest, wanderte in der Traumwelt umher und zählte Schäfchen. Damals war noch alles gut. Hätte ich gewusst, was mein drittes High-School-Jahr für mich bereithielt, ich glaube, ich wäre an diesem Tag gar nicht mehr aufgewacht. Ich wäre in meiner kleinen heilen Welt geblieben und wäre am nächsten Montag-Morgen bestimmt nicht zurück in die Schule gegangen.

Denn genau dort, in einem verranzten, alten klapprigen und vor allem unbequemen Holzstuhl in Mr. Allens Klassenzimmer sass ich jetzt. Das Mädchen mit den blonden Locken, das ich bis jetzt noch nie in dieser Klasse gesehen hatte, wusste wohl nicht, dass es einer der grössten Fehler war, sich bei Mr. Allens Physik-Unterricht in die erste Reihe zu setzen. Und als es klingelte und der genannte Lehrer mit schweren Schritten ins Klassenzimmer stolzierte, gingen alle Schüler an ihre Plätze und das Mädchen realisierte, dass niemand mit ihr vorne sass. Sie sah etwas bekümmert nach hinten, traute sich aber nicht sich noch umzusetzen, weil Mr. Allen nun direkt vor ihr stand und die Klasse argwöhnisch betrachtete.

Er war wohl noch ausser Atem vom Gang ins höchstens zehn Meter entfernte Lehrerzimmer und zurück, denn als er die Liste mit allen Namen der Schüler aus seiner Aktentasche fischte, wartete er einige Sekunden ab, um sich zu fassen und zu Atem zu kommen.

Ich fasste mir jetzt schon genervt an die Stirn und fragte mich zum wiederholten Male, wo meine beste Freundin blieb.

"Maria Attor?", fing unser korpulenter Physik-Lehrer nun also an, seine Liste abzuarbeiten. "Hier", hörte man eine leise Stimme aus den hinteren Reihen.

"Merlin Copperfield?", die tiefe Bassstimme drang nur undeutlich an mein Ohr und ich sah kurz von meinem leeren Schreibblock auf.

"Nicht da!", rief ich Mr. Allen zu. Sein Kopf schnellte sofort nach oben und sein Blick fixierte mich. Und dieser liess mich nicht gerade vermuten, dass er erfreut über die Abwesenheit seiner Lieblingsschülerin war.

Er fühlte sich offenbar auch von mir persönlich angegriffen, weil sein alltäglicher Ablauf so unterbrochen wurde.

"Was soll das heissen nicht da?", fragte er mit Missmut in seiner Stimme. Er schien es wirklich nicht als berauschend zu empfinden, dass Merlin nicht hier war.

"Wo ist sie denn Jensen?", fuhr er mich an, als ich nicht sofort auf seine Frage antwortete. Ich seufzte und versuchte ihm zu erklären, dass ich genauso wenig über ihren momentanen Standort informiert war, wie er. Damit er endlich Ruhe gab, stimmte ich ihm noch zu, als er sagte es sei doch aussergewöhnlich seltsam, dass sie nicht hier war.

Er schenkte mir nur einen gehässigen Blick und senkte dann wieder seinen Kopf um mit der Liste weiterzumachen.

"Hailey Duncin?"

"Hier."

"Oliver Genoway?"

"Hier."

"Hunter White?"

"Ja."

"David Jensen?"

"Ich war vor 20 Sekunden noch genauso anwesend wie jetzt gerade Sir", gab ich von mir und beobachtete schmunzelnd wie Mr. Allen resigniert seufzte und sich an die Stirn fasste. "Jensen!", rief er schon leicht verärgert.

"Vielleicht liegt es an Miss Copperfields Fernbleiben des Unterrichts, das ihnen erst jetzt aufgefallen ist, dass da auch jemand neben dem Wunderkind sitzt. Aber Mr. Allen, sie müssen mir einfach auch mal eine Chance geben mich und meine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen", fuhr ich unbeirrt fort, seinen Ausruf ignorierend und mit einem unschuldigen Ausdruck im Gesicht.

MerlinWhere stories live. Discover now