Teil 1

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[Ein Jahr zuvor]

"Jetzt komm du verdammte Schnarchnase!" Lachend warf ich dem Jungen vor mir einen Schneeball an den leuchtend roten Helm.

"Auf jeden Fall! Mit einer kaputten Bindung und ohne Handschuhe, nur um es dem Engelchen recht zu machen!", schrie Fynn mir über die Schulter hinweg zu.

"Ja, bitte!" Kichernd drehte ich mich wieder Richtung Tal.

Diesen Spitznamen verdanke ich meinem Nachnamen, Di Angelo. Fynn ist fast gestorben vor Lachen, als wir uns vor über fünf Jahren zum ersten Mal getroffen haben. Als ich nachfragte, was denn so lustig sei, brachte er unter einem Lachkrampf ein keuchendes: "Di Angelo... Engelchen", heraus. Zugegebenermassen war er ziemlich betrunken zu dem Zeitpunkt, vergessen hat er es allerdings nie und nennt mich auch Heute noch so.

Mit ausgestreckten Beinen und angeschnalltem Board sass ich am obersten Punkt der Piste und wartete auf den Vollpfosten mit der kaputten Bindung.

"Jetzt komm, jetzt komm, jetzt komm!"

"Halt dein Maul du nerviger Vollidiot, ich weiss schon so nicht wie ich das bitte reparieren soll! Die komplette Bindung ist im Eimer und ich weiss noch nicht einmal ansatzweise wie ich so bis nach unten zum Hotel kommen soll!" Ich wandte mich wieder dem hinter mir knienden Fynn zu und versuchte ihm über die Schulter zu schauen.

"Frag doch einfach jemanden von hier oben wie das geht!", schlug ich vor, während ich mich robbend den halben Meter zu meinem Freund hochzuziehen veruchte. Dieser jedoch warf mir über die Schulter nur einen "Geh mal bitte eben sterben" Blick zu und widmete sich erneut seinem Board. Ich beschloss dass dieser halbe Meter doch zu unüberwindbar war, liess mich in eine liegende Position fallen und drehte mich auf den Rücken.

Der Himmel über mir färbte sich bereits Lila. Auf den letzten noch fahrenden Vierersessel hatten wir uns noch gequetscht und unsere beiden Mitfahrer waren längstens ausser Sichtweite. Die verlassene Bergstation verdeckte die letzten Sonnenstrahlen, die es über den Bergkamm schafften.

"Jetzt komm schon, bevor die letzte Pistenkontrolle aufkreuzt!", quengelte ich weiter und stiess Fynn in die Seite. Auch wenn es durch die Tarnjacke schwer zu erkennen war zuckte dieser zusammen. Grinsend piekte ich ihn erneut in die Rippen. "Kohomm, kohomm, kohomm!", nörgelte ich und Fynn verlor die Geduld. "Okay okay du elendes Kleinkind, Papi kommt ja schon.", fauchte er mich an und ich grinste noch breiter. "Das wird schon irgendwie halten bis unten", murmelte er und liess die Bindung zuschnappen.

"Nach dir, du Quatschkopf", murrte er, und warf mir seinerseits einen Schneeball an die Brille. "Wenn ich diese Fahrt nicht überlebe finanzierst du die Beerdigung, nur damit das klar ist!"

Mit einem Ruck schlug ich die Kante meines Boards in den Schnee und stemmte mich in die Höhe bis ich aufrecht auf dem Brett stand. Dann liess ich mich langsam auf der hinteren Kante einige Meter bergab rutschen bevor ich zur ersten Kurve ansetzte. Hinter mir hörte ich das Schaben von Fynns Board auf dem Schnee und gab Gas. Diese lahme Ente würde mich auf keinen Fall überholen! Ich drehte mich wieder von der vorderen auf die hintere Kante zurück und holte immer mehr Schwung, bis ich in - für meine Verhältnisse - ziemlich rasantem Tempo den Hang hinunterfuhr.

Die Geräusche hinter mir wurden immer leiser. Der Hang wurde nach und nach immer flacher und ich fluchte leise. Fynn würde mich garantiert überholen. In einiger Entfernung sah ich, wie sich die Piste teilte. Wahrscheinlich führten die beiden Wege wieder zusammen und teilten sich nur, um einen Baum oder ein Haus zu umgehen. Ich hatte also freie Wahl. Während ich gerade auf die Gabelung zufuhr und immer langsamer wurde, schätzte ich ab auf welchem Weg ich meinen Freund eher abhängen könnte. Hinter mir hörte ich erneut Geräusche und verzog den Mund. Er war mir dicht auf den Fersen.

Ohne einen Blick zu riskieren entschied ich mich für den Weg, welcher steiler aussah. Er würde keine Chance haben. Triumphierend fuhr ich in kurzen Kurven den Hang hinunter. Hinter mir war nichts mehr zu hören und ich grinste.

Sanft bremste ich am Fuss des Hangs auf einer kleinen, ebenen Stufe ab und drehte kurz den Kopf um Fynn ausfindig zu machen und wurde aus heiterem Himmel grob gestoppt. Erschrocken streckte ich meine Hände nach vorne und bekam einen Stock zu fassen. Mein Board rutschte mir unter den Füssen weg und ich landete unsanft auf dem Rücken. Für einen Moment tanzten Sternchen vor meinen Augen, bevor ich über mir den violett gefärbten Himmel, dunkle Tannenspitzen und ein schwarzes Schild sah.

Moment.

Was war das? Ich setzte mich langsam auf und zog mich an dem in den Schnee gerammten Stock hoch. Tatsächlich. Ich war auf der schwarzen Piste gelandet. Ungläubig starrte ich die runde Metallplatte an und fluchte leise. Wo zum Teufel steckte Fynn? Ein Blick reichte um zu merken dass der Hang hinter mir absolut Menschenleer war. Kein Fynn weit und breit, und auch sonst war keine Menschenseele zu sehen.

Ich war alleine.

EiskristallWhere stories live. Discover now